Antikörper (lila) reagieren auf das Sars-CoV-2-Virus. Sie heften sich an die Stacheln des viralen Proteins und markieren sie. So können andere Immunzellen sie dann zerstören.

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Immer wieder sorgten in den vergangenen Monaten Studien zu Antikörpern gegen Sars-CoV-2 für Aufmerksamkeit. In den Untersuchungen ging die Zahl der Antikörper schon wenige Monate nach der Infektion erheblich zurück. Mit dieser Nachricht einher ging die Befürchtung, der Körper könne sich nicht gegen eine erneute Infektion verteidigen.

Das hätte natürlich beträchtliche Folgen. Denn nur wenn ein Großteil der Bevölkerung im Lauf der Zeit eine Immunität erlangt – ob nun durch eine Ansteckung mit dem Virus oder durch eine Impfung –, kann das Infektionsgeschehen ohne massive Einschränkungen der Bürger abklingen.

Unter der Lupe

Nun gibt eine Studie im renommierten Fachblatt Science Anlass zu Hoffnung. Das Team um Shane Crotty von der University of California, San Diego nahm die Blutproben von mehr als 180 Covid-19-Patienten unter die Lupe. Die meisten der Betroffenen erlebten während der aktiven Erkrankungsphase nur milde Symptome, etwa sieben Prozent mussten im Krankenhaus behandelt werden. 43 Blutproben stammten von einem Zeitpunkt, an dem die Infektion bereits zwischen sechs und acht Monaten zurücklag.

Es zeigte sich: Bei den meisten Probanden war die Zahl der Antikörper im Blut zwar im Laufe der Zeit zurückgegangen. Sie blieb aber auch nach Monaten – teilweise sogar nach acht Monaten – ziemlich stabil.

Dynamische Produktion

"Antikörper können mit der Zeit wieder verschwinden", sagt der Neuroimmunologe Florian Deisenhammer von der Medizinischen Universität Innsbruck, "das ist ganz normal. Ein einzelner Antikörper hat eine Halbwertzeit von drei Wochen." Die Antikörper schwimmen also nicht die ganze Zeit im Blut herum, nachdem sie produziert wurden. Sie werden aber von bestimmten Blutzellen immer wieder neu produziert. "Üblicherweise reichen schon minimale Mengen aus, um bei einem Neukontakt mit dem gleichen Erreger eine wirksame Immunreaktion hervorzurufen", so Deisenhammer.

Die Studie in Science kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die meisten Studien – nämlich dass die Zahl der Antikörper gegen Sars-CoV-2 relativ stabil bleibt. Am Anfang der Infektion werden sie im Übermaß produziert, nehmen dann wieder ab, stabilisieren sich aber nach einigen Monaten.

Auch in einer Studie von Florian Deisenhammer und seinen Kollegen stabilisierte sich die Zahl der Antikörper im Verlauf von sechs Monaten. Außerdem kommt es nicht nur auf die Antikörper an. Zellen der Immunabwehr entwickeln ein Gedächtnis für den Erreger. Zu ihnen gehören sogenannte B-Gedächtniszellen.

Erneuter Kontakt

Wenn eine Person erneut auf Sars-CoV-2 trifft, könnten diese B-Gedächtniszellen reaktiviert werden und zur Bildung von Antikörpern beitragen, um eine erneute Infektion zu bekämpfen. Und solche Zellen bleiben oft ein Leben lang bestehen.

In der aktuellen Studie in Science legten die Gedächtniszellen anders als die Antikörper im Laufe der Monate sogar zahlenmäßig zu. Insofern könne zum jetzigen Zeitpunkt von einer sehr langfristigen Immunität ausgegangen werden kann, sagt Florian Deisenhammer.

Zusätzliche Bestätigung bekommt die aktuelle Untersuchung von einer australischen Studie, die Ende Dezember im Fachblatt Science Immunology erschienen ist. Auch in dieser Untersuchung waren die Gedächtniszellen des Immunsystems noch nach acht Monaten vorhanden, was zu Hoffnungen auf eine lang dauernde Immunität berechtigt. Allerdings darf man eines auch nicht unterschlagen. Die Reaktionen des Immunsystems – die Zahl der Antikörper, der B-Gedächtniszellen und anderer Immunzellen – variieren.

Warum Unterschiede

Florian Deisenhammer erklärt, warum die Immunantworten bei Menschen unterschiedlich ausfallen: "Der genetische Hintergrund des Patienten bestimmt, wie mit dem Infekt umgegangen wird", so der Neuroimmunologe. "Manche Betroffene produzieren überhaupt keine Antikörper, haben aber eine starke Immunreaktion in Form von anderen Immunzellen. Bei anderen ist es gerade umgekehrt."

Was bedeuten nun all diese Erkenntnisse für die Frage, ob Menschen auch nach überstandener Infektion mit Sars-CoV-2 erneut daran erkranken können? Und was bedeuten sie für die Schutzwirkung einer Impfung gegen das Coronavirus?

Trotz der guten Wirksamkeit der Corona-Impfungen werde es immer auch einige wenige Impfversager geben, sagt Florian Deisenhammer. Und so ähnlich gebe es ganz seltene Fälle von Menschen, die ein zweites Mal an Covid-19 erkranken. "Das hat wohl eher damit zu tun, dass sich das Virus mit der Zeit verändert", so der Neuroimmunologe. "Das Virus bietet ganz viele Angriffsstellen, gegen die sich die Immunantwort richten kann. Und manche Menschen entwickeln nur gegen einen ganz bestimmten Teil des Virus eine Immunreaktion."

Verändert sich nun das Virus und weist dann Teile auf, die von der Immunabwehr nicht bereits schon einmal erkannt wurden, dann kann der Betroffene unter Umständen doch noch einmal erkranken. "Im Allgemeinen ist aber die Immunantwort so breit, dass auch bei einer Mutation des Virus genügend immunkompetente Zellen vorhanden sind, die das Virus bekämpfen." (Christian Wolf, 17.1.2020)