Phil Spector 1966 – die amerikanische Antwort auf Mozart bei der Arbeit. Der geniale Musikproduzent starb mit 81 Jahren im Gefängnis.

Am Ende musste er ein Spiegelbild erblicken. Wie Hyänen belagerten die Gerichtsreporter Phil Spector. Sie sahen einen alten Mann auf der Anklagebank, der groteske Perücken trug und in einer Parallelwelt zu leben schien, seine Hände zitterten. Die Wirklichkeit holte ihn erst ein, als er 2009 wegen Mordes zu 19 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Knapp 70 war er da.

Fünf Jahrzehnte zuvor war er selbst Gerichtsreporter gewesen, hatte blutige Chroniken geschrieben, sich dann aber seiner großen Liebe zugewandt: der Musik. Dort stieg er in einsame Höhen hoch, die seinen Fall ein halbes Jahrhundert später umso tiefer erscheinen haben lassen.

Phil Spector war eine der wichtigsten Figuren der Popmusik des 20. Jahrhunderts. Er wurde "Amerikas Antwort auf Mozart" genannt, der "first Tycoon of Teen". Spector produzierte Hits, die zum Weltkulturerbe zählen; er schuf mit Wall of Sound eine eigene Ästhetik und erfand und definierte den Beruf des Musikproduzenten wie niemand vor ihm: Er benützte die technischen Möglichkeiten des Studios wie ein Instrument – das war revolutionär.

Beatles, Cohen, Ronettes

Er produzierte die Ronettes, die Beatles, John Lennon, George Harrison, Leonard Cohen, Ike and Tina Turner oder die Ramones. Spector war ein genialer Visionär mit einer schweren Beeinträchtigung auf zwischenmenschlicher Ebene. Das äußerte sich in einem für Amerika oft so typischen Waffenfetischismus, der sein Schicksal besiegeln sollte. Das Gericht sah es 2009 als erwiesen an, dass er die Schauspielerin Lana Clarkson 2003 erschossen hatte. Nun ist auch Phil Spector gestorben.

Harvey Phillip Spector wurde am 26. Dezember 1939 als Kind jüdischer Migranten in der New Yorker Bronx geboren. Er war neun, als sein Vater Suizid beging, die Mutter zog dann mit ihm nach Kalifornien, das milde Klima sollte dem kränklichen Kind guttun. Der Verlust des Vaters hatte den Jungen massiv getroffen. Der Titel seines ersten Hits lautete To Know Him Was To Love Him und war eine Variation der Grabsteininschrift seines Vaters.

Phil Spector mit den Teddy Bears (ganz rechts: Spector)
Bertrand VDM

Der Song für die Teddy Bears schoss den gerade 19-Jährigen in der euphorischen Aufbruchsstimmung der explodierenden Jugendkultur in den Pophimmel. 1961 gründete er mit Lester Sill das Label Philles und wurde zu Amerikas jüngstem Labelchef. Zurück in New York arbeitete er mit den Songwritern des Brill Building zusammen und landete mit Gene Pitneys He’s A Rebel 1962 einen Nummer-eins-Hit.

Wagners Bombast

Im Jahr darauf übernahm er die Produktion einer Girl-Group, die bis dahin als Darling Sisters auftrat. Spector nannte sie The Ronettes und produzierte ihnen Hits. Als Adept Richard Wagners deutete er Rockmusik als orchestrierten Wahnsinn. Bis zu 40 Mikros verwendete er im Gold Star Studio in Los Angeles, um mit der Wrecking Crew gerufenen Studio-Belegschaft seinen Sound zu erschaffen, den er am liebsten im Mono-Verfahren festhielt.

Dutzende Singles entstanden so. Die Ronettes wurden weltberühmt mit Titeln wie Walking In The Rain, Be My Baby oder Baby, I Love You. Das waren Minidramen, denen Spectors spektakuläre Produktion eine enorme Wirkmacht verlieh. Allein schon das (aus einem Fehler entstandene) Schlagzeug-Intro von Be My Baby findet bis heute Nachahmer.

Weltkulturerbe: Be My Baby – The Ronettes.
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Derselben Behandlung unterzog er Gruppen wie The Crystals, denen er Songs wie Da Doo Ron Ron oder Then He Kissed Me maßschneiderte; Teenagerdramen, die mit den Licht- und Schattenzuständen der ersten Liebe balancierten. Ähnliches tat er mit den Righteous Brothers. Deren Herzausreißer-Ballade You’ve Lost That Lovin’ Feeling wurde so oft im US-amerikanischen Radio gespielt wie bis heute kein anderes Lied.

Was Spector angriff, wurde zu Gold. Sonny Bono lernte von ihm Studiotechnik, einer der ersten Jobs von Cher war es, im Chor der Ronettes Be My Baby zu singen. 42 Mal ließ er den Song einspielen, bis das Ergebnis dem Meister zusagte. Spector galt als herrischer Perfektionist, als Ego- und Monomane. Er fuhr Rolls Royce, trug Hemden mit Pluderärmel und tyrannisierte die Studiomusiker.

Ike & Tina Turner: River Deeep, Mountain High.
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Doch Trends sind im Pop kurz- und schnelllebig, das bekam sogar Phil Spector zu spüren. Als er 1966 mit River Deep, Mountain High für Ike & Tina Turner sein Meisterwerk schuf, kam er damit gerade einmal mit einer Single in die Charts – und das nur in England.

"Imagine"

1968 heiratete er die Lead-Sängerin der Ronettes, Veronica Bennett alias Ronnie Spector. Nach vier Jahren Ehe floh sie aus dem Haus, in dem Spector sie wie eine Gefangene gehalten haben soll. Das Paar adoptierte drei Kinder, darunter ein Zwillingspaar, das Spector seiner Frau als "Geburtstagsgeschenk" präsentierte. 1974 wurde die Ehe geschieden, Ronnie Spector sollte Phil nie wieder sehen.

Phil Spector auf der Anklagebank. 2009 wurde er zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt.
Foto: AP

In den Jahren davor feierte er ein Comeback als Produzent. Er vollendete sehr zum Missvergnügen von Paul McCartney das finale Beatles-Album Let It Be, produzierte George Harrisons Nummer-eins-Album All Things Must Pass, John Lennons Solodebüt sowie die Hit-Single Imagine.

Kurz lag sogar das Schicksal des Martin Scorsese in Spectors Händen: Der Regisseur hatte für seinen Film Mean Streets (1973) ungefragt Be My Baby verwendet; John Lennon soll Spector darauf hingewiesen haben. Spector hätte Scorsese mit einer Klage wohl ruiniert. Stattdessen einigte man sich darauf, das Scorsese weiterhin Spectors Musik verwenden würde, wenn aus ihm ein berühmter Regisseur werden würde – das sollte sich für beide bezahlt machen.

Leonard Cohen – Don't Go Home With Your Hard-On.
LeonardCohenVEVO

1974 erlitt er einen schweren Autounfall, bei dem er beinahe frühzeitig für tot erklärt worden wäre. Er trug schwere Kopfverletzungen davon und fortan Perücken, die sein erratisches Wesen nicht zu seinem Vorteil unterstrichen haben.

1977 nahm er Leonard Cohens Album Death Of A Lady’s Man auf, dabei soll er Cohen einmal als Argumentationshilfe die Pistole an den Hals gesetzt haben und das Album im Alleingang und nach seinen Vorstellungen vollendet haben. Öfter soll er im Laufe seiner Karriere in die Studiodecke geschossen haben, auch die Ramones sollten das bezeugen können, als er 1979 ihr Album End of The Century aufnahm.

Wilsons großes Vorbild

Danach verschwand er fast 20 Jahre lang von der Bildfläche, wurde zum Mythos, sein Erbe zu Evergreens, dessen Einfluss größer und größer. Als er in den Nullerjahren wieder auftauchte, arbeitete er ohne Resultat mit Celine Dion und produzierte zwei Songs für das Album Silence Is Easy der britischen Band Starsailor. Im selben Jahr starb Lana Clarkson durch seine Hand.

Starsailor – Silence Is Easy.
Dig!

Spectors Einfluss auf die Popmusik war immens. Für Brian Wilson von den Beach Boys – selbst ein Genie – war er der Größte, ein Unerreichbarer. Sein Einsatz des Studios veränderte die Anmutung der Popmusik für immer, sein Wall of Sound findet sich in unzähligen Werken wieder – von den Walker Brothers über Abba bis zu Bands wie Jesus and Mary Chain oder Spiritualized.

Spectors Leben wurde mit Al Pacino verfilmt, er selbst hatte einen Auftritt im Kultfilm Easy Rider – als Drogendealer. Genie und Wahnsinn fanden in diesem kleinen Mann einen willigen Wirt, mit all seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Tragödien.

Nach langer Krankheit ist Phil Spector am Sonntag in einem kalifornischen Gefängnis gestorben – an einer Covid-19-Infektion, wie seine Tochter angab. Er wurde 81 Jahre alt. (Karl Fluch, 17.1.2021)