In Indonesien kam vergangene Woche eine Lieferung mit Covid-Vakzin an.

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"Die Welt steht am Rand eines katastrophalen moralischen Versagens", fasste der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Ghebreyesus, vor kurzem die alarmierenden Statistiken zu bisherigen Covid-Impfungen zusammen. In einem der ärmsten Länder wurden bis vergangene Woche bloß 25 Dosen verimpft. "Nicht 25 Millionen, nicht 25.000, nur 25", setzte Tedros nach.

Was schon länger befürchtet wird, beginnt nun Realität zu werden: 95 Prozent aller Impfungen seien bisher in nur zehn Ländern verabreicht worden, kritisierte die WHO. Die meisten der weltweit über 63 Millionen Dosen wurden in Israel, UAE, Großbritannien, Bahrain, USA, Italien, Deutschland, Frankreich und China verabreicht. In absoluten Zahlen führen die USA mit über 20 Millionen die Liste an (Stand 24.1., Our World in Data). Die Covid-Pandemie macht einmal mehr die Kluft zwischen wirtschaftsstarken und wirtschaftsschwachen, großen und kleinen Staaten, eklatant sichtbar.

Sogar wenn das – wie manche Beobachter meinen – gerechtfertigt wäre, weil diese Staaten ja auch am stärksten betroffen seien: Auch der Ausblick auf bereits abgeschlossene Lieferverträge mit Pharmaunternehmen zeigt einen ähnlich ungleichen Trend.

Reiche und große Länder haben sich ein Vielfaches der für ihre Bevölkerung benötigten Dosen gesichert. Die EU hat bereits rund 2,4 Milliarden Impfdosen von sechs Herstellern sichergestellt – also fünf Impfungen pro Person. Auch wenn nicht alle der geplanten Impfstoffe realisiert werden können, ärmere Länder ziehen bei dem Run auf die Dosen den Kürzeren. Bis es für die gesamte Weltbevölkerung genug Impfstoff gibt, könnte es bis 2023 oder 2024 dauern, rechnete die Duke University vor.

Impfstoffgerechtigkeit durch "Covax"

Dabei sollte genau diese Situation vermieden werden. Schon im April wurde "Covax" (Covid-19 Vaccines Global Access) gegründet, unter der Schirmherrschaft von WHO und der Impfstoff-Allianz Gavi (Global Alliance for Vaccines and Immunizations). Ziel ist es, Ländern den Zugang zur Impfung zu ermöglichen, die es sich sonst nicht leisten könnten. Bisher haben sich 190 Länder angeschlossen. Industrie- und Schwellenländer zahlen mehr pro Dose, ärmere Staaten weniger bis gar nichts, so die Idee.

Doch so recht funktionieren will die globale Solidaritätsplattform nicht. Sie kämpft einerseits mit Unterfinanzierung. Das Hauptproblem ist aber, dass viele reiche Länder mit den Pharmafirmen eigene, bilaterale Verträge abseits von Covax abschließen. Auch die Schwellenländer stehen unter Druck nachzuziehen. Die ärmsten gehen leer aus oder müssen sich hinten anstellen.

Ein regelrechter "Impfstoffnationalismus" setze nun ein, warnt WHO-Chef Tedros seit Wochen. Die USA haben sich Covax erst gar nicht angeschlossen. Die Hoffnungen sind groß, dass sich das unter dem neuen Präsidenten Joe Biden ändert.

Einige Länder pochen daher auf weitreichendere Maßnahmen. Eine Allianz von 15 Ländern fordert von der Welthandelsorganisation (WTO), die Patentrechte für Impfschutz temporär auszusetzen, damit Länder Impfstoffe selbst herstellen könnten. Laut Amnesty International blockieren das aber die USA, Japan und auch die EU. Federführend sind Südafrika und Indien.

Kein Strom, kein Kühlschrank

Doch an die Stoffe überhaupt heranzukommen ist nur ein Teil des Problems. Viele Länder sind auch mit der Kühllogistik überfordert. Wenn es in Ländern wie Österreich vor allem um die Frage geht, wie Hausärzte einen Impfstoff am besten lagern können, sehen sich andere Länder mit der Frage konfrontiert: Können sie überhaupt eine adäquate Kühllogistik bereitstellen? So wurde Bangladesch zum Beispiel über Covax Chargen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs angeboten, der ja auf minus 70 Grad gekühlt werden muss. Bedingung des Deals: Bangladesch muss einen funktionierenden Kühlplan präsentieren, damit der Impfstoff nicht verdirbt.

So sind ärmere Länder doppelt und dreifach in der Klemme. Unicef hilft etwa in Zentral- und Westafrika bei der Kühllogistik und stellt dort spezielle Flugzeuge bereit. Hoffnung nährt der Astrazeneca-basierte Impfstoff aus Indien, der zumindest in normalen Kühlschränken lagerbar ist – auch wenn das im ländlichen Raum, bei schlechter Stromversorgung, auch oft utopisch ist. Indien, mit seinem Serum-Institute einer der größten Impfhersteller weltweit, hat begonnen, im eigenen Land zu impfen und auch zu exportieren. Zwei Millionen Dosen sollen demnächst nach Bangladesch gehen.

Während Indien zum globalen Impfstoff-Player aufsteigt, hat es Südafrika versäumt, an gute Karten zu kommen. In dem Land wird zwar Impfstoff hergestellt, nämlich der von Johnson&Johnson, aber in die USA exportiert. Das Land muss nun fast dreimal so viel für eine Dose Astrazeneca (hergestellt im indischen Serum-Institute) bezahlen als die EU. Das Land habe nicht bei der Entwicklung mitgezahlt, zitierte das Gesundheitsministerium die Begründung von Astrazeneca.

Schulden durch Impfstoffe

Diverse Analysten befürchten, dass eine breite Impfung am afrikanischen Kontinent noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern könnte. Dabei haben viele Länder dort – etwa durch Ebola – viel Erfahrung mit Impflogistik. Auch ist die Impfskepsis relativ gering, weil viele Menschen erlebt haben, wie Impfungen etwa Polio oder Masern wirksam bekämpfen.

Die Afrikanische Union hat sich mit Stand dieser Woche 270 Millionen Dosen von drei Impfherstellern gesichert. Die Preise sind zwar stark vergünstigt, viele Staaten werden sich aber trotzdem verschulden müssen, wie interne, an Reuters geleakte Dokumente zeigen.

Zusammengefasst ist der Trend deutlich: Die wirtschaftsstarken und großen Länder bestellen direkt bei den Pharmaunternehmen, die wirtschaftsschwachen sind auf Covax oder den Goodwill reicherer Staaten angewiesen.

UN-Generalsekretär António Guterres fordert Solidarität der Weltgemeinschaft ein – wenn schon nicht aus moralischen, dann aus pragmatischen Gründen: "Impfnationalismus ist nicht nur unfair, er ist selbstzerstörerisch", schrieb er bereits Anfang des Jahres auf Twitter. "Kein Land wird sicher vor Covid-19 sein, wenn nicht alle Länder sicher sind."

(Anna Sawerthal, 25.1.2021)