Flüchtlingshelfer vor Ort berichten, dass sich auch in jenen Teilen, wo die Bleikonzentration zu hoch ist, täglich Menschen aufhalten, darunter auch Kinder.

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Im Boden unter dem Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos wurden teilweise erhöhte Bleiwerte festgestellt. Eine Untersuchung der griechischen Behörde für Geologie- und Bergbauforschung habe ergeben, dass eine von zwölf Proben erhöhte Bleiwerte aufweist, erklärte das griechische Migrationsministerium in einer Aussendung am Samstag. Da die bedenkliche Probe aber aus einem Bereich des Lagers stamme, auf dem keine Wohnzelte aufgebaut seien, bestehe keine Gefahr für die Bewohner.

Grund für die Bleibelastung könnte ein ehemaliger Schießstand sein, der bis zum Bau des Zeltlagers genutzt wurde. 21.000 Quadratmeter war er groß – von 341.000 Quadratmetern Fläche, die das Lager insgesamt hat. Für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hätte eine Untersuchung des Bodens vor dem Bau des Lagers erfolgen müssen. "Die griechischen Behörden müssen jetzt reagieren und die Menschen in Sicherheit bringen", fordert die Organisation. Es gebe nämlich noch zu viele offene Fragen: Da die Bodenproben von den griechischen Behörden nicht veröffentlicht wurden, wisse man nicht, welche Standards herangezogen wurden und wie die Ergebnisse genau aussehen.

Besonders schädlich für Menschen

Laut Weltgesundheitsorganisation gibt es bei Blei keinen Grenzwert, ab dem eine Belastung nicht gesundheitsschädlich wäre. In den menschlichen Körper kann es über Bodenpartikel, Nahrung, Trinkwasser oder Luft gelangen. Im Körper verteilt sich das Schwermetall auf das Gehirn, Leber, Nieren und Knochen. Für Kinder ist es besonders schädlich. Von ihnen leben mehrere Tausend in Kara Tepe.

Auch in österreichischen Böden findet man Blei. Allerdings gibt es strenge Grenzwerte, die sich meist bei 100 Milligramm pro Kilogramm Trockenboden bewegen. Als Substanz, die nicht abgebaut werden kann, kann unter Umständen auch eine geringere Konzentration negative Folgen haben, sagt Harald Zechmeister von der Uni Wien. Als Experte für Biomonitoring betont er, dass Grenzwerte immer relativ sind.

Griechenland beruhigt

Das griechische Ministerium sieht keinen Grund zur Sorge: "Im Moment sind wir zuversichtlich, dass unsere detaillierte Untersuchung der Bleivorkommen keine Werte ergeben hat, die eine spezielle Intervention [...] erforderlich machen würden", heißt es in der Aussendung. Bei elf von zwölf Proben, die im Wohngebiet des Zeltlagers genommen wurden, seien die Werte unter "internationalen Grenzwerten" gelegen. Nur bei einer seien die Grenzwerte überschritten worden. Diese Probe stamme aber aus einer Verwaltungszone, in der keine Menschen leben. Genauer wurden die Ergebnisse nicht aufgeschlüsselt.

Zudem verweisen die griechischen Behörden darauf, dass man nach der Öffnung des Lagers alte Projektile entfernt und einen 50 Zentimeter hohen Damm sowie 20 Zentimeter Schotter aufgeschüttet habe. Außerdem habe die Europäische Asylbehörde (Easo) den Platz freigegeben. Ende November habe man dann in Absprache mit der EU-Kommission die Bodenuntersuchung in Auftrag gegeben und Wohnzelte vom Bereich des Schießstands entfernt.

Warnungen im Dezember

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse, die bereits seit 8. Dezember 2020 vorliegen, werde man nun weitere 50 Zentimeter Damm und 20 Zentimeter Schotter aufschütten, heißt es in der Aussendung. Außerdem soll unter der Verwaltungszone, in der die erhöhten Werte gemessen wurden, ein Fundament aus Zement gebaut werden.

Die US-amerikanische NGO Human Rights Watch warnte bereits Anfang Dezember vor einer möglichen Bleibelastung aufgrund des Schießstands. Aktuell laufende Bauarbeiten zur Verlegung von Storm- und Abwasserleitungen könnten außerdem Munition oder anderes gefährliches Material zutage fördern, so der Hinweis. Von der griechischen Regierung heißt es dazu in der Aussendung vom Samstag, dass eine Änderung der Baupläne aufgrund der Untersuchungsergebnisse nicht erforderlich sei.

Weitere Projektile gefunden

Andere NGOs vor Ort melden immer wieder, dass alte Projektile auch außerhalb der ehemaligen Schießbahn gefunden werden. So fand Fayad Mulla vom Verein Flüchtlingshilfe Doro Blancke eigenen Angaben zufolge erst im November des vergangenen Jahres ein Projektil in der Nähe von Zeltplätzen, das wie ein Teil einer Mörsergranate aussieht. Ob es auch Blei beinhaltet, wurde bislang nicht festgestellt. Jedoch weist Mulla als Helfer vor Ort darauf hin, dass selbst im Verwaltungsbereich, wo angeblich die zu hohe Bleikonzentration festgestellt wurde, täglich hunderte Menschen anstehen und auch Kinder spielen.

Die prekäre Situation im Flüchtlingslager auf Lesbos sorgt seit Monaten für Debatten über die Aufnahme von Menschen aus Griechenland. Rund 7.500 Menschen leben in dem Zeltlager unter menschenunwürdigen Bedingungen, besonders in den Wintermonaten. Die meisten müssen ohne Heizung, fließendes Wasser und Strom ausharren. Erst vergangene Woche gaben die griechischen Behörden laut Medienberichten bekannt, dass sich die geplanten Arbeiten, um das Lager "winterfest" zu machen, bis zum 23. März verzögern werden. (Laurin Lorenz, Johannes Pucher, 26.1.2021)