Die Menschen auf den Straßen der Metropole Schanghai tragen wieder Schutzmasken.

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Abgeriegelte Wohngebiete werden von Mitarbeitern des Gesundheitsamts desinfiziert.

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"Es erinnert an das Chaos im Februar vor einem Jahr", schreibt ein europäischer Geschäftsmann in einem Chat. Dort tauscht er sich mit Kollegen über die neuesten Reisebeschränkungen und Covid-19-Regeln aus.

Genügt ein negativer Test, um von Schanghai nach Ningbo zu reisen, oder muss man trotzdem in die zweiwöchige Quarantäne? Was gilt, wenn man die Provinzgrenze nach Jiangsu überquert? Viele Fabriken und Produktionsstätten ausländischer Unternehmen befinden sich nicht direkt in Schanghai, sondern in umliegenden Provinzen.

Antworten auf diese Fragen gibt es keine. In Schanghai werden Pakete und Essenslieferungen wieder vor den bewachten Eingängen der Mietshäuser abgegeben.

Zweite Welle

Auf der Straße tragen Menschen wieder Atemschutzmasken. Die Stadtregierung rät von Reisen bis einschließlich Mitte März dringend ab. In Peking werden drei Millionen Menschen innerhalb weniger Tage zum zweiten Mal auf das Virus getestet. Ausgangsbeschränkungen gelten in einigen Vierteln. Und auch im Nordosten des Landes sind große Teile von der Außenwelt abgeriegelt.

China erlebt gerade die vielfach befürchtete zweite Welle von Corona-Infektionen. Die offiziellen Fallzahlen sind noch niedrig. Meist werden zwischen 50 und 100 Neuinfektionen gemeldet. Am Mittwoch waren es 75. Während manche deswegen gerne die schnelle Reaktion der Regierung loben, zweifeln andere die Richtigkeit der Zahlen an.

Schuld der Lebensmittel

Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es angesichts der drastischen Maßnahmen Pekings – strikte Kontrollen bei der Einreise, zweiwöchige Quarantäne und Massentests – überhaupt zu einer zweiten Welle kommen konnte. Die Regierung macht gerne importierte tiefgekühlte Lebensmittel dafür verantwortlich. Angeblich seien immer wieder Coronaviren auf Fleisch und Fisch aus dem Ausland gefunden worden. Wirkliche Belege aber gibt es dafür nicht.

Als das Virus vor zwei Wochen südlich von Peking wieder ausbrach, war auch die Rede von asymptomatischen Trägern: Infizierten, die keine Symptome aufweisen und deswegen nicht erfasst werden. Das ist wahrscheinlicher. Denn die Theorie, wonach Peking das Virus nach dem Lockdown in Wuhan vollständig unter Kontrolle gebracht hatte, war von Anfang an unglaubwürdig. Wahrscheinlicher ist, dass das Virus in ländlichen Gebieten unbemerkt von den Behörden weitergrassierte und nun wieder die großen Städte erreicht.

Auch die Mortalität in Wuhan deutet darauf hin, dass die Zahl der tatsächlichen Infektionen weitaus höher liegt. Knapp 90.000 Menschen haben sich offiziell in China infiziert, 4.600 sind daran gestorben. Demnach läge die Mortalität bei rund fünf Prozent, während internationale Studien auf einen Wert von einem Prozent hindeuten.

Chinesisches Neujahr

Kurz vor dem Lockdown hatten beispielsweise mehr als fünf Millionen Menschen Wuhan verlassen. Auch damals stand das Frühlingsfest unmittelbar bevor. Das Frühlings- oder chinesische Neujahrsfest findet in der Woche um den 13. Februar statt. Normalerweise löst dies die "größte Migrationsbewegung des Planeten" aus, da bis zu 900 Millionen Menschen gleichzeitig unterwegs sind. Besonders für die rund 300 Millionen Wanderarbeiter ist es eine Mischung aus Selbstverständlichkeit und Pflicht, ihre Familien auf dem Land zu besuchen.

Die Regierung scheint sich bewusst zu sein, dass es angesichts dieser für die Chinesen heiligen Tradition nichts bringt, Heimfahrten zu verbieten. Stattdessen versucht man Anreize dafür zu schaffen, am Arbeitsplatz zu bleiben. Fluggesellschaften und die chinesische Bahn erstatten die Kaufpreise aller Tickets, gebucht vom 28. Jänner bis 8. März, im vollen Umfang zurück. Wer die Ferienwoche durcharbeitet, erhält Zuschläge.

Neben asymptomatischen Trägern und Tiefkühlprodukten werden auch immer wieder Reisende aus dem Ausland für die zweite Welle verantwortlich gemacht. Eine aus den USA kommende Frau wurde kürzlich zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Die 37-Jährige war im März nach Peking geflogen und hatte ihre Covid-19-Symptome bei der Einreise verschwiegen. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 27.1.2021)