Die weltberühmte Kathedrale von Salisbury wurde zum Impfzentrum umfunktioniert – ganz im Sinne des christlichen Glaubens, betont der Domdekan.

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Auch diese Woche sollte die 800 Jahre alte Kathedrale von Salisbury wieder ungewohnten Besuch erhalten. Hunderte älterer Menschen kommen derzeit nicht zum Beten in das gotische Gotteshaus mit dem 123 Meter hohen Turm; vielmehr leisten sie der Einladung zu ihrer Covid-Impfung Folge. Er wundere sich ein wenig über das große Interesse der Medien, sagt Domdekan Nicholas Papadopulos am Telefon, schließlich stehe die anglikanische Staatskirche doch in der Nachfolge des Jesus von Nazareth. "Der hatte einen Ruf als Heiler – und seine Sorge galt keineswegs nur dem Seelenheil."

Im Kampf gegen Sars-CoV-2 haben anglikanische Kathedralen wie die von Salisbury, Lichfield und Blackburn den Mühseligen und Beladenen ebenso die Türen geöffnet wie einzelne Moscheen und Sikh-Tempel. Die Versammlungsräume der Religionsgemeinschaften gehören wie Galopprennbahnen, Kongresszentren und Museen – allesamt im Corona-Lockdown eigentlich geschlossen – zu den dutzenden von Massenimpfzentren im ganzen Land und tragen zum Erfolg des britischen Immunisierungsprogramms bei.

Anfang voriger Woche hatten bereits 8,4 Millionen Menschen – und damit 12,3 Prozent der Bevölkerung – ihre erste Dosis des Impfstoffs von Biontech/Pfizer oder Astra Zeneca erhalten, täglich kommen bis zu einer halben Million Britinnen und Briten hinzu. Bei der Durchführung zeigt sich die Stärke des zentral organisierten Gesundheitssystems NHS.

Mit Bach und Händel

In Salisbury stieg am Montag schon der sechste Impftag, der Ablauf ist immer gleich. Geduldig stehen die gehfähigen älteren Bewohner der Grafschaft Wiltshire im größten Kreuzgang Englands und in den Seitenschiffen an und nehmen in weitem Abstand auf Stühlen im Mittelschiff Platz, ehe sie für die Injektion in eine der vierzehn Kojen im Südschiff geholt werden.

Zur Beruhigung der gar nicht sonderlich aufgeregt wirkenden Patienten erklingen wohlvertraute Melodien wie Air auf der G-Saite aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite in D-Dur oder Georg Friedrich Händels Largo – eine Idee des eifrigen Musikdirektors David Halls, der eine Gelegenheit witterte, seine berühmte Willis-Orgel erklingen zu lassen.

Für den diensthabenden Arzt Daniel Henderson stehen die praktischen Vorteile des Kirchenraums im Vordergrund. Der große, luftige Raum ermögliche ein großzügiges Einbahnsystem und allzeit die korrekte soziale Distanzierung, schwärmt der Allgemeinmediziner. Aber natürlich sei es ein Bonus, die Immunspritzen in diesem "wundervollen Gebäude" zu verabreichen.

"Tief beeindruckt" von der perfekten Organisation und der Freundlichkeit der freiwilligen Helfer zeigt sich Craig Lawrence. Der pensionierte Generalmajor begleitete im Jänner seine 83-jährige Mutter Vicky zum Impftermin. "Das war ihr erster Ausgang seit zehn Monaten, sie hat den Tag sehr genossen", berichtet der Strategieberater.

Infektionen steigen

Der schöne Erfolg ist ein willkommener Lichtblick in schweren Zeiten. Die zweite Welle hat Großbritannien voll erwischt. Die Variante von Sars-CoV-2 namens B.1.1.7, gepaart mit der Disziplinlosigkeit der Bevölkerung, ließ die Infektionen im vergangenen Jahr explodieren. Auch nach Verhängung des neuerlichen nationalen Lockdowns vor vier Wochen stieg die Zahl der positiv Getesteten zunächst noch auf täglich über 60.000 an, geht inzwischen aber zurück. Allerdings waren auch Ende Jänner noch mehrere Hundert Neuinfektionen per 100.000 Einwohner in vielen Ballungsräumen an der Tagesordnung.

Verzweifelt kämpfen Ärzte und Pflegepersonal auf den Intensivstationen der Krankenhäuser um das Leben der Schwerkranken. Im Durchschnitt der vergangenen Woche starben täglich 1177 Patienten an den Folgen einer Corona-Infektion, der Statistikbehörde ONS zufolge liegt die Gesamtzahl längst jenseits der 110.000er-Marke.

Dementsprechend klammern sich die Briten an den Impfausweg. Allerdings treten dabei erhebliche Unterschiede in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zutage. In Bezirken der Metropolen London, Birmingham und Manchester, in denen überwiegend Briten afrikanischer oder asiatischer Herkunft leben, leistet oft nur die Hälfte den Impfeinladungen Folge.

Gesundheitsstaatssekretär Nadhim Zahawi, selbst Muslim, hat deshalb das Führungspersonal von Juden, Hindus, Sikhs und Muslimen um Hilfe gebeten. Gemeinsam mit dem Londoner Labour-Bürgermeister Sadiq Khan, ebenfalls Muslim, wandte sich der Konservative am Sonntag im Observer an die Bevölkerung: "Die Impfungen sind sicher. Wir appellieren an alle Gruppen, mitzumachen."

Ein Gefühl von Ruhe

Ob ein Impftermin in gewohnter Umgebung hilft? Im Birminghamer Stadtteil Balsall Heath steht neuerdings eine große Moschee dem NHS zur Verfügung. Bis zu 500 Menschen täglich können im Al-Abbas Islamic Centre ihre Immunisierung erhalten. Ausdrücklich kennzeichnet Imam Nuru Mohammed die Initiative als erzieherische Maßnahme. "Wir wollen unseren muslimischen Brüdern und Schwestern eine klare Botschaft schicken: nein zu Fake-News, ja zur Impfung", erläutert Scheich Nuru.

Die anglikanischen Amtsbrüder hingegen halten sich mit eigenen Appellen zurück, von Religion ist nicht die Rede. "Uns sind alle willkommen, ob religiös oder nicht", beteuert Papadopulos. Diesen Eindruck erhielt auch Craig Lawrence beim Besuch der Kathedrale zum Impftermin seiner Mutter: "Es gab keinerlei religiöse Angebote, aber dafür viele freundliche Leute und ein Gefühl von Ruhe." (Sebastian Borger aus London, 2.2.2021)