Unzählige junge Menschen mit spielerisch anmutenden Trading-Apps auf ihren Smartphones organisieren sich in sozialen Medien und zwingen mächtige Hedgefonds in die Knie. Kleine Leute bescheren dem Großkapital Milliardenverluste – eine schöne Geschichte, die gern erzählt wird. Doch über dem Narrativ von David gegen Goliath oder von der Demokratisierung der Finanzmärkte hängen Fragezeichen.

Die Aktie des kriselnden Unternehmens Gamestop wurde seit Jahresbeginn von Kleinanlegern hochgejazzt.
Foto: REUTERS/Carlo Allegri

Was sich am Beispiel Gamestop veranschaulichen lässt: Die Aktie des kriselnden Unternehmens wurde seit Jahresbeginn von Kleinanlegern hochgejazzt – nämlich von weniger als 19 US-Dollar auf in der Spitze fast 470 Dollar. Wohl stehen jetzt jene Hedgefonds, die auf fallende Kurse gewettet hatten, mit offenen Wunden da, aber am Ende des Tages werden viele der Smartphone-Anleger auf heillos überteuerten Aktien sitzenbleiben. Kräftig abkassiert dürften die mutmaßlichen Organisatoren im Hintergrund haben, die die Herde an unerfahrenen Kleinanlegern in Bewegung setzten – freilich nachdem sie sich günstig mit Gamestop-Papieren eingedeckt hatten. Ein Muster, das sich seit dem Vorjahr mit etlichen Aktien oder anderen Vermögenswerten wiederholte.

Darauf müssen Behörden ein Auge werfen, auch sonst offenbaren diese Verwerfungen Handlungsbedarf für Gesetzgeber und Aufseher. Das Phänomen, dass sich Kleinanleger absprechen und eine nicht zu unterschätzende Marktmacht erreichen, ist ein neues, wobei solche Abmachungen nach Marktmanipulation riechen. Es zeigt sich: Die Spielregeln an der Börse sind daran noch nicht angepasst. Ebenso zu hinterfragen ist der Schulterschluss zwischen Hedgefonds und manchen Trading-App-Anbietern, wodurch deren Kunden plötzlich der Kauf mancher Aktien verunmöglicht wurde.

So neu solche Aspekte auch sind, so alt ist das dahinterstehende Prinzip: Am Ende einer langen Aufwärtsbewegung – die Sause an der Wall Street läuft im Grunde seit 2009 – strömen mit Know-how dünn ausgestattete Bevölkerungsschichten an die Börse. Gedanken über Bewertungen und langfristige Perspektiven weichen den Verlockungen des schnellen Reibachs. Die nähere Zukunft wird weisen, ob es sich tatsächlich um eine Demokratisierung der Finanzmärkte handelt oder nur um eine Milchmädchenhausse, wie die letzten Zuckungen einer langen Börsenparty früher genannt wurden. Milchmädchen gibt es zwar nicht mehr, aber viele junge Leute mit Smartphone. (Alexander Hahn, 2.2.2021)