Thomas Moore – besser bekannt als Captain Tom – machte auf die wahren Helden der Corona-Pandemie aufmerksam: das Gesundheitspersonal.
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Über der Regierungszentrale in der Londoner Downing Street wehte am Dienstagabend der Union Jack auf halbmast. Premierminister Boris Johnson, extra mit schwarzer Krawatte, sprach vom Verstorbenen als einem "Helden im wahrsten Sinn des Wortes", die Queen nannte ihn "eine Inspiration für die ganze Nation". Die BBC eröffnete abends ihre Flaggschiffsendung mit dem Konterfei des Toten, tags darauf prangte es auf allen Titelseiten der Zeitungen.

Der Corona-Tod des Sir Thomas Moore, von Gott und der Welt immer nur "Captain Tom" genannt, erwischt die Briten in einem hochemotionalen Moment, vergleichbar jenen Tagen kurz vor Ostern 2020. Damals lag Johnson selbst mit Covid-19 darnieder, einige Tage sogar auf der Intensivstation. Täglich starben mehr als tausend Menschen, selbst der (damals erste) Lockdown schien der Pandemie kaum etwas anhaben zu können.

Ein Held wird 99-jährig geboren

Da schlurfte der damals noch 99-Jährige ins Bewusstsein und in die Herzen der Nation. Ihm sei langweilig gewesen, teilte der tadellos in Anzug und Krawatte gekleidete Herr den herbeigeeilten Fernsehcrews mit. Also vertrieb sich der Weltkriegsveteran Tom Moore die Zeit, indem er mit seiner Gehhilfe hinter dem großzügigen Anwesen seiner Familie auf und ab patrouillierte, zehn Längen à 25 Meter täglich. Zur Feier seines ganz persönlichen Jahrhunderts wolle er Geld sammeln für Wohltätigkeitsorganisationen, die sich um Bedienstete im Nationalen Gesundheitswesen (NHS) kümmern: "Die sind so tapfer, dass sie sich jeden Tag und jede Nacht in Gefahr begeben."

Über Nacht geriet der Hauptmann im Ruhestand zum Hoffnungsträger und zur Symbolfigur des verunsicherten Landes. Binnen weniger Tage waren statt der erhofften 1.000 Pfund drei Millionen beisammen, dann zehn Millionen, zuletzt umgerechnet 44 Millionen Euro – "eine absolut fantastische Summe", wie Moore im glasklaren Akzent der Gebildeten seiner Generation, dem sogenannten Queen's English, sagte. Seinen Landsleuten schrieb er ins Stammbuch: "Morgen wird ein guter Tag."

Ritterschlag mit 100 Jahren

Das glaubten ihm die Briten. Zum 100. Geburtstag erhielt Captain Tom 140.000 Glückwunschkarten, darunter auch eine persönliche Nachricht der Königin. Drei Monate später durfte Moore seine Monarchin auf Schloss Windsor besuchen: Eigenhändig schlug Elizabeth II, 94, den noch älteren Herrn zum Ritter Sir Thomas, wie es der Premierminister angeordnet hatte. Worüber der Hauptmann und die als Automechanikerin ausgebildete Veteranin des territorialen Hilfscorps ATS plauderten, blieb geheim.

Major Tom, mit 100 Jahren von der 94-jährigen Queen zum Ritter geschlagen.
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Seinen Dienst in der Armee von 1940 bis 1946 hat Moore in seiner flugs geschriebenen Autobiografie als "schönste Zeit meines Lebens" bezeichnet. Als heldenhaft, wie britische Politiker grundsätzlich alle Kriegsteilnehmer nennen, empfand er sich nicht. Da unterschied er sich nicht von vielen Altersgenossen, wie sein Leben auch in vieler anderer Hinsicht wenige Besonderheiten aufwies: schöne Kinder- und Schulzeit, eine gescheiterte und eine glückliche Ehe, zwei Töchter, eine ordentliche, aber keineswegs brillante Karriere in der Bauwirtschaft. 15 Jahre lebte das Pensionistenpaar Moore an der Costa del Sol in Spanien; nach dem Tod seiner Frau 2006 zog der Witwer zu seiner als Personalberaterin erfolgreichen Tochter in die Grafschaft Bedfordshire nördlich von London.

"You’ll never walk alone"

Die Berühmtheit seines letzten Lebensjahres freute den alten Herrn sichtlich, die Briten gönnten ihm die Freude. Ein Zug, ein Rettungsboot, mehrere Busse wurden nach ihm benannt; mithilfe des Sängers Michael Ball und dessen Coverversion von "You’ll Never Walk Alone" schaffte es Sir Tom sogar auf Platz eins der Hitparade. Der schlurfende Spendensammler war Symbolfigur geworden für jene Generation, die man schützen wollte vor Sars-CoV-2, aller Verdrossenheit über immer neue Einschränkungen zum Trotz.

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Nach sechswöchigem Lockdown, dem in vielen Regionen des Landes schon harte Beschränkungen vorausgingen, operiert das NHS noch immer am Rande des Zusammenbruchs, werden täglich mehr als 1.000 Covid-Tote gezählt. Dass in den vergangenen knapp zwei Monaten die meisten über 80-Jährigen auf der Insel ihre Impfung erhalten haben, trägt zur Stimmungsaufhellung bei.

Ausgerechnet der stoische Hoffnungsträger zählte nicht dazu. Captain Tom erhielt wegen schon länger dauernder Lungenbeschwerden Medikamente, die eine Immunisierung verhinderten. Von einer langerhofften Traumreise in die Karibik kam er nach Weihnachten mit einer Lungenentzündung zurück, nach einem ersten Krankenhausaufenthalt brachte ein Covid-Test das gefürchtete Ergebnis "positiv". Seine letzten beiden Lebenstage musste Moore erneut im Spital verbringen, wo er am Dienstagnachmittag im Beisein der Familie starb – einer von 1.449 Covid-Toten dieses Tages. (Sebastian Borger, 3.2.2021)