Unmittelbar neben der OMV-Raffinerie in Schwechat stellt Borealis Ausgangsmaterial für Kunststoffe her.

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Wer rastet, der rostet, besagt ein altes Sprichwort. Das scheint die OMV unter Vorstandschef Rainer Seele jetzt verstärkt zu beherzigen. Der Umbau des Mineralölkonzerns mit angehängter Petrochemie, der die OMV einmal war, in einen Kunststoffkoloss mit Öl und Gas im Beiwagerl soll nun Fahrt aufnehmen. Darauf lassen Wortmeldungen schließen, die bei der Präsentation der Jahresbilanz am Donnerstag gefallen sind.

Die Zahlen der OMV für 2020 sind schlecht, aber auch wieder nicht so schlecht wie die anderer Konzerne, die ihr Geld großteils noch mit Öl und Gas verdienen. Der US-Konzern Exxon Mobil hat das von Corona geprägte Jahr mit einem Minus von 22,4 Milliarden Dollar (rund 18,5 Milliarden Euro) abgeschlossen und damit den größten Verlust seit mehr als vier Jahrzehnten geschrieben. Auch BP aus Großbritannien hat über tiefrote Zahlen und den ersten Verlust seit einem Jahrzehnt berichtet.

Gemessen an diesen Zahlen hat sich Österreichs größter Industriekonzern trotz starker Einbrüche noch gut gehalten und keine Verluste geschrieben. Das hat auch mit Borealis zu tun. Der Chemiekonzern, an dem die OMV nach der größten Übernahme in Österreichs Unternehmensgeschichte nun 75 Prozent hält, hat die Rückgänge in der Öl- und Gassparte wenn schon nicht abfangen, so doch dämpfen können.

Die Probleme im Upstream- und Downstreambereich, also in der Öl- und Gasförderung bzw. im Raffinerie- und Tankstellengeschäft, hängen ihrerseits mit den vergleichsweise niedrigen Öl- und Gaspreisen sowie der schwachen Nachfrage nach Treibstoffen zusammen.

Kämpfte 2020 gegen heftigen Umsatz- und Gewinnrückgang an: OMV-Vorstandsvorsitzender Rainer Seele.
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Borealis aber, die zu den größten Herstellern von Polyolefinen (Ausgangsmaterial für Kunststoffe) in Europa zählt, ist Chance und Risiko für die OMV und Rainer Seele zugleich. Rund vier Milliarden Euro hat man sich die Aufstockung der Anteile von 36 auf 75 Prozent kosten lassen. Zu viel, mutmaßt so mancher. Mubadala, der Staatsfonds aus Abu Dhabi, hält weiter 25 Prozent an Borealis und ist mit 24,9 Prozent zudem zweitwichtigster Kernaktionär der OMV nach der Staatsholding Öbag (Österreichische Beteiligungs AG) mit 31,5 Prozent.

Alfred Stern wird neuer Vorstand

Damit die Integration in die OMV zum Erfolg wird – und der Druck ist groß –, wechselt Borealis-Chef Alfred Stern (56) auf ausdrücklichen Wunsch von OMV-Aufsichtsratschef Mark Garrett in den Vorstand der OMV. Der gebürtige Australier war Sterns Vorgänger bei Borealis, verließ das Unternehmen 2018 und kehrte 2020 als Aufsichtsratschef der OMV nach Wien zurück.

Rückt neu in den OMV-Vorstand auf: der Chef von Borealis, Alfred Stern.
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Stern gilt als ausgewiesener Fachmann. Ihm werden auch Chancen auf den Vorstandsvorsitz für die Zeit nach Seele eingeräumt, dessen Vertrag Mitte 2022 mit der Option, noch einmal für zwölf Monate verlängert zu werden, ausläuft.

Dem Vernehmen nach hätte Seele aus Furcht, Macht einzubüßen, lieber Thomas Gangl als Verantwortlichen für Borealis gehabt, der im Vorstand ohnehin für Raffinerie und Petrochemie zuständig ist. Seele dementiert, er selbst habe Stern als CEO von Borealis bestellt und freue sich, Stern nun als Teil seines Teams zu haben. Welche Aufgabe Gangl, dessen Vertrag Mitte 2022 ausläuft, nach der Bestellung von Stern übernimmt, ist noch unklar.

Nord Stream 2 wackelt

Klar ist hingegen, dass es bei der OMV künftig mehr um Chemie und weniger um Öl gehen wird, auch was die Investitionen betrifft. Vom Produktionsziel 600.000 Fass Öläquivalent am Tag hat sich die OMV am Donnerstag offiziell verabschiedet. Das macht den ohnehin auf "hold" gestellten Zukauf in Russland (Achimov-Feld) unwahrscheinlich.

Fraglich ist auch, ob Nord Stream 2 fertiggebaut wird. Die OMV hat das Projekt, das zusätzliches Gas aus Russland nach Europa bringen soll, mit 730 Millionen mitfinanziert und setzt auf Diplomatie nach dem harten Vorgehen Moskaus gegen den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, das zu Protesten geführt hat. (Günther Strobl, 4.2.2021)