Keine Entscheidung über schärfere Corona-Maßnahmen in Tirol

Verhandler von Bund und Land konnten sich offenbar auf keine gemeinsame Linie einigen, offizielle Stellungnahmen gibt es bisher nicht. Wirtschaftskammer-Tirol-Chef Walser drängte in der "ZiB 2" auf eine Öffnung

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Am Sonntag wurde vorerst keine Entscheidung zum weiteren Vorgehen in Tirol getroffen.

Foto: APA/Helmut Fohringer

Innsbruck – Verwirrung hat in der Nacht auf Montag über die Verhandlungen zwischen Gesundheitsministerium und Land Tirol wegen einer möglichen Verschärfung der Corona-Maßnahmen aufgrund der südafrikanischen Virusvariante in dem Bundesland geherrscht. Aus Landhauskreisen hatte es zunächst geheißen, die Gespräche zwischen Minister Rudolf Anschober (Grüne) und Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) seien ohne Ergebnis vertagt worden. Aus dem Bund war aber kurz darauf zu vernehmen, dass noch an einer Einigung gefeilt werde.

Eine offizielle Stellungnahme war aber nicht zu erhalten, die Verhandler und deren Sprecher befanden sich auf Tauchstation. Aus dem Tiroler Landhaus hieß es gegen Mitternacht, die Gespräche seien vertagt worden, der weitere Fahrplan stehe noch nicht fest. Dieser werde vom Bund bestimmt und voraussichtlich am Montag besprochen. Der Verhandlungsmarathon dürfte sich mehr als gespießt haben und kontrovers verlaufen sein.

Zuletzt war sogar eine Isolation bzw. Quarantäne oder eine Lockdown-Verlängerung für Tirol im Raum gestanden. Aus Anschobers Umfeld hatte es geheißen, dass bis Sonntagabend "Bilanz" gezogen und dann eine Entscheidung bekanntgegeben werde.

B.1.351 als Auslöser

Grund für die Erwägungen sind die in Tirol nachgewiesenen Virusmutationen. Vor allem das Auftreten der Mutante B.1.351 in den Bezirken Schwaz, Kufstein, Innsbruck-Land und Innsbruck bereitet Fachleuten Sorge. Der Virologe Andreas Bergthaler berichtete am Montag von bisher 293 bestätigten Fällen in Tirol, in anderen Bundesländern waren es neun.

Bis zuletzt wehrten sich Tiroler Vertreter gegen eine Verschärfung der Maßnahmen in ihrem Bundesland. Platter sagte: "Das gibt die Datenlage nicht her."

Walser: "Wir sperren auf"

Unterstützung erhielt er vom Präsidenten der Tiroler Wirtschaftskammer, Christoph Walser (ÖVP). Dieser sagte in der "ZiB 2" am Sonntagabend, dass er angesichts acht aktiver B.1.351-Fälle das "Riesentheater" um sein Bundesland nicht verstehe. Das Land habe an Sicherheitskonzepten gearbeitet, alles sei für den gelockerten Lockdown vorbereitet. Für ihn stand daher bereits fest: "Wir sperren auf." Nachdem er schon am Samstag dem Gesundheitsministerium vor schärferen Maßnahmen gedroht hatte, warf er diesem nun auch "Verantwortungslosigkeit" vor. Er glaube, dass "massiv falsch informiert" bzw. mit falschen Daten gearbeitet werde.

Dieser Inhalt steht Ihnen auf DER STANDARD zur Verfügung.

Tirol wehrt sich gegen Verschärfungen

Die Virologin Dorothee von Laer von der Med-Uni Innsbruck, die auch die Bundesregierung in Sachen Coronavirus berät, hatte die Tiroler Behörden für ihren Umgang mit der Virusmutante öffentlich kritisiert. Anstatt deren Verbreitung ernst zu nehmen und dementsprechend zu reagieren, "mauert und verschweigt" das Land, sagte von Laer dem Kurier. Sie warnte gar vor einem zweiten Ischgl, sollte man weiterhin untätig bleiben.

Das offizielle Tirol reagierte entrüstet. Statt darauf einzugehen, verwies das Land auf eigene Experten, die von Laer widersprechen. Die Virologin selbst wird in Tirol seit ihrer Aussage massiv angefeindet und gibt keine Pressestatements mehr. Sie widerruft das Gesagte aber auch dezidiert nicht. Im Gesundheitsministerium scheint van Laers Warnung jedenfalls gehört worden zu sein. Dort liefen den ganzen Sonntag über intensive Gespräche zum weiteren Vorgehen in Tirol – letztlich ohne Ergebnis.

Das dürfte am Widerstand Tirols liegen. Denn dort erklärten bereits im Vorfeld vom Landeshauptmann abwärts zahlreiche politische Entscheidungsträger, dass sie weitere Verschärfungen ablehnen.

Recherchen des STANDARD zeigen, dass von Laers Warnungen auf jeden Fall ernst zu nehmen sind. Denn die vom Land bemühte "Datenlage" ist alles andere als klar. Das Verhalten der Tiroler Behörden seit Bekanntwerden der bestätigten Mutationsfälle lässt vielmehr befürchten, dass man – wie schon vor einem Jahr – Informationen zurückhält, statt transparent zu informieren. Dabei sollte längst auch in Tirol klar sein, dass in einer Pandemie neben transparenter Information vor allem der Faktor Zeit zählt.

Das Schweigen der Behörden

Dass die südafrikanische Mutante B.1.351 in Tirol nachgewiesen wurde, haben nicht die Behörden publik gemacht, sondern der STANDARD am 23. Jänner. Das offizielle Tirol versuchte dann noch über Stunden diese Information durch Nichtbestätigung zurückzuhalten. Später räumte man ein, bereits seit dem Vortag über die Virusnachweise in einem Cluster im Skigebiet Hochfügen informiert gewesen zu sein. Warum man die Öffentlichkeit nicht informieren wollte, blieb bislang unbeantwortet.

Die Erzählung der Behörden zum Entdecken der Mutante lautet weiterhin: Im Zuge der Untersuchungen zum Skilehrer-Cluster mit der britischen Virusmutante in Jochberg Anfang des Jahres habe Tirol 1.000 positive PCR-Tests aus dem Unterland zur Sequenzierung an die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) nach Wien geschickt. Dort sei man dann zufällig auf die südafrikanische Mutante bei den Proben aus dem Bezirk Schwaz, sprich Zillertal, gestoßen.

Rätsel um Fallzahlen

Bis zum vergangenen Freitag versuchte man in Tirol den Eindruck zu erwecken, dass die Südafrika-Fälle praktisch im Nachhinein entdeckt worden seien. Es bestehe keine akute Gefahr mehr, da man die Infektionslage gut im Griff habe. 75 Fälle seien nachgewiesen worden, aber nur mehr ein einziger sei aktiv, erklärte das Land. Doch diese Information hielt schon am Freitag einer Überprüfung nicht stand. Es gibt deutlich mehr aktive Fälle der Südafrika-Mutante in Tirol. Am Samstag bestätigte das Land dies. Plötzlich waren es 165 nachgewiesene Fälle allein im Bezirk Schwaz, davon acht aktive. Am Sonntag informierte das Land auf Nachfrage schließlich, dass weitere 230 Verdachtsfälle derzeit noch sequenziert werden.

Nicht nur bei den aktuellen Fallzahlen, auch beim Contact-Tracing tappt Tirol offenbar im Dunkeln. Nach offizieller Darstellung datiert der erste nachgewiesene Fall der Mutante B.1.351 in Tirol auf den 23. Dezember. STANDARD-Recherchen zeigen, dass es sich dabei um einen Patienten handelte, der im Vorfeld einer geplanten Operation den obligatorischen PCR-Test durchführen ließ. Er war eigentlich symptomfrei. Ein weiterer Mann im direkten Umfeld des Erstgenannten wurde danach ebenfalls getestet, er wies, wie spätere Untersuchungen nun zeigten, ebenfalls die Mutante auf.

Suche nach Fall null

Allein für den Zeitraum Ende Dezember bis erste Jännerwoche wurde die südafrikanische Mutante mittlerweile in zahlreichen Ortschaften im Zillertal und im Inntal nachgewiesen. Die Behörden geben auf Nachfrage keine oder kaum Informationen zu diesen Nachforschungen preis. Man verweist auf den Datenschutz und laufende Erhebungen. Doch genau diese Zusammenhänge wären wichtig, um nachvollziehen zu können, wie die Mutante ins Land kam und wie sie sich ausbreitet. Offiziell heißt es von den Landesbehörden: "Laut Laboranalysen ist es nach derzeitigem Stand in Tirol bis dato zu keiner exponentiellen Ausbreitung der Mutationsfälle gekommen."

Die Nachforschungen, wie die Mutation trotz Lockdowns ins Land kommen konnte, verlaufen bisher ergebnislos. Zwar dementierte Landeseinsatzleiter Elmar Rizzoli Gerüchte, wonach Südafrika-Golfurlauber infiziert zurückgekehrt seien, doch man musste mittlerweile auch einräumen, dass man weiterhin keinen Überblick darüber hat, wie viele Menschen zuletzt aus Südafrika eingereist sind: "Die Gesundheitsbehörden gehen grundsätzlich allen Hinweisen zu möglichen Auslandsreisen zu Erholungszwecken während des geltenden Lockdowns nach. Bei den Behörden bereits bekannten Fällen wurde ein entsprechendes Ermittlungsverfahren eingeleitet. Eine enge Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium wird vorgenommen. Sollte im Zuge dieses Verfahrens eine Gesetzesübertretung festgestellt werden, wird eine Verwaltungsstrafe verhängt werden." Doch auch Im Jänner konnten Südafrika-Urlauber weiter unbehelligt nach Tirol zurückkehren. Selbst wenn diese sich im Urlaubsland mit dem Virus infiziert hatten.

Die Verbindung zwischen den Clustern

Man habe das Infektionsgeschehen also im Griff. Allerdings legen Recherchen einen anderen Schluss nahe. So hatte seit Jahresbeginn selbst die Polizei im Zillertal mit einem Corona-Cluster in ihren Reihen zu kämpfen. Mindestens 21 Beamte haben sich infiziert, manche erkrankten schwer. Berichte zu einem Todesfall, der in direktem Zusammenhang mit der Covid-Erkrankung eines Beamten gestanden sein soll, werden von der Tiroler Exekutive allerdings nicht bestätigt.

Relevanter ist in dem Zusammenhang die weitere Infektionskette. Denn die Indizien deuten darauf hin, dass über Angehörige aus dem Polizei-Cluster das Virus ins Altenheim nach Münster, im benachbarten Bezirk Kufstein, gelangt ist. Dort kam es zeitnah zum Zillertaler Cluster bei der Seilbahn in Hochfügen zu insgesamt 41 Infektionen – davon 21 Bewohner und 20 Mitarbeiter. Drei Bewohner des Altenheims, für die ein positives Testergebnis vorlag, sind mittlerweile verstorben. Bislang, so die Auskunft des Landes, gibt es in Zusammenhang mit dem Altenheim Münster 15 bestätigte Fälle der südafrikanischen Virusmutation.

Welche Zahlen zieht man heran?

Obwohl vieles auf eine Verbreitung der Mutante in Tirol hinweist – mittlerweile wurden Fälle in mindestens vier Bezirken nachgewiesen –, will man keine weiteren Verschärfungen der Corona-Maßnahmen akzeptieren. Die Tiroler Politik verweist dazu auf die Sieben-Tage-Inzidenz, wonach das Bundesland mit 104,7 tatsächlich gut dasteht. Nur Oberösterreich (83,9), Vorarlberg (97,7) und Wien (102,8) weisen derzeit bessere Zahlen auf.

Allerdings ändert sich dieses Bild, wenn man die Inzidenzen auf Bezirksebene betrachtet. Dort ist Tirol mit Lienz (285,2) im österreichischen Spitzenfeld zu finden. Negativer Sieger ist derzeit Hermagor in Kärnten (299,1), gefolgt von Tamsweg in Salzburg (286,4). Selbst im Burgenland kann Jennersdorf mit einer Inzidenz von 263,2 aufwarten. Wiener Neustadt kommt auf 248,8. In der Steiermark hat derzeit Deutschlandsberg mit 233,3 die rote Infektionslaterne, in Vorarlberg ist es Dornbirn mit 164,6.

In Tirol gehen die Bezirkszahlen derzeit weit auseinander. In Schwaz, dem Epizentrum der südafrikanischen Mutante, liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut Ages-Dashboard aktuell bei 155,3. In Landeck, das mit Ischgl im Frühjahr 2020 ein Hotspot war, liegt sie nun bei nur 60,8, der beste Wert in ganz Tirol. Experten, die für strengere Maßnahmen in Tirol eintreten, betonen, dass für sie weniger die aktuelle, allgemeine Fallzahl, sondern vielmehr der Verbreitungsgrad der Mutation in der Region ausschlaggebend ist. (Steffen Arora, Andreas Gstaltmeyr, 7.2.2021)

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