"Hätte ich mich doch bloß anders entschieden!" Jeder kennt es – das nagende Gefühl, oft auch die schmerzhafte, an Sicherheit grenzende Gewissheit, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Hätte ich Medizin statt Philosophie studiert, könnte ich mir jetzt ein Eigenheim leisten. Wäre ich mit dem Zug statt mit dem Auto zur Arbeit gefahren, wäre ich nicht in diesen schrecklichen Unfall verwickelt worden. Hätte ich mir den bissigen Kommentar verkniffen, hätte meine Freundin mich nicht verlassen.

Solche retrospektiven Zweifel an der Richtigkeit getroffener Entscheidungen setzen voraus, dass es möglich gewesen wäre, sich anders zu entscheiden. Die Straftäterin, die sich vor Gericht für ihre Taten verantworten muss, mag der Meinung sein, keine andere Wahl gehabt zu haben; doch sofern nicht ein medizinisches Gutachten ihre Schuldunfähigkeit feststellt, wird sie für ihre Tat bestraft werden.

Auch vorausschauend ist das Prinzip der alternativen Möglichkeiten vertraut. Wenn Sie vor einer wichtigen Entscheidung stehen und überlegen, wie Sie sich entscheiden sollen, dann gehen Sie selbstverständlich davon aus, dass Sie tatsächlich eine Wahl haben. Sie können sich entscheiden, das Jobangebot, das Sie ins Ausland führen würde, anzunehmen; Sie können sich aber auch dagegen entscheiden. Wenn Sie nicht frei wären, das eine wie das andere zu wollen, warum sollten Sie darüber nachdenken, welche Alternative die wünschenswertere ist?

Willensfreiheit versus Handlungsfreiheit

Das philosophische Problem der Willensfreiheit betrifft den Kern unserer Entscheidungskompetenz und ist nicht zu verwechseln mit dem Problem der Handlungsfreiheit. Es geht nicht darum, ob wir frei sind, zu tun, was wir wollen. Es geht vielmehr darum, ob wir frei sind, zu wollen, was wir tun, wenn wir tun, was wir wollen.

Stellen Sie sich beispielsweise vor, es fehlen Ihnen die finanziellen Mittel für den Umzug ins Ausland, wo der attraktive Job auf Sie wartet. Dieser missliche Umstand impliziert keineswegs, dass Sie den Job nicht wollen. Ganz im Gegenteil – vielleicht wollen Sie den Job so sehr, dass Sie mit der Arbeitgeberin in spe eine Umzugsprämie auszuhandeln versuchen, um das Hindernis für die Umsetzung Ihres Willens aus dem Weg zu räumen. Die mit Blick auf Ihre Willensfreiheit relevante Frage lautet, ob Sie unter den gegebenen Umständen auch anders wollen könnten.

Wie soll ich mich entscheiden?
Foto: Getty Images/Klaus Vedfelt

Universaler Determinismus?

Traditionell ist die Frage, ob unser Wille frei ist, vor dem Hintergrund der Lehre des universalen Determinismus diskutiert worden. Demnach steht zu jedem Zeitpunkt aufgrund der Naturgesetze und der Anfangsbedingungen des Universums fest, was zum nächsten Zeitpunkt geschehen wird. Es gibt also in einem universal deterministischen Universum in jedem gegenwärtigen Augenblick nur genau einen möglichen zukünftigen Zustand des Universums.

Wenn der universale Determinismus wahr ist, dann sind wir allenfalls frei, unter Abwesenheit von Zwang im Einklang mit unserem Willen zu handeln, also zum Beispiel den Traumjob im Ausland anzutreten, da die Finanzen dies glücklicherweise erlauben. Dass Sie diesen Job würden haben wollen, stand freilich bereits fest, bevor Sie geboren wurden, nämlich mit Anbeginn des Universums. Handlungsfreiheit statt Willensfreiheit also.

Indeterminismus schafft ein neues Problem

Ist Willensfreiheit also eine Illusion? Um diesen Schluss abzuwenden, müssen wir die Lehre des universalen Determinismus zurückweisen. Damit ergibt sich aber ein neues Problem: Wenn unsere Willensbestimmungen nicht das notwendige Ergebnis naturgesetzgeleiteter Kausalketten sind, wie sind sie dann zu erklären? Sind unsere willentlichen Entscheidungen für die eine statt einer anderen Möglichkeit bloße Zufallsprodukte?

Wir stehen mithin vor dem Dilemma, dass Willensfreiheit weder mit dem Determinismus noch mit dem Indeterminismus vereinbar zu sein scheint. Willensfreiheit präsentiert sich, wie der Philosoph Peter van Inwagen formuliert hat, als ein Mysterium, als etwas, das existiert, obschon es unmöglich ist.

Hilfe von der Biologie

Dilemmata sind Aufforderungen zu einem intellektuellen Neuanfang. Im Falle des Dilemmas der Willensfreiheit bedeutet dies, diverse ontologische Annahmen über die Struktur des Universums und den Platz des Menschen darin zu reflektieren. Mein Vorschlag ist, sich hierbei Hilfe von der Biologie zu holen. Warum?

Das philosophische Bild der Natur ist von der Physik geprägt. Die Natur wird dabei meist als ein mechanisches Uhrwerk vorgestellt, dem der Mensch entweder reduktionistisch einverleibt oder dualistisch entgegengesetzt wird. Doch Menschen sind biologische Wesen – Organismen, die in einer Umwelt mit anderen Organismen sowie mit nichtbiologischen Dingen interagieren müssen, um in dieser Umwelt zu überleben.

Das Handlungsvermögen, das dem Menschen wie vielen anderen – vielleicht allen – Tieren zukommt, ist im Kern eine biologische Funktion: ein Mittel der Sicherung der eigenen Fortexistenz. Von grundlegenden biologischen Prozessen wie vor allem dem Stoffwechsel ermöglicht, trägt es zugleich wesentlich zu deren Aufrechterhaltung bei. Denn damit es etwas zu verstoffwechseln gibt, muss gehandelt werden: Der Tiger geht auf Beutejagd, der Mensch zum Kühlschrank oder ins Restaurant.

Tiere müssen handeln, um zu überleben. Menschen auch.
Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Marc Piscot

Keine Angst vor dem Indeterminismus

Aus biologischer Perspektive ergibt es wenig Sinn, anzunehmen, ob und wie jedes einzelne Tier auf der Erde sein Überleben meistere, sei durch die Naturgesetze und die Anfangsbedingungen des Universums festgelegt. Es handelt sich vielmehr um eine Frage der Anpassung einer Spezies an ihren Lebensraum und des adaptiven Verhaltens biologischer Individuen.

Damit ist bereits gesagt, dass es keineswegs beliebig ist, was biologische Akteure wollen und wie sie sich verhalten. In bestimmten Typen von Situationen sind bestimmte Typen von Handlungen erwartbar, auch wenn individuelle Entscheidungen hätten anders ausfallen können. Organismen sind weder Maschinen noch Zufallsprozesse – und entsprechend vollziehen sich ihre Handlungen weder mit unabwendbarer Notwendigkeit noch aus heiterem Himmel.

Die Biologie kann uns lehren, dass wir keine Angst vor dem Indeterminismus zu haben brauchen. Indeterminismus ist nicht gleichbedeutend mit Chaos, sondern verträglich mit verschiedenen Graden von Ordnung. Auf dieser Basis dürfen wir die Hypothese wagen, dass Willensfreiheit ein Aspekt des biologischen Handlungsvermögens ist und von diesem nicht getrennt werden kann. Der menschliche Wille ist natürlich frei. (Anne Sophie Meincke, 10.2.2021)