Christian Demand kennt sich aus, wenn es ums Wohnen geht. Der deutsche Kulturwissenschafter, Kunsthistoriker und Philosoph ist Herausgeber der Kulturzeitschrift Merkur. Derzeit arbeitet er an einem Buch zum Wohnen als normativer Praxis mit dem Titel "Homestorys". Wir haben ihn in Berlin angerufen.

STANDARD: Ihr Vater war Liebhaber und Experte für Möbeldesign. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Demand: Er war durchdrungen von den Idealen des Werkbunds. Für ihn galt das Credo, dass es ohne geglückte Gestaltung kein geglücktes Leben geben kann. Das war auch der Grund für die Intensität, mit der er sich in Fragen nach der richtigen Form hineingebohrt hat. Die Liebe zu gutem Design war für ihn nicht nur eine Liebhaberei, sondern hatte eine existenzielle Dimension.

STANDARD: War das als Teenager nicht auch nervig?

Demand: Mein Vater stand im Design-Museum eine gefühlte Ewigkeit vor einer Vitrine mit vorbildlichen Türklinken. Das war schon einigermaßen anstrengend. Dabei hatten wir gar nicht die finanziellen Möglichkeiten, hochpreisige Design-Ikonen im Geschäft zu erwerben. Als Kunsterzieherehepaar mit drei Kindern in einer schon während der 1960er-Jahre abenteuerlich teuren Stadt wie München hieß es für meine Eltern in aller Regel: anschauen, nicht mitnehmen. Um so größere symbolische Bedeutung bekamen die kleinen Dinge, die man sich tatsächlich leisten konnte, wie das Salz-Pfeffer-Streuer-Set von Wilhelm Wagenfeld oder die von Dieter Rams gestalteten Elektrogeräte der Firma Braun.

Die Grafikerin und Illustratorin Beate Zollbrecht hat unsere Geschichte zum Thema "Wohnen" illustriert. Seit dem ersten Lockdown steht ein viel zu großes Klavier in ihrer Wohnung. beatezollbrecht.de
Illustration: Beate Zollbrecht, Foto: Getty Images

STANDARD: Wie hat das Ihren Stil geprägt?

Demand: Als Jugendlicher habe ich mich gegen das Diktat der "guten Form", das bei uns gelebt wurde, gesträubt. Später musste ich aber feststellen, dass ich nicht nur die manische Aufmerksamkeit für gestalterische Details von meinem Vater übernommen habe, sondern zu großen Teilen auch seinen Geschmack. Ich lebe mit den Mid-Century-Möbeln von Eero Saarinen, Arne Jacobsen und Florence Knoll, die er sich während meiner Kindheit nicht leisten konnte. Damals war das Avantgarde, heute muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich nicht genau die nostalgischen Reflexe bediene, gegen die die Designer seinerzeit angearbeitet haben.

STANDARD: Gibt es heute noch Instanzen, die Normen vorgeben?

Demand: Mir fallen keine ein. Natürlich hatte die Vorstellung, dass es eine Art Wohnerziehung geben müsse, lange Zeit prominente Fürsprecher. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert waren Generationen von Designreformern und sich als progressiv verstehenden Architekten – die Szene war weitgehend männlich dominiert – geradezu besessen von diesem Gedanken. Aber die große Zeit dieser ästhetischen Missionsbewegung ist schon lange vorüber. Sie verlor ihre öffentliche Sichtbarkeit sang- und klanglos Ende der 1970er-Jahre, also etwa als Ikea die deutsche Möbelindustrie aufzumischen begann.

STANDARD: Führt eine gute Form denn zu einem guten Menschen?

Demand: Nein, das tut sie vermutlich ebenso wenig, wie edle Kleidung edle Menschen macht. Der naive Glaube, dass man von der äußeren Form unmittelbar auf die innere Einstellung schließen könne, war die große Schwachstelle der gestalterischen Reforminitiativen des vergangenen Jahrhunderts: Gelsenkirchener Barock als Symptom für eine Persönlichkeitsstörung, die geheilt werden muss. Allerdings überzeugt mich die umgekehrte, durchaus populäre Vorstellung ebenso wenig, die jede besondere Sorgfalt in der Gestaltung des privaten Lebensraums als Zeichen von Eitelkeit und Oberflächlichkeit wertet.

Der Deutsche Christian Demand unterrichtete unter anderem an der Wiener Angewandten.
Foto: Getty Images; Peter Neusser

STANDARD: Wie realistisch ist es überhaupt, seine Wohnung wie einen Showroom zu stylen?

Demand: Der Aufwand, der getrieben werden müsste, um diesen Zustand dauerhaft zu halten, ist für die meisten Menschen so groß, dass sie irgendwann kapitulieren und sich mit Kompromisslösungen arrangieren: Nach dem Ausmisten ist vor dem Ausmisten. Wer sich großzügigen Wohnraum mit versteckten Stellflächen leisten und die Pflege an andere delegieren kann, hat jedenfalls einen klaren Feldvorteil. Penible Ordnung ist längst nicht mehr ein Zeichen autoritärer Kleinbürgerlichkeit.

STANDARD: Ist es nicht ohnehin ein Klischee, wenn wir glauben, besonders originell zu wohnen?

Demand: Das ist so viel und so wenig Klischee wie die Vorstellung, man müsse individuell gekleidet sein. Kann man tun, macht aber viel Arbeit. Ich fürchte, dass die meisten Menschen mit der Frage nach ihrem authentischen Ich gar nichts anfangen könnten. Man bleibt sich doch in vieler Hinsicht ein Geheimnis. Und was man von sich kennt, ist nicht immer unbedingt erfreulich.

STANDARD: Wirken allzu ambitionierte Wohnwelten nicht beklemmend?

Demand: Woran merkt man, dass Ambitioniertes "allzu" ambitioniert ist? Die eigentlich interessante Frage ist doch: Beklemmung bei wem? Vor vielen Jahren, als ich noch beim Hörfunk gearbeitet habe, hatte ich mal Besuch von zwei Kolleginnen. Auf meinem Mid-Century-Sofa saßen sie wie gelähmt. Natürlich waren sie viel zu höflich, mir den Grund dafür zu nennen. Aber als ich die eine tags darauf wieder in den gewohnten Büroräumen traf, gestand sie, wie erschüttert sie gewesen sei, angesichts einer derart "ungemütlichen" Wohnung.

Illustration: Beate Zollbrecht, Foto: Getty Images

STANDARD: Wann entstand der Gedanke eigentlich, dass es gemütlich sein muss daheim?

Demand: Das 19. Jahrhundert ist für die Geschichte des Wohnens deshalb so interessant, weil damals zwei gegenläufige Entwicklungen ihren Ausgang nehmen, die bis heute Bestand haben. Zum einen sind immer breitere Gesellschaftskreise bereit, die eigene Wohnstätte unter dem Gesichtspunkt der sozialen Außendarstellung zu betrachten. Zugleich aber findet vor dem Hintergrund neuer Idealbilder familiären Zusammenlebens eine Intimisierung des Häuslichen statt. Damit wird die Sorge um die Gestaltung der "eigenen vier Wände" in einem bislang ungekannten Maß affektiv aufgeladen. Eine Art früher Hygge-Effekt, wenn man so will.

Illustration: Beate Zollbrecht, Foto: Getty Images

STANDARD: Stimmt es, dass Privatwohnungen immer mehr wie Hotelzimmer aussehen?

Demand: Sicher, in angesagten Architektur- und Designzeitschriften, in Fotostrecken für Luxusmode oder auch im oberen Preissegment bei Airbnb ist schon seit längerem eine Lounge-Ästhetik weitverbreitet, die an die Welt der mondänen Hotels des Jet-Zeitalters oder die Playboy-Junggesellen-Apartments erinnert. Dieser Mix aus Designikonen, Queensize-Betten und Tropenholzpaneelen sieht in der Tat sexy aus, elegant, souverän und erholsam. Man denkt unwillkürlich an ewigen Urlaub. Ob aber wirklich sehr viele Menschen ihre Wohnungen dementsprechend umgestalten, möchte ich doch stark bezweifeln. Die innere Schwerkraft, die vor jeder Veränderung des häuslichen Umfelds überwunden werden muss, ist einfach zu groß, von den Kosten ganz abgesehen.

STANDARD: Das Schlafzimmer gilt als ultimativer Rückzugsort in der Wohnung. Was bedeutet das ästhetisch?

Demand: Es ist sicher jener Raum, zu dem Fremde am seltensten Zugang gewährt bekommen. Allerdings auch zugleich jener, bei dem die Anstrengungen, das eigene Wohnumfeld bewusst zu gestalten, am häufigsten auf Grund laufen. Das ist die Kehrseite der intimen Abgeschlossenheit. Es gibt dort kein Publikum, dessen Erwartungen man sich verpflichtet fühlen könnte. Deshalb ist das Schlafzimmer in vielen Fällen nicht nur Wohlfühlinsel, sondern zugleich Stauraum, Kleiderauslegefläche, Kinderspielplatz oder Krankenlager.

STANDARD: Wird Covid-19 unser Wohnverhalten verändern?

Demand: Das kommt sehr darauf an, wie lange die Pandemie unser Leben bestimmen wird. Geht der Spuk im Lauf dieses Jahres vorbei, dürfte sich kaum etwas ändern. Zwingt uns das Virus allerdings noch sehr viel länger nach innen, sieht die Sache anders aus. Ganz sicher würde der Zwang, Wohnen und Arbeiten dauerhaft am selben Ort vereinen zu müssen, sich massiv auf die Nutzung der Räume auswirken. Auf Twitter waren kürzlich Einblicke in die Privatwohnungen amerikanischer Fernsehjournalisten zu sehen. Es waren immer zwei Fotos. Eines davon zeigte jeweils den Ausschnitt der Wohnung, der sichtbar war, wenn die Leute auf Sendung gingen. Ein anderes zeigte, wie die Wohnung drum herum aussah: links das sorgsam arrangierte Bühnenbild, rechts das Chaos des häuslichen Alltags. (Karin Cerny, RONDO, 12.2.2021)