Manchmal verrät eine Maske mehr als ein Gesicht, meinte jedenfalls Oscar Wilde im Jahr 1889.

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Die Pandemie hat weltweit in bisher für Demokratien unvorstellbarem Maße Versammlungs- und Reisefreiheit, freie Berufsausübung, Bildung, Datenschutz und Privatsphäre beschnitten, kurzum: Das Fest des Lebens abgesagt. Und dennoch ist es ein kleiner Fetzen im Gesicht, der es schaffte zum Zankapfel der fundamentalen Krise zu werden. In diesem Kulturkampf ist die Maske, nicht nur weil sichtbares Zeichen eines unsichtbaren Virus, viel mehr als ein Symbol.

Unterdrückte aller Länder bedienen sich im Kampf gegen die Unterdrücker der Maske. Sie erlaubt ihnen die Regelverletzung, die Grenzüberschreitung, den Affront, auch den subversiven Spaß und das Spiel sowie das Lachen über die Obrigkeit und ihre Eitelkeit.

Dabei verkörpern Masken die Vielfältigkeit des Lebens und die Freiheit des Kulturwesens gegenüber dem Naturwesen: mal angsteinflößend, mal von märchenhafter verzaubernder Schönheit, waren sie nur eines (bisher) nicht: Massenware. Sie sind ambivalent, verbergen sie doch einerseits die Gesichtszüge, während sie dem Träger anderseits erlauben anonym einen im grauen Alltag der Abhängigkeit und Effizienz tunlichst verheimlichten Charakterzug zu offenbaren, zu leben, ohne sich als Individuum preiszugeben, zu entlarven.

Masken verkörpern die Vielfältigkeit des Lebens und die Freiheit des Kulturwesens gegenüber dem Naturwesen.
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Siegfried Lenz lässt in seiner 2011 publizierten Erzählung Die Maske ein ganzes Dorf nach dem Fund gestrandeter asiatischer Masken zu einem anderen werden, alte Feindschaften verschwinden im wahrsten Sinne hinter der Maske und neue Lieben klingen durch sie hindurch an. Dass das lateinische Wort "persona" "Maske" bedeutet und für das Schillern des Begriffs zwischen Gesicht, Maske, Rolle, falscher oder gar Schein-Identiät steht, ist Ausdruck des Verwirrspiels, um das es in dieser Krisenzeit auch geht.

Die Tiefenpsychologie spricht von der Schutzfunktion der persona, also der Maske, die man auch als zweite Haut bezeichnen könnte, die selber wiederum eine nicht ungefragt zu überschreitende Grenze markiert.

Eisenmasken

Hugo von Tschudi war ein schöner Mann und Ästhet obendrein. In erbittertem Streit mit Kaiser Wilhelm II. öffnete er die Berliner Nationalgalerie für die Maler der Pariser Moderne. Von dieser im Zentrum der Berliner Kunstwelt stehenden Lichtgestalt im verstaubten Deutschland des späten Kaiserreichs erzählt Mariam Kühsel-Hussaini in ihrem 2020 erschienenen Roman Tschudi.

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Der Kampf des Protagonisten ist allerdings nicht nur ein Kulturkampf, sondern auch ein Kampf gegen die Natur, denn sein Gesicht wird zunehmend von der Wolfskrankheit entstellt, sodass Rudolf Virchow ihm schließlich eine Metallmaske anfertigt.

Ob zu seinem eigenen Schutz oder dem der Öffentlichkeit, die sie abgesehen von zwei Lumpenproletariern geflissentlich ignoriert, bleibt offen, anders als die Tatsache, dass er selber, als er sie zum ersten mal trägt, eine "nie gekannte Scham", einen "Schmerz ohne Poesie" empfindet. Da hört das Spiel auf, da macht sich berechtigterweise ein Gefühl der Ohnmacht breit.

Der 2021 zum zweiten Mal der Pandemie weltweit zum Opfer fallende Karneval ist dagegen eines der Beispiele für die subversive Kraft der Masken. Man stelle sich den zu gleicher Zeit stattfindenden Akademikerball einmal mit Masken statt mit Frack und Ballkleid vor.

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Während der sogenannten närrischen Zeit sind die kodifizierten Regeln von Oben und Unten, von Befehl und Gehorsam, von Freiheit und Notwendigkeit außer Kraft gesetzt. Die Mächtigen werden 'entmannt', der Kapitalismus steht für einen Moment still: Krawatten werden abgeschnitten, die Schlüssel der Rathäuser beschlagnahmt. In Köln übernimmt ein Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau die Macht, ein Treiben, das die Nazis verboten, roch es doch, da alle drei von Männern gespielt wurden, nach unheldischer Homosexualität.

Alles Fremde, alles Uneindeutige, alles nicht sauber Getrennte ist den Apologeten der 'wahren' Identität damals wie heute das Verdächtige schlechthin: Mann ist Mann und Frau Frau, Türke Türke und Geflüchteter Geflüchteter, die die Neuen Rechten in ihrem Ethnopluralismus alle zu achten vorgeben, nur sollte jede Gruppe an den "Ort zurückkehren, an dem sie ursprünglich beheimatet war", wie Helmut Lethen in seiner Autobiographie schreibt.

Maskenverbote

Verdächtig ist den Regierenden aller Länder das Vermummen im öffentlichen Raum: keine Burkas am Strand, in Behörden oder gar auf Straßen, keine (Sturm-)masken bei Demonstrationen, in Banken und Autos. In der BRD war es die konservative Regierung unter Helmut Kohl, die bereits 1985 das Vermummungsverbot bei Demonstrationen verabschiedete, Österreichs Regierung aus FPÖ und ÖVP folgte 2002.

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Der Staat verlangt demnach von seinen Bürgern, also dem Souverän, ein identifizierbares Gesicht. Dass die Moderne und insbesondere die moderne Großstadt immer und vor allem aus der Anonymität ihre Kreativität und somit ihre Innovationskraft geschöpft hat, scheint einem über alles gestellten Recht und / oder Anspruch auf Sicherheit anheimzufallen.

Der deutsche Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) fantasierte 2013 gar von einem "Supergrundrecht auf Sicherheit". Sein Partei- und Amtskollege Horst Seehofer legte kurz vor Beginn der Pandmie seinen Plan, deutsche Bahnhöfe mit Methoden der automatischen Gesichtserkennung aufzurüsten, ad acta, nachdem das Berliner Pilotprojekt von Datenschützern massiv kritisiert und zu spielerischem Protest in Form von Maskeraden aufgerufen worden war.

Es sind die Rechten, die das nackte Gesicht wollen, denn nur das Nackte gilt ihnen wie schon in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments zu lesen, als das Wahre und Unschuldige. Nicht umsonst bedeutet aber sein Gesicht zu wahren, das Spiel fortsetzen zu können.

Der Architekturkritiker Hanno Rauterberg hat zu Recht darauf hingewiesen, nichts sei weniger identisch als das Gesicht, ständig sei es im Wandel, das wahre Gesicht sowie alles vermeintlich Eindeutige also ein Konstrukt. Und so gehört zur Liberalität der Moderne die freie Entscheidung darüber, welche Person man sein, welche Maske man tragen möchte. Befiehlt der Staat dem Souverän nun aber auf einmal, eine Maske aufzusetzen und sei es auch zu seiner eigenen Sicherheit, wird das zum Problem.

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Maskenfreiheit

Zu Beginn der Pandemie herrschte weltweit ein dramatischer Mangel an Masken. Dass die Menschen anfingen selber Masken zu nähen, war allerdings mehr als eine Reaktion darauf. Es war ein Versuch der Selbstermächtigung, ein Versuch, die Entscheidungsfreiheit – sei es gegenüber der Politik, sei es gegenüber dem Virus – (zurück-)zu erhalten und dem wankelmütigen, eben nie identischen Gesicht (auch) mit der Maske eine Facette der Individualität zuzuspielen.

Die sowohl in Österreich als auch in Teilen Deutschlands im Januar beschlossene FFP2-Maskenpflicht u.a. in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr erschüttert dieses Bedürfnis des liberalen Individuums in seinen Grundfesten, unabhängig davon, ob der Einzelne von der höheren Wirksamkeit dieser Massenkonfektion überzeugt ist. Nun ist auch der Maskenball als einzig mögliches Fest in der Pandemie abgesagt.

Das gemeinsame Auftreten von Rechten und Linken bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ist insofern fatal, als dass ihre Positionen nichts miteinander zu tun haben. Während die neue Rechte die Maske verweigert, weil sie das Spiel schlechthin als Angriff auf eine angeblich ursprüngliche, unwandelbare Identität ablehnt, lehnen etliche Linke und Liberale die Maske ab, eben weil diese sie vermeintlich ihrer Individualität beraubt. So prallt der Identitätskult der Neuen Rechten auf den seit den 90er Jahren als Ich-Kult interpretierten Liberalismus.

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Maskenspiele

Helmut Lethen hat an der Kunstuniversität Linz eine Professur inne, bis 2016 war er Leiter des Internationalen Forschungszentrums für Kulturwissenschaft in Wien und auch der breiten Öffentlichkeit ist er kein Unbekannter. Ende 2020 erschienen seine Erinnerungen Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug.

Schon im ersten Kapitel über einen Besuch der Time Travel Magic History Tour in Wien spricht er von der "Theatermaschine der Lebenskunst, des Selbstschutzes und der Distanz" und ist damit mitten in seinem Lebensthema.

Selber als KPD/Aufbauorganisation-Mitglied vom Berufsverbot der 70er Jahre betroffen und seit Langem mit der Autorin der Neu-Rechten und umtriebigen Wiener Identitären Caroline Sommerfeld verheiratet, zieht sich Lethen in seiner Biographie geradezu nackig aus: Es mutet tragisch, ja auch paradox an, wenn er noch einmal ausgehend von Helmuth Plessners Maskentheorie für die "Unfassbarkeit der Identität des modernen Menschen" (Durs Grünbein) plädiert und gleichzeitig die historische Bedingtheit seiner Schriften sowie die (nationale ) Identitätslosigkeit seiner Generation zu erklären versucht, immer auch in offener Konfrontation zu seiner Frau und ihrem – wie er in der FAZ sagte – Wunsch auf "Rückgewinnung der Identität des Volkes durch Abwehr des Fremden."

Einem solchen neurechten "mythischen Wärmebad des Ursprungsdenkens, das so desaströse Spuren in der deutschen Geschichte hinterlassen hat" stellt er sein eigenes "Kältebad der Entzauberung mythischer Erzählungen... als Voraussetzung für die Entwicklung des Wirklichkeitssinns" gegenüber.

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Lethens Buch gibt nicht nur einen Blick frei auf die ernsten Gedanken- und Gesellschaftsspiele eines Jahrhunderts sowie die "Phrasen" und ihren "Punkt, wo sie verkörpert werden", wie er Büchner zitiert, sondern auch auf die "Lust am Pulsschlag des Daseins". Es ist ein starkes Plädoyer für die "entlegenen Baustellen" des Lebens und gegen eine "Stimmung des Alarmismus".

Maskenfeste

Während Joe Bidens Inauguration am 20.Jänner 2021 vor dem Washingtoner Kapitol lugten unter den bunten Masken hie und da weiße Ränder hervor. Die Idee, der (verordneten) medizinischen Massenmaske im wahrsten Sinne des Wortes eine frei gewählte oben drauf zu setzen und so der Veranstaltung subversiv trotz Pandemie einen Hauch von Festlichkeit und Zuversicht zu verleihen, die in der Furcht unterzugehen drohen, ist Zeichen der Lust am Leben.

Peter Sloterdijk sieht vergangenes Jahr im Spiegel in seiner "Abrechnung mit den Querdenkern" die wichtigste Lektion der Pandemie darin zu erkennen, dass wir nur indem wir uns gegenseitig Sicherheit schaffen, immun sind und so dem anderen die Freiheit geben, "näher an das Ideal der spielerischen Seinsweise heranzukommen."

Solange wir nicht gegen das Virus immun sind, gibt es nur diesen Fetzen im Gesicht, der es uns ermöglicht, spielen zu können und Mensch zu bleiben. Die zu Beginn der Pandemie entstandenen Begrüßungsrituale und Formen der Solidarität – verschwunden das alles im grauen Einerlei der sich breitmachenden Depression, Vereinzelung, Angst und Fantasielosigkeit.

Allein dem Gespenst der Subversion in seinen Maskeraden und mit neuen Sprachen, Ritualen und sozialen Interventionen könnte es gelingen, dem im Kampf gegen zunehmende Ungleichheit sowie gegen alle auch bereits vor der Pandemie vorhandenen Missstände etwas Kraftvolles entgegenzusetzen. Und das Leben und seine Schönheit zu feiern. Bunt, schrill, individuell, weltoffen und solidarisch. Nur dann können wir auch über Verlorenes und Verlorene trauern. (Lucia Geis, ALBUM, 13.2.2021)