Die Künstlerin Molly Greene lebt und arbeitet in L.A. Ihre Haarbilder spielen mit dem Effekt der Entfremdung von etwas sehr Vertrautem. mollyagreene.com

Foto: Artwork Molly Greene "Available"

Mit seinem Salon "Kali" war Karl Höfinger im Wien der 1980er-Jahre eine große Nummer. Bei Kali, wie er sich auch selbst nennt, ließ sich die gesamte Kreativszene dieser Zeit die Haare machen. Weil ihm das zu eintönig wurde, zog es ihn nach Los Angeles. Dort lebte er seinen amerikanischen Traum.

Nun ist der Haarstylist nach 26 Jahren wieder zurück in Wien. Und so sitzen wir an einem sonnigen Tag in einem Park und plaudern über Vorlieben und Charakterzüge von Hollywood-Größen, das Haarefärben und Bad Hair Days.

Karl Höfinger stylte Stars wie Catherine Zeta-Jones oder Ellen DeGeneres.
Foto: privat

STANDARD: Was war Ihr erster großer Job in Los Angeles?

Karl Höfinger: Ein Fotoshooting mit Andie MacDowell, im Beverly Hills Hotel in einem kleinen Bungalow. Ich war so nervös. Die Visagistin war eine Italienerin, der Fotograf Deutscher – zum Glück. Denn ich habe damals kaum Englisch gesprochen.

STANDARD: Wie haben Sie sich dann verständlich gemacht?

Höfinger: Indem ich den Menschen in die Gesichter geschaut habe und die Haare so gestylt habe, wie es passte.

STANDARD: Ist es das, was einen Friseur von einem Haarstylisten unterscheidet?

Höfinger: Der Haarstylist ist ein Künstler, der Friseur ein Handwerker. Als Stylist muss man im Vorhinein verstehen, wie die Frisur auf dem Foto oder im Film wirken wird. Du kannst drei Jahre in eine Lehre gehen und die Grundprinzipien lernen, aber als Stylist ist vieles dir und deiner Fantasie überlassen. Wenn du nicht kreativ bist, bleibst du Friseur.

STANDARD: Wie war das für Sie, die Stars zu frisieren?

Höfinger: Es war herausfordernd und sehr gewöhnungsbedürftig, vor allem mit den großen Stars. Das war schwierig, weil ich eher schüchtern bin, aber trotzdem immer gerne meine Meinung sage. Das war bei gewissen Leuten nicht leicht.

STANDARD: Zum Beispiel?

Höfinger: Als ich bei einem Michael-Jackson-Video (You Rock My World, Anm.) eine Woche Marlon Brandos Haare "groomen" sollte, war das kein Spaß. Ich durfte nur seine veralteten Produkte verwenden. Er war ruppig und unfreundlich. Da fiel es mir schwer, nicht zurückzureden. Auch kam es mir absurd vor, dass man Verträge unterschreiben musste, etwa dass man Michael Jackson nicht ins Gesicht schauen durfte, wenn man in seiner Nähe ist. Es war ungewohnt, aber auch verständlich. Diese Leute leben wie Verfolgte. Ich dachte mir: Das ist eben Hollywood.

STANDARD: Hatten Sie oft solche schwierigen Kaliber?

Höfinger: Mehr als genug. Faye Dunaway war eine davon. Etliche Visagisten und Haarstylisten wollten nicht mit ihr arbeiten – was ich nicht wusste –, und daher bekam ich den Job. Sie warfen mich quasi der Löwin zum Fraß vor. Jetzt kann ich darüber lachen. Aber sie hat sich benommen, als stünden überall Kameras, als würde ein Film gedreht. Ich dachte, das gibt’s nicht, dass jemand im normalen Leben so agiert.

STANDARD: So theatralisch?

Höfinger: So bestimmend, dominant, geradezu cholerisch. Als hätte sie die Rolle einer Furie zu spielen. Sie hat mich wie einen Sklaven und den letzten Dreck behandelt. Als ich nach dem Shooting ging, rief sie mich zurück und sagte in herrischem Ton: "Kali, thank you very much. It was great. I like you. So you can kiss me." Brrr ...! Ich habe nie wieder mit ihr gearbeitet. Das war eine große Enttäuschung, weil ich sie früher so bewundert habe.

STANDARD: Wessen Haare durften Sie denn noch stylen?

Charlize Theron war die Lieblingskundin von Karl Höfinger.
Foto: Tolga AKMEN / AFP

Höfinger: Mein Liebling: Charlize Theron. Eine Superfrau! Tom Cruise, Minnie Driver, Ashton Kutcher, Mila Kunis, Marylin Manson, Salma Hayek, Tom Hanks – entzückend –, Antonio Banderas, Carlos Santana, Michael Douglas, Catherine Zeta Jones – sie hat einen Brief für mich geschrieben, damit ich meine Greencard bekomme, dafür bin ich ihr sehr dankbar. So große Schauspieler! So lieb! Ich hab’ mit so vielen gearbeitet, ich hab’ viele schon vergessen. Jodie Foster, Michelle Branch ...

STANDARD: Gab es auch Stars, für die Sie permanent gearbeitet haben?

Höfinger: Ellen (DeGeneres, Anm.), Britney Spears. Und für Luis Miguel, einem der größten Latino-Sänger. Ich wurde nach Acapulco eingeflogen, wurde abgeholt, zu Luis Miguel gebracht, schnitt ihm die Haare und wurde vom Chauffeur wieder zum Flughafen gebracht, um wieder zurück nach Los Angeles zu fliegen. Das hat sich ungefähr alle sechs Wochen wiederholt; wo auch immer er war.

Ellen DeGeneres wurde jahrelang von Karl Höfinger gestylt.
Foto: ap/Pizzello

STANDARD: Ellen DeGeneres hat Sie dann so stark vereinnahmt, dass Sie jahrelang keine Zeit für andere Jobs hatten.

Höfinger: Drei Jahre habe ich mit Ellen durchgearbeitet. Für ihre Show, alle Werbespots, Fotos und so weiter.

STANDARD: Sie hat sehr kurze Haare. Wie konnten Sie Ihre persönliche Note einbringen?

Höfinger: Es musste und muss bei ihr so sein, dass ihre kurzen Haare immer anders ausschauen als bei jeder anderen Person mit kurzen Haaren. Sie will nicht wie eine Frau aussehen, nicht wie ein Mann, nicht wie eine Lesbe. Sie will wirken wie ein schlimmer Bub. Sie will nicht vergleichbar sein. Das war die Vorgabe.

STANDARD: Wie haben Sie das gemacht?

Höfinger: Indem ich viel recherchierte, mir Bilder von Jugendlichen aus den 1920er- bis 1950er-Jahren anschaute. Sie wollte keinen "Haarschnitt" im herkömmlichen Sinn. Selbst wenn da ein Eck drinnen war, war ihr das lieber. Es sollte spontan aussehen. Es sollte so wirken, als hätte sie sich die Haare selbst geschnitten.

STANDARD: DeGeneres’ Ruf hat sich zuletzt sehr verschlechtert.

Höfinger: Mir gegenüber hat sie sich immer korrekt verhalten. Meiner Meinung nach ist sie müde und ausgelaugt.

"Haare erzählen eine Geschichte", ist Karl Höfinger überzeugt.
Artwork: Molly Greene "Picked Up"

STANDARD: Warum sind Sie damals überhaupt in die USA gegangen, konnten Sie sich in Wien nicht kreativ ausleben?

Höfinger: Gott sei Dank konnte ich das. Mir wurde vertraut. Man sagte mir nur: "Lass meine Haare lang, aber mach’ mir was Pfiffiges." Irgendwann – ich habe meinen Salon in der Habsburgergasse mit 23 eröffnet, das Schild hängt lustigerweise noch immer dort – war es mir zu eintönig. Ich wollte gerne mehr mit Fotografen arbeiten. Das gefiel mir. Die Arbeit war abwechslungsreicher und kreativer, als jeden Tag im Salon zu stehen. Mit 34 bin ich dann nach Los Angeles übersiedelt. Der Anfang war schwierig, ich hatte sechs Monate keine Arbeitspapiere. In dieser Zeit habe ich sehr viel nachgedacht und sehr viele Briefe geschrieben. Ich habe mich selbst durch die Einsamkeit sehr gut kennengelernt. Es gab, anders als in Wien, keine Ablenkung.

STANDARD: Sind Sie auch der Meinung, dass mit einem neuen Haarschnitt ein neues Leben beginnt?

Höfinger: Ja, denn man schneidet ein Stück seines gelebten Lebens weg. Haare erzählen eine Geschichte. Durch diese Veränderung fühlt man sich neu. Und ich glaube, das Haar ist eines der wichtigsten Dinge für den Menschen. Erstens einmal ist es ein Schmuck. Zweitens weiß ich, wenn sich Menschen in den Spiegel schauen und ihre Haare sehen, gibt ihnen das Energie.

STANDARD: Gibt es so etwas wie einen Bad Hair Day?

Höfinger: Den gibt es – sehr oft sogar. Ein Bad Hair Day ist, wenn man sich nicht wohlfühlt. Wenn man irgendetwas Belastendes in sich trägt. Dann fangen die Haare zu fliegen an, sind elektrisch und nicht zu bändigen. Ein Bad Hair Day kann auch wetterbedingt sein, aber meist kommt das aus dem Inneren.

STANDARD: Was halten Sie von Männern, die sich die Haare färben?

Höfinger: Viele Schauspieler haben gefärbtes Haar – aber es war nicht einer dabei, wo ich sagen konnte, dass es toll aussieht. Gefärbte Haare gehen immer ins Rötliche. Niemand schafft das zu vermeiden! Die Leute gehen zu den besten Friseuren – und trotzdem sieht man es immer, zumindest bei Tageslicht. Bei Frauen macht das nichts aus. Ich finde es bei Männern unmöglich.

STANDARD: Was sind die neuesten Haartrends?

Höfinger: Trends gibt es nicht mehr. Heute ist alles erlaubt – quer durch den Gemüsegarten. Wie in der Mode.

STANDARD: Wie wichtig sind Friseursalons? Sie waren zumindest früher auch eine Klatschbörse. Wie sehen Sie das?

Höfinger: Nein, also nicht bei mir. Ich höre lieber zu. So was ergibt sich nur, wenn man sich besser kennt und ein Vertrauensverhältnis entsteht. Als Friseur weiß man, welchen Stellenwert Diskretion hat. (Cordula Reyer, RONDO, 25.2.2021)