Frankreich verschließe die Augen vor seinen gesellschaftlichen Realitäten, schreibt die "NYT".

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"Le Monde"-Chefredakteur Michel Guerrin: "Die 'New York Times' vergisst zu sagen, dass Frankreich nicht den Antikolonialismus anprangert, sondern dessen Missbräuche."

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Es sind zwei liberale Zeitungen, offen, tolerant und weltläufig. Aber sie können auch anders. Frankreich sei blind für seinen Rassismus und "unfähig, sich einer veränderten Welt anzupassen", schreibt die "New York Times" an die Adresse jenes Landes, "das früher eine Großmacht war". "Le Monde" kontert, die USA behinderten die Redefreiheit und würden langsam "zerstört" durch die politische Korrektheit und die Cancel-Culture.

Die "NYT" bringt selber keine Karikaturen mehr – und nach der brutalen Ermordung des französischen Geschichtslehrer Samuel Paty titelte sie nach dem polizeilichen Schnellschuss: "Die französische Polizei schießt und tötet einen Mann nach einer tödlichen Messerattacke in der Straße".

Auch darin zeigte sich, wie unterschiedlich man die ganze Affäre Charlie/Paty in New York und in Paris sieht. Als die französische Regierung ein hartes Durchgreifen gegen Jihadisten ankündigte, unterstellte die Londoner "Financial Times" Emmanuel Macron, er spalte sein Land mit einer "Kriegserklärung gegen den islamischen Separatismus". "Washington Post" und "New York Times" behaupteten, Frankreich grenze mit seinem Kopftuchverbot und anderen Maßnahmen die muslimische Gemeinschaft als Ganzes aus; damit fördere sie indirekt selbst den Zulauf, den salafistische Moscheen in den Banlieue-Vierteln von Paris, Lyon oder Marseille erlebten.

Anruf von Macron

Darauf rief der Präsident Emmanuel Macron den zuständigen Medienredakteur der "NYT" persönlich an und schalt ihn, er legitimiere letztlich die Gewalt gegen Karikaturisten und Lehrer, wenn er der französischen Regierung unterstelle, sie stigmatisiere die Muslime und treibe sie in die Arme der Jihadisten.

Vor einer Woche feuerte die "New York Times" eine neue Breitseite über den Atlantik. Ihr Pariser Korrespondent Norimitsu Onishi fragt im Titel eines langen Beitrags mit unverhohlener Ironie: "Bedrohen die amerikanischen Ideen etwa die französische Kohäsion?" Seine These: Die amerikanischen Rassismus-, MeToo- oder Genderdebatten entlarvten das "französische Einheitsdenken", das keine kulturellen Unterschiede oder Abweichungen von der Norm zulasse.

Der "NYT"-Korrespondent argumentiert, die US-Gesellschaft lebe von der Vielfalt der Kulturen und der Respektierung ethnischer, sexueller oder anderer Minderheiten; Frankreich lasse dagegen nicht einmal "rassische" Statistiken zu und verschließe damit die Augen vor seinen gesellschaftlichen Realitäten. Diese Haltung wurzle in Frankreich in einer "langen Geschichte der Negierung des Rassismus, der Kolonialvergangenheit und des Sklavenhandels".

"Selbstzensur"

Einen solchen Angriff konnte "Le Monde" nicht so stehen lassen. "Die 'New York Times' vergisst zu sagen, dass Frankreich nicht den Antikolonialismus anprangert, sondern dessen Missbräuche", schrieb Chefredakteur Michel Guerrin. Die amerikanische Zeitung übergehe "Dutzende von Beispielen der Zensur in den USA, dazu eine galoppierende Selbstzensur sowie die erschreckende Einengung der Wortwahl für Akademiker und Kulturschaffende".

Als Beleg führt Guerrin eine Umfrage an, wonach 65 Prozent der Franzosen die Cancel-Culture als Gefahr für die Demokratie sehen würden. Dadurch ermuntert, kommt das Pariser Renommierblatt zum Schluss: "Zum Glück ist Frankreich noch nicht Amerika."

Dabei hat das französische "Einheitsdenken" ("pensée unique") bisweilen ähnliche Folgen wie das amerikanische Kulturcanceln. Im nordfranzösischen Lille wurde der keineswegs reaktionäre Ex-Präsident François Hollande an einem Universitätsauftritt gehindert, weil er zu wenig soziale Positionen vertrete. In Bordeaux sagte die Fakultät eine Konferenz mit der Philosophin Sylviane Agacinski ab, nachdem die Gattin des ehemaligen sozialistischen Premierministers Lionel Jospin ethische Bedenken gegen die Zulassung der künstlichen Befruchtung für lesbische oder andere Frauen geäußert hatte.

Die Liste lässt sich verlängern. Der rechte Moralist Alain Finkielkraut wurde an einem Auftritt an der Pariser Eliteschule Sciences Po gehindert; an der Sorbonne wurde ein Aischylos-Stück wegen eines Blackface-Einwands abgesetzt.

Innerfranzösische Motive

Diese Rückzieher mögen durch amerikanische Debatten beeinflusst sein. Aber sie haben französische Urheber und auch sonst etwas sehr Französisches, wie der Politphilosoph Frédéric Mas festhält: "Das französische Politspiel besteht darin, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, wenn sie das eigene Lager begünstigt; den Konkurrenten verweigert man sie aber." So werden die "Charlie"-Karikaturen mit Verweis auf die Meinungsfreiheit oft um jeden Preis verteidigt – abweichende Meinungen zum neuen Genderdiskurs aber mit handfesten Methoden unterbunden. Die Sorbonne musste auch einen Zyklus zum Thema "Radikalisierung" annullieren, weil der algerische Islamismuskritiker Mohamed Sifaoui – dem Gegner Islamophobie vorwerfen – daran teilnehmen sollte.

Hinter dieser Absage standen zweifellos eher innerfranzösische Motive als amerikanischer Einfluss. Aber Selbstzensur ist einfacher als Selbstkritik. Indem die "New York Times" den Franzosen den Spiegel vorhält und "Le Monde" umgekehrt den Amerikanern, befolgen die beiden Redaktionen lieber Jean-Paul Sartres Bonmot: Die Hölle, das sind immer die anderen. (Stefan Brändle aus Paris, 18.2.2021)