Ein neues Video der weggesperrten 35-jährigen Prinzessin Latifa ist aufgetaucht.
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Sollte der Herrscher von Dubai, der gleichzeitig Vizepräsident und Ministerpräsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ist, gehofft haben, seine Familiengeschichten seien endlich aus den Medien, so war das verfrüht: Ein bisher unbekanntes – wenngleich offenbar bereits 2019 aufgenommenes – Video der Tochter von Mohammed bin Rashid Al Maktum, die nach ihren eigenen Angaben von ihrer Familie in einer bewachten Villa in Dubai gefangen gehalten wird, hat es zur BBC geschafft. Die Geschichte wird seitdem international groß gespielt – allerdings nicht nur vonseiten des am Schicksal von Prinzessinnen prinzipiell interessierten Boulevard. Auch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte und die britische Regierung meldeten sich besorgt zu Wort und verlangten Aufklärung.

Latifa bint Mohammeds Story war bereits nach ihrer misslungenen Flucht aus Dubai im Jänner 2018 öffentlich geworden: Demnach war sie mithilfe von Freunden, eines französischen Geschäftsmanns und einer finnischen Trainerin, mit einem Dinghy von der Küste auf eine in internationalen Gewässern liegenden US-beflaggten Yacht Richtung Indien geflohen. Eine Woche später wurde das Boot von einem Kommando gestürmt, und Latifa wurde wieder nach Dubai zurückgebracht, wo sie seither in strenger Gefangenschaft gehalten und terrorisiert wird. In ihren Videos sagte sie, sie fürchte um ihr Leben.

Latifa ist eines von mindestens 25 Kindern des 71-jährigen Emirs von Dubai und die zweite Tochter, die ihrer Familie entkommen wollte. Bereits im Jahr 2000 wurde Latifas ältere Schwester Shamsa von ihrem Vater mit Gewalt aus Großbritannien zurückgeholt. Zum großen öffentlichen Thema wurden die Familiengeschichten des Scheichs allerdings so richtig im April 2019, als seine jüngste Frau, Prinzessin Haya bint al-Hussein, eine Tochter des 1999 verstorbenen Königs von Jordanien, mit ihren beiden Kindern nach London flüchtete. Seitdem beschäftigt sich die Justiz in Großbritannien mit der Frage, wie es in der höchsten Familie der Glitzerwelt von Dubai zugeht.

Vor britischen Gerichten

Im Rahmen des Sorgerechtsstreits zwischen Prinzessin Haya und ihrem Ex-Mann urteilte ein britisches Gericht im März 2020, dass Mohammed bin Rashid für die Entführung seiner Töchter verantwortlich sei. Laut Darstellung von Prinzessin Haya hing ihre eigene Flucht vor ihrem Mann direkt mit dem Schicksal der beiden Frauen zusammen: Seit sie Sorge über die Behandlung von Shamsa und Latifa äußerte, sei sie von ihm massiv bedroht worden.

Dabei hatte Prinzessin Haya im Fall Latifa eine seltsame Rolle gespielt: Auf ihre Einladung kam die frühere irische Präsidentin und Uno-Hochkommissarin Mary Robinson 2018 nach Dubai, die bestätigte, dass Latifa im Kreis ihrer Familie gut aufgehoben sei. Bilder von Robinson und Latifa wurden veröffentlicht, die das beweisen sollten. Allerdings sagte Robinson später der BBC, sie sei "fürchterlich hereingelegt" worden.

Dass die Familiengeschichten des Emirs grausame Frauenschicksale reflektieren und ein gefundenes Fressen für Liebhaber finsterer 1001-Nacht-Geschichten sind, ist die eine Seite. Die andere ist sehr politisch: das Rebranding der Vereinigten Arabischen Emirate, die in den letzten Jahren viel in ihren Ruf investiert haben, der Hort der Aufklärung am Persischen Golf zu sein. Der starke Mann der VAE ist zwar der Kronprinz von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed Al Nahyan, der für seinen kranken Halbbruder, dem er auch als VAE-Präsident nachfolgen wird, regiert. Aber Dubai bleibt der öffentlichkeitswirksamste Ort und, abgesehen von den Öleinnahmen Abu Dhabis, das erfolgreichste Geschäftsmodell. Und was dort passiert, fällt auf die gesamten VAE zurück.

Der Herrscher über die Glitzerwelt von Dubai, Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktum.
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Mekka für Influencer

Nach Dubai fahren die Reichen und Schönen, um sich zu amüsieren, auch in der Corona-Zeit – was übrigens zu einem Anstieg der Infektionszahlen in den vergangenen Wochen geführt hat. Dubai ist cool: Für deutschsprachige Influencer ist Dubai aufgrund steuerlicher Begünstigungen zu einem populären Wohnort geworden. Im Gegenzug unterwerfen sie sich den strengen Social-Media-Regeln – und werben mit ihren Beiträgen für den Stadtstaat.

Es geht natürlich um viel mehr als nur ein schickes Image. Die VAE sind zur politischen Regionalmacht geworden, unter anderem auch zum wichtigsten Partner Israels unter allen arabischen Staaten. Weltweit mischen sie in der akademischen Welt und in Thinktanks mit, betreiben Lobbying und bespielen brillant das Soft-Power-Instrumentarium Religion, Kultur und Sport. Genauso wichtig ist jedoch die militärische Komponente, die VAE projizieren mit ihren Militärbasen weit über ihre Größe hinaus Macht.

Die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten bedeutet allerdings eine Herausforderung: Kurz nach seinem Amtsantritt legte er den Verkauf von F-35-Jets auf Eis, die Donald Trump Abu Dhabi als Zuckerl für die Normalisierung mit Israel versprochen hatte. Dass das Latifa-Video gerade jetzt auftaucht, könnte politischen VAE-Gegnern demnach zumindest gut in den Kram passen – wenn sie nicht sogar etwas damit zu tun haben. (Gudrun Harrer, 19.2.2021)