Boy meets Girl: Lily James und Richard Madden bei der Vorstellung von "Cinderella".

Shotwell/Invision/AP

Viele Unterzeichner der Initiative #ActOut sind Betroffene einer Borniertheit, die anno 2021 niemand zu akzeptieren braucht. Immer noch werden Schauspielerinnen und Schauspieler deshalb in die Schranken gewiesen, weil sie schwul, lesbisch, bi, queer, trans oder nichtbinär sind. Einige der Betroffenen haben jüngst in der "Süddeutschen Zeitung" vielfach demütigende Erfahrungen preisgegeben. Deklariert wurde die gängige Praxis von Film- und TV-Produktionsfirmen. Die ziehen Erkundigungen über die sexuelle Orientierung ihrer Protagonisten ein. Das lässt allerdings an den investigativen Eifer von milde erregten Beichtvätern denken.

Gefordert wird nicht nur der offene Umgang mit dem eigenen Privatleben. "Wir müssen nicht sein, was wir spielen. Wir spielen, als wären wir es – das ist unser Beruf": Dieser Appell bezeichnet nichts Geringeres als die Geschäftsgrundlage jedes darstellenden Künstlers, jeder darstellenden Künstlerin. Sein Ethos, ihr ganzer Stolz liegen in ihrer viel beschworenen Wandlungsfähigkeit. Jeder von ihnen muss, was die Handhabung schauspielerischer Mittel betrifft, ganz bei sich sein. Nur so streifen er oder sie die Fesseln seiner, ihrer Privatexistenz auch wirklich zuverlässig ab.

Hang zur Übersteigerung

Dieser Verpflichtung zur Verwandlung wohnt ein Zauber inne: Ihm verdankt die Schauspielerei ihren Hang zur Übersteigerung, manchmal auch den Zwang zur Verhaltensauffälligkeit. Ihre Adepten sind sowohl Geheimniskrämer als auch Geheimnisträger. Sie erscheinen mithin wie weitläufige Verwandte der Schamanen und Hohepriester: im Dienst unerreichbarer Mächte stehend. Immerzu außer sich, Verwalter von Ekstasen, die ihnen andere – Autoren, Intendanten, Regisseure – auf den Leib schneidern.

Die Aktivistinnen von #ActOut wollen "nicht nur die Wirklichkeit in ihrer Vielfalt abgebildet" sehen, sondern gleich überhaupt in ihrer "sexuellen Diversität". Dieses honorige Anliegen verkennt freilich die Maximen der Industrie. Die kümmert sich schon allein deshalb nicht um Quotierungen, weil ihr die Verwertung von Kulturgütern vordringlich ist.

Die Aufhebung von Benachteiligung würde für sie erst dann zum Thema, wenn sich die Verbreitung heterosexueller Normvorstellungen ("Boy meets Girl") plötzlich als Kassengift erwiese. So lange die Hetero-Norm die Zuschauer "in ihrer Lebensrealität abholt", wird sie sich vom Klischee häufig gar nicht unterscheiden lassen.

Die Kulturindustrie lebt von der Standardisierung ihrer Produkte. Dasjenige, was sie als bunte Vielheit verkauft, unterliegt von vornherein gnadenloser Vereinheitlichung. Immer schon durfte sich der Mainstream in der Gewissheit wiegen, er bilde, um den Preis gesteigerter Grobheit, den Massengeschmack verlässlich ab.

Schnöder Reklamezweck

Wer nun den Darsteller, die Darstellerin mit seiner oder ihrer Rolle verwechselt, geht dem Sachverhalt auf den Leim. Der progressive Impetus, seinen schwulen, lesbischen etc. Partner auch über den roten Teppich führen zu wollen, um sich ein für allemal, vor aller Augen, zu deklarieren: Er tut leider Gottes nichts zu Sache. Der Auftrieb der Stars und Sternchen in ihren Glitzerroben dient einzig und allein dem schnöden Reklamezweck.

Der rote Teppich ist eher kein Umschlagplatz für Authentizität. Er bildet die künstliche Verlängerung ein- und derselben Illusion. Der Star tritt aus dem Film heraus, aber nur, um die Fiktion möglichst bruchlos in die Wirklichkeit zu überführen. Für eine Deklaration seiner privaten Gefühle fände sich nur unter einer Bedingung Platz: wenn durch sie die Erwartungen, die der Massengeschmack an ihn richtet, nicht irritiert werden. Jeder und jede möchte sich von allen anderen möglichst grundlegend unterscheiden. Hauptsache, alles bleibt sich gleich.

Somit ist der Darsteller in der Kulturindustrie der Enteignete. Ein Image wird ihm oder ihr zugeschrieben; doch steht es kaum jemals zu seiner Verfügung. Authentizität ist dann gefragt, wenn sie rentabel ist.

Natürlich wäre es erfrischend, würden fiktionale Werke die wachsende Diversität in den spätmodernen Gesellschaften zusehends besser, das heißt: skrupulöser und – warum nicht? – voller Empathie abbilden. Unklar erscheint derweil, wie Aktivisten wie diejenigen von #ActOut den Spagat hinbekommen wollen: auch sexuell ganz und gar sie selbst (und sichtbar) zu sein, um als die ganz anderen ihrer selbst zu reüssieren. Die Wahrheit in unserer Gesellschaft lautet derweil unverändert: Auch als Künstlerin oder Künstler hast du vor allem Dienstleisterin zu sein. (Ronald Pohl, 23.2.2021)