In Italien wehen die Flaggen auf halbmast.

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Luca Attanasio war seit 2019 Italiens Botschafter im Kongo.

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Kinshasa/Goma – Auch einen Tag nach dem Tod des italienischen Botschafters in der Demokratischen Republik Kongo, Luca Attanasio, und zweier weiterer Personen bei einer Schießerei im Virunga-Nationalpark sind die Hintergründe noch nicht genau geklärt. Die Regierung in Kinshasa macht eine örtliche Rebellengruppe, die Forces Démocratiques de Libération du Rwanda (FDLR), für den Angriff verantwortlich. Diese weist die Vorwürfe aber zurück. Tatsächlich gibt es zahlreiche weitere Verdächtige, von Anhängern der Terrorgruppe "Islamischer Staat" bis zu unzähligen weiteren kleinen Milizen und kriminellen Gruppen, die in der 1.500 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Konfliktregion im Ostkongo aktiv sind.

Attanasio war am Montagvormittag auf dem Weg von der Provinzhauptstadt Goma zu einer Schulkantine, die vom UN-Welternährungsprogramm (WFP) in der Stadt Rutshuru betrieben wird. Dabei geriet der Konvoi in einen Hinterhalt. Wie auf Videos zu sehen ist, die die Zeitung "La Repubblica" am Dienstag veröffentlichte, wurden die sechs Insassen des Botschafterfahrzeugs – darunter auch Attanasio selbst – anschließend in Richtung Wald geführt.

Parkranger der Naturschutzbehörden des Kongo, die auf den Vorfall aufmerksam wurden, eröffneten danach das Feuer. Bei der Schießerei wurde zunächst der Fahrer Mustapha Milambo erschossen. Er hinterlässt vier Kinder. Anschließend wurden auch Attanasio, verheirateter Vater von drei Kindern, und ein ihn begleitender Carabiniere, Vittorio Iacovacci, von Kugeln getroffen. Sie wurden anschließend ins Krankenhaus von Goma gebracht, wo sie ihren Verletzungen erlagen. Wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, stand am Dienstag noch nicht fest.

Unklare Motivlage

Wieso es für den Konvoi keinen Begleitschutz gab, ist noch unbeantwortet. Laut Angaben des WFP wurde der Weg von der Regierung der Provinz Nord-Kivu als sicher erachtet und für die unbegleitete Passage freigegeben. Gewöhnlich ist der Gastgeberstaat für die Sicherheit von Diplomatinnen und Diplomaten verantwortlich. In bekannt gefährlichen Gebieten – oder etwa dort, wo, wie im Ostkongo, der Staat nur über wenig Macht verfügt – greifen Botschaften aber häufig auch auf Schutz durch eigene Sicherheitsleute oder durch private Sicherheitsdienste zurück. Laut einem Bericht der Agentur dpa soll allerdings im Sicherheitsapparat des Kongo "Erstaunen" darüber geherrscht haben, dass der Botschafter ohne bewaffnete Begleitung unterwegs war. Man sei über die Reisepläne nicht vorab informiert worden.

Die FDLR, die von Kinshasa für den Angriff verantwortlich gemacht wird, ist seit Mitte der 1990er-Jahre im Ostkongo aktiv. Es handelt sich um eine Miliz, die vorrangig aus Mitgliedern der ruandischen Hutu-Volksgruppe besteht. Sie war nach dem Genozid an Tutsi und moderaten Hutus 1994 in Ruanda in den Kongo geflohen, nachdem die Tutsi-Miliz RFP unter dem späteren Präsidenten Paul Kagame nach Ruanda einmarschiert war und dem Völkermord ein Ende gesetzt hatte.

Die FDLR setzt sich unter anderem aus Militärs zusammen, die am Genozid teilgenommen hatten. Sie war auch in den sogenannten "Afrikanischen Weltkrieg" (auch "Zweiter Kongokrieg", 1998–2003) im Ostkongo verstrickt, der aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Kongo, Ruanda und ruandischen Rebellengruppen in der Region entstand und mindestens drei Millionen Todesopfer zur Folge hatte.

Viele Verdächtige

Die Gruppe weist allerdings jede Verantwortung für den Angriff zurück, wie sie in einer Erklärung auf einer ihr nahestehenden Webseite verlautbarte. Sie verurteilte die Tat als "feigen Mord". In der Tat ist nicht ganz klar, welche Motivlage die FDLR für den Angriff gehabt haben könnte. Andere Angriffe, für die sie verantwortlich gemacht wird, richteten sich vornehmlich gegen staatliche Stellen des Kongo. Zuletzt etwa hatten Mitglieder der Miliz im April zwölf Parkranger getötet, die in dem rohstoffreichen Naturschutzgebiet unter anderem für den Schutz der Berggorillas zuständig sind. Laut dem Gouverneur von Nord-Kivu, Carly Nzanzu Kasivita, sollen die Angreifer sich in Kinyarwanda unterhalten haben – die Sprache ist in Ruanda und Burundi verbreitet, wird aber auch in Nord-Kivu von Mitgliedern zahlreicher Gruppen gesprochen.

Denkbar ist auch, dass es sich um den fehlgeschlagenen Versuch einer Geiselnahme und Lösegelderpressung durch eine der anderen rund 120 Milizengruppen in der Region gehandelt hat. Italienische Medien machen zudem darauf aufmerksam, dass sich im Ostkongo zunehmend Gruppen formieren, die dem IS nahestehen. Auch von diesen gibt es allerdings kein Bekenntnis zur Tat. Die Regierung des Kongo kündigte weitere Ermittlungen an. Die Aufklärungsquote ähnlicher Angriffe in den vergangenen Jahren ist allerdings gering. (mesc, 23.2.2021)