Der Impfstoff-Nachschub soll dünner ausfallen als geplant.
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Brüssel – Der Pharmakonzern Astra Zeneca wird einem Insider zufolge wohl auch im zweiten Quartal deutlich weniger Impfstoff in die EU liefern als vereinbart. Das Unternehmen rechne damit, zwischen April und Juni weniger als die Hälfte der vertraglich zugesagten 180 Millionen Impfdosen zu liefern, sagte ein EU-Vertreter am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Sollte dies so kommen, könnte das EU-Ziel gefährdet sein, bis zum Sommer 70 Prozent der Erwachsenen geimpft zu haben.

Der britisch-schwedische Konzern habe in internen Gesprächen erklärt, im zweiten Quartal nur "weniger als 90 Millionen Einheiten" zu liefern, sagte der EU-Vertreter, der nach eigenen Angaben in die Gespräche eingebunden war.

Astra Zeneca teilte auf Anfrage am Abend mit, man wolle den Vertrag für das zweite Quartal laut jüngster Prognose erfüllen. Dabei solle etwa die Hälfte der in Aussicht gestellten Dosen aus europäischer Produktion kommen. Den Rest werde das Unternehmen aus anderen Teilen der Welt zur Verfügung stellen. Woher der Impfstoff kommen soll, ging aus der Mitteilung nicht hervor.

EU-Sprecher hält an Impfzielen fest

Ein Sprecher der EU-Kommission, die die Gespräche mit den Impfstoffherstellern koordiniert, sagte, man könne sich zu den Diskussionen nicht äußern, da diese vertraulich seien. Die Verhandlungen mit Astra Zeneca zum detaillierten Lieferplan liefen noch. Die EU sollte aber unabhängig von der Situation bei Astra Zeneca mehr als genügend Impfstoff zum Erreichen ihrer Impfziele haben, wenn die vereinbarten Lieferungen von anderen Herstellern erfüllt würden, so der Sprecher.

Es gebe noch keinen akzeptierten Lieferplan für das Quartal. Das Unternehmen sei dabei, den Plan "zu verfeinern und zu konsolidieren, auf Grundlage aller verfügbaren Produktionsstätten in Europa und außerhalb". Die Kommission erwarte "einen verbesserten Vorschlag für einen Lieferplan". Die EU-Verträge sehen vor, dass Astra Zeneca sich zu seinen "bestmöglichen Anstrengungen" verpflichtet, um einen festgelegten Zeitplan einzuhalten.

Astra Zeneca hatte Ende Jänner erklärt, wegen Engpässen in der Produktion in einem Werk in Belgien die zugesagte EU-Liefermenge im ersten Quartal nicht einhalten zu können. Zunächst war erwartet worden, dass die Zahl der Impfdosen dadurch mit 31 Millionen Stück rund 60 Prozent niedriger ausfällt als geplant. Später hieß es, es sollen 40 Millionen Einheiten geliefert werden. Sollten im zweiten Quartal etwa 90 Millionen Einheiten hinzukommen, würde sich das für das gesamte erste Halbjahr auf 130 Millionen Dosen von Astra Zeneca summieren. Zugesagt waren für den Zeitraum 300 Millionen.

Ursula Wiedermann-Schmidt will die Empfehlung zum Astra-Zeneca-Impfstoff anpassen.
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Empfehlung wird in Österreich wohl ausgeweitet

Indessen spricht sich Ursula Wiedermann-Schmidt, wissenschaftliche Leiterin des nationalen Impfgremiums, für eine Empfehlung des Astra-Zeneca-Impfstoffs auch für über 65-Jährige aus. Es gebe nun genügend Daten, sagte die Vakzinologin in der ORF-Nachrichtensendung "ZiB". Man wolle die Empfehlung dahingehend adaptieren, "dass es keinen Grund gibt, hier einen Altersunterschied beim Einsatz der Impfstoffe zu machen".

Für die Logistik und die Anwendung der Impfstoffe sei es leichter, "wenn man sagt, alle Impfstoffe, die zur Verfügung sind, können gleich eingesetzt werden bei allen Altersgruppen", betonte Wiedermann-Schmidt. Die Empfehlung an den Gesundheitsminister könnte noch diese Woche erfolgen und somit Tempo in die Impfstrategie bringen, hieß es in dem Bericht.

Im Sommer sollten für alle in Österreich, die sich impfen lassen wollen, Vakzine vorhanden sein, schätzt Wiedermann-Schmidt laut ORF – vorausgesetzt, die Liefertermine der Hersteller halten. Der heimische Impfplan war Anfang Februar aktualisiert und angepasst worden: Demnach soll der Impfstoff von Astra Zeneca vorrangig an 18- bis 64-Jährige verabreicht werden. Nun liegen allerdings Daten vor, etwa von britischen Gesundheitsbehörden, denen zufolge der von Astra Zeneca entwickelte Impfstoff auch bei älteren Menschen wirkt.

Neben dem Impfstoff von Astra Zeneca sind in der EU bisher jener von Biontech und Pfizer sowie das Mittel von Moderna zugelassen. Auch hier gab es Lieferverzögerungen. Der Herstellungsprozess ist komplex, die Einrichtungen dafür begrenzt, und bei Bestandteilen gibt es Versorgungsengpässe. (Reuters, APA, 23.2.2021)