In Ecuador kam es zu Ausschreitungen.

Foto: EPA

Angehörige versammelten sich vor den Gefängnissen, in denen die Lage eskaliert war.

Foto: REUTERS/Vicente Gaibor del Pino

Guayaquil – Bei heftigen Kämpfen zwischen rivalisierenden Banden sind in mehreren Gefängnissen in Ecuador fast 80 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 79 Häftlinge seien bei den blutigen Auseinandersetzungen in vier Strafanstalten in Guayaquil, Cuenca und Latacunga getötet worden, teilte die Regierung des südamerikanischen Landes am Mittwoch mit. Mittlerweile sei die Situation wieder unter Kontrolle.

Schwerbewaffnete Polizisten eines Spezialeinsatzkommandos stürmten am Dienstag das Gefängnis von Guayaquil. Sie brachen verrammelte Türen auf und feuerten Tränengaskartuschen in die Zellentrakte, wie in einem von der Zeitung "El Comercio" veröffentlichten Einsatzvideo zu sehen war. Die Häftlinge eröffneten das Feuer auf die Beamten und legten Brände.

Auslöser der Auseinandersetzungen war offenbar ein interner Machtkampf innerhalb der Bande Los Choneros, nachdem deren oberster Anführer José Luis Zambrano alias "Rasquiña" im Dezember getötet worden war. "Wir hatten damals eine sofortige Reaktion erwartet, aber sie hat bis gestern auf sich warten lassen", sagte der Leiter der nationalen Gefängnisbehörde, Edmundo Moncayo.

Kontrolle wiedererlangt

Nach Angaben der Gefängnisverwaltung hatte ein Justizvollzugsbeamter zuletzt Schusswaffen in das Gefängnis von Guayaquil geschmuggelt. Die Waffen sollten offenbar für Anschläge auf Mitglieder rivalisierender Gruppen innerhalb der Gang dienen. Als die Bandenmitglieder davon erfuhren, brachen die Kämpfe aus. Los Choneros ist die mächtigste kriminelle Organisation Ecuadors. Die Bande ist in Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Auftragsmorde verwickelt und soll mit mexikanischen und kolumbianischen Verbrechersyndikaten zusammenarbeiten.

Innenminister Patricio Pazmino sprach von einer konzertierten Aktion krimineller Organisationen. Präsident Lenín Moreno kündigte den Einsatz des Militärs an. "Als Konsequenz der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden in drei Gefängnissen des Landes habe ich die Streitkräfte beauftragt, die Außenbereiche der Haftanstalten strikt auf Waffen, Munition und Sprengstoff zu kontrollieren", schrieb der Staatschef auf Twitter.

Nachdem die Sicherheitskräfte die Haftanstalten wieder unter Kontrolle gebracht hatten, durchsuchten die Ermittler die Zellen. Dabei wurden in Guayaquil Schusswaffen, Macheten, Messer und Mobiltelefone sichergestellt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. "Ich bin gerade rausgekommen. Sie haben an die Türen geschlagen und geschrien", erzählte eine Besucherin des Gefängnisses von Cuenca der Zeitung "El Universo". "Sie haben einen getötet – das habe ich gesehen."

Meutereien an der Tagesordnung

In ecuadorianischen Gefängnissen herrscht ein extremer Personalmangel. Den rund 38.000 Häftlingen stehen gerade einmal 1.400 Gefängniswärter und rund 1.000 an die Gefängnisverwaltung "ausgeliehene" Polizisten gegenüber, wie der Sicherheitsexperte Ricardo Camacho der Zeitung "La Hora" sagte. Der Leiter der Gefängnisverwaltung, General Moncayo, bestätigte, dass nur rund 30 Prozent der notwendigen Stellen besetzt seien.

"Der Hass, die Rachsucht und die Grausamkeit, die wir in den Gefängnissen des Landes gesehen haben, sind nicht nur Botschaften des organisierten Verbrechens, sondern auch Ausdruck des mentalen Zustand des Systems", schrieb Polizeichef Patricio Carrillo auf Twitter. "Die Polizei kann reagieren, sie verfügt aber nicht über die Kompetenz, sich um die soziale Wiedereingliederung der Häftlinge kümmern."

In Lateinamerika kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Gefängnissen. Viele Strafanstalten werden von Gangs kontrolliert. Oftmals sorgen die Sicherheitskräfte lediglich dafür, dass die Gefangenen in den Haftanstalten bleiben. Innerhalb der Mauern bleiben sich die Häftlinge weitgehend selbst überlassen. Zahlreiche inhaftierte Gangbosse steuern die Geschäfte ihrer kriminellen Organisationen aus dem Gefängnis heraus. (APA, 23.2.2021)