Uğur Şahin bekräftigte am Dienstag, dass der Biontech-Impfstoff auch gegen die aktuellen Mutanten wirkt. Er ist sich aber sicher, dass die Variantenanpassung der Vakzine eine eigene Wissenschaft werden wird.

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Aktuell werden in der EU drei Impfstoffe eingesetzt, die zumindest vor etwas schwereren Covid-Erkrankungen sehr gut schützen. Zudem stehen drei weitere Impfstoffe vor der Zulassung in Europa. Doch wie gut schützen sie vor den neuen Virusvarianten? Und ist daran gedacht, die Impfstoffe demnächst anzupassen?

Biontech-Chef Uğur Şahin hat auf diese beiden Fragen am Dienstag bei einem Pressebriefing des deutschen Science Media Center klare Antworten – zumindest für den von seiner Firma entwickelten Impfstoff. Seinen Angaben zufolge würde BNT162b2 (also der Impfstoff von Biotech/Pfizer) sowohl gegen die britische Variante B.1.1.7 als auch gegen die brasilianische Variante P.1 in Laborversuchen ohne Einschränkungen Wirkung zeigen und die gewünschten Immunantworten liefern.

Lediglich bei der südafrikanischen Mutante B.1.351 würde die Bildung der neutralisierenden Antikörper auf etwa ein Drittel gesenkt. Sahin scheint das aber immer noch ausreichend für einen Schutz. Zudem gebe es die Option, eventuell durch eine dritte Impfstoffgabe die Immunreaktion zu steigern.

Aktuell prioritäre Probleme

Das größte Problem im Moment liegt für Şahin im Moment daher eher in der begrenzten Verfügbarkeit der Impfstoffe. Deshalb besteht sein Hauptbemühen darin, die Produktionskapazitäten des Impfstoffs BNT162b2 zu erhöhen.

Daneben treiben den Forscher und Firmengründer aber einige weitere Herausforderungen um: So arbeitet Biontech daran, die Verträglichkeit des Vakzins für verschiedene Gruppe zu testen, für die Impfungen noch nicht oder nur eingeschränkt zugelassen sind, also für Kinder und Jugendliche, für Schwangere oder Personen mit einem reduzierten Immunschutz.

Mischungen von Impfungen

Als weitere Möglichkeit, um die Immunreaktion zu steigern, gelten Kombinationen von verschiedenen Impfstoffen, wie Klaus Cichutek beim Webinar ausführte. Der Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts wies darauf hin, dass diesbezügliche Studien in Großbritannien bereits laufen, aber auch in Deutschland geplant seien.

Sollten die zugelassenen Impfstoffe gegen noch unbekannte Mutanten nicht mehr wirken, so sehen sich sowohl die Forschung als auch die Zulassungsbehörden recht gut vorbereitet. Wie die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bei de kleinen Webinar betonte gäbe es gute Werkzeuge, um mit der Evolution des Virus schrittzuhalten. So sind etwa auch die Wissenschafter von Biontech laut Uğur Şahin längst damit befasst, mögliche neue Vakzine gegen Virusmutanten zu entwickeln: Aktuell laufen bei Biontech präklinische Versuche mit 25 Kandidaten.

Flotte Entwicklung und Zulassung

Konkret rechnet Cichutek damit, dass eine solche Entwicklung bei den mRNA-Impfstoffen nicht länger als sechs Wochen dauern würde, dazu kämen noch einmal sechs Wochen für die Umstellung des Produktionsprozesses. Bei den Vektorimpfstoffen würde das etwas länger dauern. Laut Cichutek könnten auch die Zulassungsverfahren entsprechend auf einen ähnlichen Gesamtzeitraum verkürzt werden, wenn das Grundkonstrukt des Impfstoffs gleich bleibe. Vermutlich sei dann nur mehr eine Art Phase-2-Studie mit rund 1.000 Probanden nötig.

Noch freilich – und das war die Grundbotschaft aller drei Forscher – sei keine Virusvariante aufgetaucht, die eine Anpassung sämtlicher Impfstoffe nötig mache. Doch längerfristig sei vermutlich schon damit zu rechnen. In den Worten von Şahin, der noch mit den meisten Voraussagen zur Zukunft der Corona-Impfstoffe recht hatte: "Variantenanpassung wird eine neue Wissenschaft werden." (Klaus Taschwer, 24.2.2021)