Neben Covid-19 breiten sich seit einem Jahr auch psychische Leiden immer stärker aus. Vielen Menschen schlagen die Lockdowns aufs Gemüt, nicht wenige entwickeln Depressionen, Angststörungen oder Burn-outs. Therapeuten sind über Wochen ausgebucht oder nehmen gar keine neuen Patienten an. Die Kontaktbeschränkungen machen die Lage nicht einfacher, viele scheuen davor zurück, sich die Hilfe zu suchen, die sie brauchen würden.

Einige suchen daher Trost in Apps, die Linderung bei seelischen Problemen versprechen. Bei der Online-Psychotherapie-Plattform Selfapy haben sich die Anfragen seit dem ersten Lockdown fast verdreifacht – "leider", wie Mitgründerin Nora Blum sagt. Auch Jolawn Victor, Chief International Officer bei der Meditationsapp Headspace, bestätigt den Trend. "Das Geschäft läuft gut", sagt sie, wenn auch aufgrund eines bedauernswerten Auslösers. Sie prognostiziert, dass die "finanziellen und emotionalen Folgen von 2020" noch rund vier Jahre allgegenwärtig sein werden.

Positiv sieht Victor, dass psychische Gesundheit durch die Pandemie entstigmatisiert wird. Vielerorts werde man bei Krankmeldung aufgrund psychischer Probleme nicht mehr schief angeschaut, auch Arbeitgeber achten stärker auf die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Ein Trend, von dem auch Blum hofft, dass er bleibt.

Am 19. 2. diskutierten Nora Blum, Jolawn Victor, Norbert Weidinger, Newton Howard und Caroline Aguilar bei den vom STANDARD veranstalteten Dialogues For Future zum Thema "Helping understand our Minds with Technology".
DER STANDARD

Die Hirnmaschine kommt

Langanhaltender Stress könne auch physiologische Veränderungen im Hirn verursachen, sagt der Hirnforscher Newton Howard. Umso wichtiger sei es, neuartige Technologien in diesem Bereich voranzutreiben. Howard forscht an der University of Oxford und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu Hirn-Computer-Schnittstellen. Kiwi hat er seine Erfindung getauft, einen Mikrochip, der so klein ist wie ein Reiskorn und in Zukunft neurodegenerative Erkrankungen heilen soll.

Auch Caroline Aguilar forscht mit ihrem Start-up Inbrain Neuroelectronics in Barcelona an der Zukunft des Gehirns. Sie erhofft sich durch das oft als "Wundermaterial" gehypte Graphen einen Durchbruch und nimmt auch an der EU-Initiative Graphene Flagship teil. Diese neuen Materialien würden unser Verständnis vom Gehirn um mehrere Größenordnungen verbessern, glaubt Aguilar. "Es ist wie bei der Erfindung des Mikroskops im 16. Jahrhundert, als wir plötzlich Bakterien sehen konnten", so die Spanierin.

Mit der Entdeckung neuer Biomarker im Hirn gewinne man auch Daten, die man Patienten zurückgeben kann. Bei chronisch kranken Menschen machen Arztbesuche maximal ein Prozent ihrer Lebenszeit aus, die meiste Zeit müssen sie mit sich selbst klarkommen. Mit neuroelektronischen Inferfaces könnten Patienten die Kontrolle über ihr Leiden behalten.

Immer mehr Apps versprechen, bei psychischen Probleme zu helfen.
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Vorbehalte gegen neue Technologien

Sind Selbsthilfe-Apps wie Selfapy oder Headspace also nur ein Zwischenschritt zum vollkommen digitalisierten Gehirn? Möglicherweise. Depressionen, Angststörungen, aber auch Lernschwächen könnten künftig der Vergangenheit angehören, sagte Howard kürzlich im STANDARD-Interview. Die Technologie stehe bereits in den Startlöchern, es fehle an Zulassung, vor allem aber an Akzeptanz.

Denn egal ob futuristisches Hirnimplantat oder Apps, denen man höchstpersönliche Details anvertraut: Viele haben Bedenken gegenüber Health-Tech-Anwendungen. Norbert Weidinger weiß, wie es ist, wenn Menschen neuen Technologien kritisch gegenüberstehen. Er ist stellvertretender Leiter der Gruppe Prozessmanagement und IKT-Strategie der Stadt Wien, die digitale Innovationen vorantreibt. Bei der Ausrollung von neuen Technologien sei es wichtig, "niemanden zurückzulassen" und bei Web-Anwendungen etwa eine Alternative anzubieten.

Als konkretes Beispiel nennt er den Ablauf von Corona-Testungen in Wien. Anmeldung und Auswertung erfolgen Standardmäßig digital, was auch breit akzeptiert werde. Trotzdem gebe es etwa für ältere Menschen die Möglichkeit, das Resultat auf Papier zu erhalten. "Technologie soll immer ‚empowern‘, aber sich nie jemandem aufzwingen", sagt Weidinger. Ein Grundsatz, den man auch außerhalb der Stadtverwaltung anwenden könne.

Heilung von der Stange

Aber wie persönlich können Apps überhaupt sein, die hunderttausende oder Millionen Menschen in der gleichen Form nutzen? "Gerade bei Depression gibt es keine Patentlösung", sagt Nora Blum, die Individualisierbarkeit immer wieder Thema. Momentan arbeite Selfapy mit einem gemischten Programm aus auf Benutzer zugeschnittenen und allgemeinen Inhalten aus der Verhaltenstherapie. Jolawn Victor von Headspace sieht die Unpersönlichkeit der App auch positiv: In privater Atmosphäre können User ganz frei aus tausend Stunden Content auswählen und schaffen so ihren eigenen Safe Space.

In einer komplett anderen Größenordnung stellt sich die Frage im Bezug auf die futuristischen Hirn-Computer-Interfaces: Können Elektroden unsere tiefsten Gedanken, Gefühle, Ängste überhaupt quantifizieren? Übernimmt künstliche Intelligenz mit ihren aus Datenbergen generalisierten Erkenntnissen das Hirn, so wie es etwa Elon Musk glaubt, der mit Neuralink an einem ähnlichen Konzept arbeitet? Howard winkt ab. Viele, die sich mit der Thematik beschäftigen, vergessen, dass das Gehirn der beste Problemlöser ist. Dieses läuft schließlich mit 40 Watt, niedriger Taktfrequenz und kann enorm viele Sensordaten gleichzeitig verarbeiten. "Es erledigt seine Aufgaben mit Eleganz und Effizienz", so Howard. (pp, 27.2.2021)