Die Temperaturen, aber auch die Corona-Müdigkeit der Menschen nimmt zu. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner will die Öffnungen ab 15. März deswegen auch als Anlass nehmen, um Treffen – die zunehmen würden – in geregelte Bahnen zu lenken. Lieber mit Test ins Restaurant als ohne Test auf die private Party, lautet das Motto.

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Vom Sorgenkind im November mit einer Inzidenz jenseits von 700 zum Bundesland mit der geringsten Inzidenz: Vorarlbergs Reise in der Pandemie kommt einer Achterbahnfahrt gleich. Aktuell liegt die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner etwas über 70 und ermöglicht dem westlichsten Bundesland weitgehende Öffnungsschritte ab dem 15. März. Das regionale Experiment habe bei den Beratungen zwischen der Bundesregierung, den Landeshauptleuten und Experten natürlich für Diskussionen gesorgt, sagte der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) am Dienstag. "Einfach war die Sache nicht." Im Vordergrund sei jedenfalls die Einschätzung der Experten gestanden. "Und die halten Öffnungsschritte für vertretbar", sagt Wallner.

Jugend im Fokus

Details sollen in den nächsten zwei bis drei Tagen noch folgen, am Dienstagnachmittag starteten dazu Gespräche der Landesregierung – unter anderem mit Branchenvertretern und mit dem Gesundheitsministerium.

Die Priorisierung bei den Öffnungsschritten liegt auf Kindern und Jugendlichen, wiederholte Wallner am Dienstag – ob beim Sport oder im Kulturbereich. "Da geht es nicht nur um Bildungsverluste, sondern vor allem auch um Kontaktarmut." Es verstehe zum Beispiel "kein Mensch, wieso man am Vormittag in der Schule getestet wird, aber man am Nachmittag nicht zum Fußballtraining kann". Es gelte deswegen nun, diese Generation zur Normalität zurückzuführen.

Gleiche Spielregeln für Gastro und Kultur

Für Aufsehen sorgt aber natürlich, dass im Ländle auch die Gastronomie öffnen soll – und zwar indoor wie outdoor. Hier will Wallner in den kommenden Tagen auch mit Branchenvertretern sprechen. "Es wird ernst, und wir brauchen volle Mitarbeit. Die Branche muss anpacken." Der Landeshauptmann kann sich etwa vorstellen, auch vor Ort Tests anzubieten. Außerdem müsse eine "gute digitale Lösung her", Registrierung und Kontrolle der Tests müssten damit möglich sein.

Und: "Was für die Gastronomie gilt, sollte auch für Kultur gelten", sagt Wallner. Wenn Gastronomie indoor funktionieren könne, dann könne auch eine kleine Kulturveranstaltung indoor stattfinden, meint er. Wallner hält ein kontrolliertes Vorgehen im Bereich von Gastronomie und Kultur für sinnvoller als unkontrolliertes Zusammenkommen im Freien – "denn das wird zunehmen. Wir wollen daher versuchen, das in geregelte Bahnen zu bringen."

Mehrere Erfolgsfaktoren

Aber warum steht das Ländle derzeit so gut da, dass in zwei Wochen schon Besuche in Gasthäusern möglich sein werden? Virologen zufolge gibt es mehrere Gründe: Einerseits liege die Reproduktionszahl, also jener Wert, der angibt, wie viele andere eine erkrankte Person ansteckt, unter 0,9. Die Neuinfektionsrate ist zudem deutlich niedriger als im Rest von Österreich – am Montag wurden 49 neue Fälle registriert. Zum Vergleich: Am 13. Jänner verzeichnete Vorarlberg den bisher letzten Tag mit über 100 Corona-Neuinfektionen – genau waren es 132. In den letzten Tagen wurden selten mehr als 50 Neuinfektionen registriert.

Geringer Anteil an Mutationen

Ein triftiger Grund ist auch der geringe Anteil an Virusmutationen im Ländle. Die britische Variante machte am Montag etwas weniger als ein Drittel aller Infektionen aus, österreichweit liegt der Wert bei 57 Prozent. Die südafrikanische Variante wurde erst kürzlich in zwei Fällen festgestellt.

Von der Politik wird zudem das Contact-Tracing als einer der Erfolgsfaktoren gewertet. Alle Kontaktpersonen, die von einer Person angegeben werden, werden kontaktiert. Sie werden mittlerweile sogar zweimal getestet, sobald sie bekannt werden. Am Ende der Absonderungen werden sie noch einmal getestet, um mögliche Spätinfektionen auch zu eruieren. Das funktioniere "reibungslos", sagte Landessanitätsdirektor Wolfgang Grabher Mitte Jänner.

Umfangreiches Testangebot

Getestet wird aktuell in neun dauerhaften Landesteststationen und 28 Gemeindeteststationen. Darüber hinaus werden wöchentlich 15 Gemeinden mit dem Landestestbus angefahren. In der vergangenen Woche haben sich in den Teststationen von Land und Gemeinden insgesamt 62.853 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger mittels Antigen-Schnelltest testen lassen, das entspricht etwas mehr als 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Verfügbar wären 76.000 Testplätze pro Woche, damit diese ideal genutzt werden können, wird nun die Stornierung bereits reservierter Slots vereinfacht, wie die Landesregierung kürzlich ankündigte. Laut Corona-Kommission der Bundesregierung liegt der Test-Anteil in Vorarlberg "deutlich" über dem im restlichen Land, im aktuellen Bericht wird ein Wert von 20.825 Tests pro 100.000 Einwohner angegeben.

Öffnungen auch bei Anstieg

Was aber, wenn die Zahlen in den kommenden zwei Wochen wieder stark steigen? Ab welcher Inzidenz will Wallner die Öffnungen zurücknehmen? "Ich würde davor warnen, hier eine genaue Zahl zu nennen", sagt er dazu. Nicht nur die Inzidenz sei ausschlaggebend, auch die Frage der Bettenauslastung im Intensivbereich oder die Zahl der Geimpften müsse man beispielsweise heranziehen. Je besser all das funktioniere, desto höher könne auch eine Inzidenz sein. Ein Lockdown könne immer nur eine ultima ratio sein. "Erst wenn die Dinge völlig aus den Fugen geraten, dann wird jeder verstehen, dass ich die Dinge noch mal hinterfragen müsste." Wallner geht jedenfalls davon aus, dass die Zahlen in den kommenden Tagen steigen werden, er hofft aber auf eine nicht zu dramatische Steigerung.

Gute Nachbarschaft

Mit den Nachbarländern befürchtet Wallner "keine allzu großen Probleme." Immerhin stünden die angrenzenden Regionen ähnlich gut oder sogar besser da als das Ländle. Besonders gut sei die Lage in den angrenzenden Landkreisen von Baden-Württemberg, aber auch in Liechtenstein und der Schweiz sei das Infektionsgeschehen derzeit gut unter Kontrolle. Auch das war freilich schon einmal anders: Deutschland sprach im Herbst eine Reisewarnung für Vorarlberg aus, weil die Inzidenz über 50 kletterte. Da ist man selbst jetzt als Musterschüler noch drüber. (Lara Hagen, 2.3.2021)