Bilder der Zerstörung in der Stadt Bata.

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Mindestens 96 Tote sollen es laut Exilmedien bereits sein. Doch die Bilder, die seit Sonntag aus der Stadt Bata in Äquatorialguinea einlaufen, lassen noch Schlimmeres vermuten. Zerstörte Häuser und dem Erdboden gleichmachte Hütten, riesige Explosionswolken und Menschen, die mit zerrissener Kleidung und blutenden Wunden durch die Gegend irren.

Die Explosion eines Militärdepots hat in der zweitgrößten Stadt des zentralafrikanischen Erdölstaats am Atlantik eine Katastrophe ausgelöst. Das ist auch an den öffentlichen Darstellungen der autoritären Regierung abzulesen, die ansonsten mit Negativmeldungen aus dem eigenen Land sparsam umgeht. Sie spricht von mittlerweile 650 teils schwer Verletzten und fordert die Bürgerinnen und Bürger zum Blutspenden auf. Spanien kündigte Hilfslieferungen an.

Präsident Teodoro Obiang, seit 1979 Präsident des einzigen spanischsprachigen Staats in Afrika, hat sich noch Sonntagabend mit einer Erklärung zu dem Vorfall zu Wort gemeldet. Er spricht von einem Unfall, dessen Ursache das unvorsichtige Vorgehen von Bauern gewesen sei. Diese hätten ihre Felder nahe dem Waffenlager in Nkoantoma abgebrannt, das dann selbst Feuer gefangen habe. Anschließend seien dort nach und nach Dynamitbestände explodiert. So erkläre es sich auch, dass es laut Berichten von Augenzeugen zu mindestens drei, womöglich aber sogar fünf Explosionen gekommen sei. Obiang sprach von "Nachlässigkeit" und trat damit zuvor gestreuten Gerüchten entgegen, es könnte sich um einen Angriff auf das Waffenlager gehandelt haben.

Armes reiches Land

Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung: Das ist allerdings auch ein Vorwurf, den sich seine Regierung schon mehrfach gefallen lassen musste. Obiang selbst war 1979 bei einem Putsch gegen seinen Onkel Francisco Macías Nguema an die Macht gekommen, der das Land seit der Unabhängigkeit von Spanien 1968 geführt hatte. Macías galt als zunehmend brutaler Diktator, in späteren Jahren zweifelte man auch an seinem geistigen Zustand. Bürgerinnen und Bürgern ließ er unter anderem den Spruch "Es gibt keinen Gott außer Macías" nahebringen. Und laut zeitgenössischen Berichten ließ er 1969 mindestens 150 politische Gefangene am Weihnachtstag in einem Fußballstadion hinrichten, während über die Lautsprecher Mary Hopkins' "Those Were the Days" abgespielt wurde.

Als sein Nachfolger neigte Obiang zu weniger öffentlicher Brutalität, baute sein Regime aber ebenfalls auf Zwang gegenüber der Bevölkerung auf. Vor allem aber verfolgen ihn und seine Familie seit Jahrzehnten Korruptionsvorwürfe. Seit in den 2000er-Jahren die Ausbeutung der üppigen Ölvorräte begonnen hat, ist das Land formell eines der reichsten in der Region. 20.512 Dollar betrug das BIP pro Kopf im Jahr 2008, mittlerweile ist es wegen des gesunkenen Ölpreises deutlich zurückgegangen. So oder so jedoch spürten die Menschen im Land wenig vom sprudelnden Reichtum – denn vieles, so der Verdacht, sei womöglich in den Händen der Herrscherfamilie gelandet.

Zahlreiche Ermittlungen

Die Justiz ist jedenfalls in mehreren europäischen Ländern mit der Familie beschäftigt. Die Schweiz versteigerte 2019 etwa 25 Luxusautos aus dem Besitz des Obiang-Sohns Teodorin Obiang Nguema im Wert von 18 Millionen Franken (16,7 Millionen Euro), die im Zuge von Steuerermittelungen konfisziert worden waren. Brasilien stellte 2018 Geld und Luxusuhren in Koffern sicher, die dessen Delegation ins Land bringen wollte. Ihr Wert wurde auf 16 Millionen Dollar beziffert. Auch mit Frankreich (das eine Villa in Paris konfiszierte) und mit Spaniens Justiz liegen die Obiangs im Clinch. Dafür hat das Land 2016 den langjährigen Diktator Gambias, Yahya Jammeh, aufgenommen, nachdem dieser eine von ihm überraschenderweise zugelassene Wahl verloren hatte.

Ganz unsichtbar ist der – wegen der gesunkenen Preise mittlerweile wieder bescheidenere – Ölreichtum im Land aber nicht. Zwei große, moderne Fußballstadien ließ die Regierung etwa 2012 von chinesischen Firmen errichten, um die Afrikameisterschaft gemeinsam mit Gabun ausrichten zu können. Zudem investiert die Regierung an zumindest einer Stelle besonders in Infrastruktur: Eine neue, mitten im Dschungel aus dem Boden gestampfte Hauptstadt soll künftig zu einem Modernitätsanker Afrikas werden.

Geld für Repräsentation

Ciudad de la Paz, einst Oyala, soll in der Nähe jenes Gebiets entstehen, aus dem die Familie Obiang stammt, und eines Tages Platz für 200.000 Menschen bieten. Bisher stehen luxuriöse Wohn- und Hochhäuser sowie einige Repräsentationsbauten. Die Regierung, die vorerst in der Inselhauptstadt Malabo sitzt, die dem wesentlich größeren, kontinentalen Teil des Landes vorgelagert ist, argumentiert mit der zentralen Lage der Planstadt. Kritiker werfen ihr vor, sich in einer militärisch schlecht erreichbaren Dschungelkapitale verschanzen zu wollen.

Sie halten auch fest, was während der zahlreichen Geldausgaben für Eigenbedarf und Außenwirkung offenkundig vergessen wurde: Bei den Ausgaben für Bildung und Gesundheit liegt das Land immer noch auf den weit hinteren Plätzen in afrikanischen Rankings, wobei sich Letzteres auch in der aktuellen Corona-Pandemie wieder niedergeschlagen habe. Schon bisher etwa, argumentieren sie, sei die Durchimpfungsrate gegen eine Reihe von Krankheiten im kontinentalen Vergleich ungewöhnlich niedrig. Wie die Explosionen von Bata nun zeigen, galt die Vernachlässigung womöglich auch der sicheren Verwahrung von Gefahrengut. (Manuel Escher, 8.3.2021)