"Tirol. Zurück zu dir." Und vor allem die Zusammenhänge zwischen Skitourismus, SUVs und Klimawandel lernen.

Foto: JFK / EXPA / picturedesk.com

Was wird in letzter Zeit nicht überall der Kopf geschüttelt über Tirol und mit dem Finger gezeigt auf die Tiroler. Selbst reflektierte Zeitgenossen haben in diesem Fall den Buhmann schnell ausgemacht, zu griffig ist das Bild. Zuerst Ischgl, dann Jochberg, dann das südafrikanische Zillertal. Es passt so wunderbar zusammen.

Doch auch wenn die Versuchung naheliegt, nun auf dieses sich selbst zu Fall bringende Landl einzudreschen, es sollte nicht vergessen werden, dass niemand gut daran tut, einseitig Schuld zuzuweisen. Die Pandemie beweist seit einem Jahr mit erschreckender Hartnäckigkeit, dass nichts eindeutig, nichts bloß schwarz und weiß ist, sondern alles mit allem zusammenhängt und in unzähligen Graustufen verläuft. Unser pandemisches Wissen in jeder Corona-Phase ist lückenhaft, und jeder, der behauptet, die Wahrheit zu kennen, spricht damit eine Unwahrheit aus.

Zur Fortbildung bei Greta

Das Virus ist zu komplex, es agiert mit tausenden Geheimnissen und attackiert die Menschheit aus dem Hinterhalt. Es ist uns immer einen Schritt voraus, und diesen Schritt holen wir nicht auf, indem wir behaupten, die Schuldigen ausgemacht zu haben, und sie wegsperren. Ausgrenzung ist immer kontraproduktiv. Das Grenzenziehen ist eine nationalistische, populistische Maßnahme, die wie jeder Populismus auf dem Prinzip der Vereinfachung beruht. Ausgrenzung mag in Zeiten großer Ratlosigkeit die schnellste Antwort auf heikle Fragen sein. Doch sie hat, wie jeder Inklusionsforscher weiß, noch nie ein Problem gelöst und befeuert höchstens das Selbstverständnis innerhalb der ausgegrenzten Gruppe – in diesem Fall den Lokalpatriotismus jener Tiroler Häuptlinge, die sich "an den Pranger gestellt" fühlen. Sie sollte man, anstatt sie in ihrem Reich einzusperren, besser zur Fortbildung nach Schweden schicken, wo ihnen Greta Thunberg die Zusammenhänge zwischen Skitourismus, SUVs und dem Klimakollaps, zwischen Bodenversiegelung und dem Artensterben erklärt.

Zugegeben, ein des Hochdeutschen nicht mächtiger Sturschädel wie der Tiroler Landeshauptmann bietet eine herrliche Projektionsfläche. Bei seinen öffentlichen Auftritten begreifen alle, die nicht bloß an seiner Intelligenz zweifeln, dass dieser Mann nichts anderes im Sinn hat, als seine eigenen Leitln zu protegieren. In Tirol ist der Lobbyismus der Tourismusbranche so tief verwurzelt, dass nicht mehr unterschieden werden kann zwischen dem Tirol, das es als bergiges Land mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern wirklich gibt, und jenem Tirol, das als Hochglanzmarke nach außen hin bislang so erfolgreich vermarktet wurde.

Disney-Version seiner selbst

Tirol hat sich so konsequent dem Massentourismus unterworfen, dass es zur Disney-Version seiner selbst verkommen ist. Das Zillertal, derzeit Epizentrum des Mutationsgebiets, ist ein durch und durch ausgeschlachteter Ort, dessen Berge nichts als Kulisse, Dörfer Folklore und Einwohner Darsteller geworden sind. Das ist genau das Setting, in dem sich Corona am wohlsten fühlt, es ist kalt, eng und geil. Die aktuellen Schuldzuweisungen müssen sich all jene in diese massentouristischen Strukturen verstrickten Tiroler durchaus gefallen lassen, vor allem jene, die behaupten, "alles richtig gemacht" zu haben. Und doch sind nicht nur sie daran schuld, dass es ein Ischgl gibt und ein neues Ischgl und in absehbarer Zeit mit Sicherheit ein weiteres Ischgl geben wird. Denn Massentourismus und skrupelloser Raubbau an der Natur sind nicht nur Sache jener, die die Infrastruktur bereitstellen. Ebenso macht sich jeder Reiseanbieter und jeder Tourist schuldig, der sie annimmt.

Unglaubliche 25 Millionen Deutsche nächtigen pro Jahr in Tirol. Einige von ihnen fühlten sich zuletzt von den heuchelnden Hoteliers und Liftbetreibern nicht ausreichend virologisch geschützt. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie sich im Jahr darauf den Urlaub in der vermeintlichen Idylle wieder nicht entgehen lassen werden. Leider sind nicht nur die Tiroler lernresistent, sondern alle anderen auch. Die Tiroler sind ein besonderer Fall, ich weiß es, ich bin ja selber einer, aber Schuld an der Pandemie tragen nicht nur sie, das tun wir alle.

Zugunsten des Leseflusses wurde in diesem Text auf gendergerechte Bezeichnungen verzichtet. Dies bedeutet keine Diskriminierung. Alle erwähnten Buhmänner sind ebenso Buhfrauen. Zum überwiegenden Teil aber sind die hier Genannten ohnehin männlichen Geschlechts. (Hans Platzgumer, ALBUM, 13.3.2021)