Ein Mann mit Kinderwagen in Neapel: In Italien kamen im Vorjahr deutlich weniger Kinder als in den Jahren zuvor zur Welt.

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Italien ist seit langem bekannt für eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt – und die Entwicklung wird immer dramatischer: Für das vergangene Jahr vermeldete das nationale Statistikamt Istat nur noch 404.000 Geburten. Das ist der tiefste Wert seit der italienischen Einigung im Jahr 1861, als das Land noch 26 Millionen Einwohner zählte (heute sind es 60 Millionen).

Vor 160 Jahren kamen in Italien pro Jahr noch mehr als 800.000 Kinder zur Welt. Und selbst 1918, mitten Ersten Weltkrieg und während der Spanischen Grippe, hatte Italien noch 640.000 Geburten verzeichnet. In den Sechzigerjahren während des Babybooms erblickten jeweils eine Million Kinder pro Jahr das Licht der Welt.

Negativsaldo und Auswanderung

Gleichzeitig mit dem Negativrekord bei den Neugeborenen zählte das Istat im vergangenen Jahr knapp 800.000 Todesfälle, wovon etwa 30.000 bis 40.000 auf das Konto der Corona-Epidemie gehen. Dies führte zu einem Negativsaldo von fast 400.000 Personen in einem einzigen Jahr – was in etwa der Bevölkerung von Bologna entspricht, der siebtgrößten Stadt Italiens. Die neue Gesamteinwohnerzahl wurde noch nicht ermittelt – aber die Statistiker vermuten, dass die Bevölkerung Italiens erstmals seit langem wieder knapp unter die 60-Millionen-Grenze gerutscht ist.

Bis zum Jahr 2015 war die Einwohnerzahl Italiens mehr oder weniger kontinuierlich gestiegen – obwohl seit der Staatsgründung in mehreren Auswanderungswellen mehr als 30 Millionen Italienerinnen und Italiener ihre Heimat verlassen hatten, um in anderen Ländern ihr Glück zu versuchen.

Der massive Geburtenüberschuss vermochte damals die Verluste infolge Auswanderung mehr als nur zu kompensieren. Ab dem Jahr 2000 war Italien dann zunehmend selber zum Einwanderungsland geworden; dank der Immigration blieb die Zahl der Einwohner trotz der bereits stark gesunkenen Geburtenrate stabil. Doch auch der Migrationssaldo ist längst negativ geworden: Im Jahr 2019, dem letzten Jahr vor der Covid-Pandemie, wanderten in Italien 11.000 Personen ein, während im Gegenzug 131.000 Italiener ihr Land verließen.

Braindrain

"Der wahre Notstand in diesem Land ist nicht die Einwanderung, sondern die Auswanderung und der Bevölkerungsschwund ganz allgemein", erklärte der ehemalige Minister für Süditalien, Peppe Provenzano, Anfang dieses Jahres in einer Anhörung im Parlament. Er erinnerte daran, dass in erster Linie junge und gutausgebildete Italiener ins Ausland abwanderten, was nicht nur einen gesellschaftlicher und kultureller Verlust bedeute, sondern auch fatale Folgen für die Wirtschaft und die Finanzierung der Renten habe. 2019 waren zwei von fünf Auswanderern jünger als 35 Jahre. In Italien ist das Phänomen auch unter dem Stichwort "fuga dei cervelli" bekannt – die "Flucht der Gehirne". Noch vor zehn Jahren waren nur 40.000 Italiener ausgewandert.

Die tiefe Geburtenrate und die Auswanderung haben letztlich die gleichen Ursachen: Italiens Wirtschaft stagniert seit Jahren, attraktive Stellen werden nur allzu oft dank persönlicher Verbindungen statt aufgrund der Ausbildung und Erfahrung vergeben. Zehntausende Hochschulabsolventen finden sich in Callcentern und anderen Billig- und Hilfsjobs wieder. Aber sehr oft sind die Löhne auch bei qualifizierter Arbeit dürftig. Viele junge Italiener sehen in der Auswanderung die einzige Möglichkeit, sich eine eigene Existenz und vielleicht auch etwas Wohlstand aufzubauen. Und wer nicht auswandert und in Italien bleibt, schiebt die Gründung einer Familie und das Kinderkriegen aus wirtschaftlichen Gründen auf.

Junge Menschen als Priorität

Italiens neuer Premier Mario Draghi ist sich des demografischen Notstands bewusst – und er hat bereits in seiner Regierungserklärung am 17. Februar die Verbesserung der Situation der Jungen als Priorität definiert: Das Ziel seiner Regierung sei es, mit Investitionen in die Bildung und in Innovation den Zugang zum Arbeitsmarkt für die Jungen zu verbessern und ihnen "ein besseres Italien" zu hinterlassen. Draghi will dazu einen maßgeblichen Teil der 209 Milliarden Euro einsetzen, die Italien aus dem Brüsseler Corona-Hilfspaket erhalten wird. Der Fonds heißt ja nicht umsonst "Next Generation EU". (Dominik Straub aus Rom, 23.3.2021)