STANDARD: Eine jüngst publizierte Studie besagt, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel sei unbedenklich. Eine Reaktion auf den Umstand, dass viele Menschen diese als potenzielle Massenvernichtungsmittel sehen, lieber häufiger mit dem Auto fahren und Öffis meiden?

Seidenberger: Ich glaube, dass inzwischen viel mehr Wert auf die Hygiene in den öffentlichen Verkehrsmitteln gelegt wird, und vertrauensbildende Maßnahmen wie zum Beispiel Kontrolle der Maskenpflicht können das Vertrauen wieder zurückgewinnen.

STANDARD: Die Benutzerzahlen geben das aber momentan nicht her. Auch animieren volle U-Bahnen und lange Wartezeiten nicht unbedingt zur Benutzung.

Seidenberger: Das stimmt. Aber man sieht, dass Leute zum Beispiel die U-Bahn abfahren lassen, wenn sie ihnen zu voll erscheint. Die Leute führen also sehr wohl eigene Adaptionen durch.

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STANDARD: Beschleunigt oder verzögert Corona den Mobilitätswandel?

Seidenberger: Meiner Ansicht nach verzögert es ihn. Denn es werden jetzt oft alte Muster beibehalten. Man probiert zwar gerne was Neues aus, schaut dann aber, wie bequem ist das wirklich in der Praxis.

STANDARD: Die Zulassungsstatistik zeigt, dass viele Menschen angesichts der wackeligen Wirtschaftssituation auf einen Neuwagenkauf verzichten, womit länger Fahrzeuge mit höheren Emissionen auf den Straßen bleiben.

Seidenberger: Das passt in das Bild. Es lässt sich aber beobachten, dass jetzt mehr Mitfahrplätze im Privaten genutzt werden. Dass man Leuten, denen man vertraut, Fahrdienste anbietet. Da ändert sich etwas.

STANDARD: Das führt uns zum Stichwort "Shared Mobility". Vom Elektro-Scooter bis zum Auto: Wer desinfiziert die Dinger? Wirft die Pandemie dieses Mobilitätskonzept zurück?

Seidenberger: Glaube ich nicht. Wegen der Eigenvorsorge. Man hat oft selbst die Desinfektionsmittel mit, hat selbst Handschuhe mit. Das heißt, es hat sich eine Eigenvorsorge entwickelt.

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STANDARD: Ist die politisch angestrebte Reduktion des motorisierten Individualverkehrs als Begleiterscheinung der Mobilitätwende erst einmal passé?

Seidenberger: Nein, das glaube ich nicht. Die Themen des Klimaschutzes werden ja permanent gespielt, permanent in der Öffentlichkeit aufrechterhalten. Und vor allem die Jugendlichen, die "Fridays for Future"-Bewegung beispielsweise, sind sehr streng dahinter, dass es nicht Platz greift, dass man zu viel mit dem Auto unterwegs ist.

STANDARD: Die beobachtete Realität sieht aber anders aus. Der erste Lockdown hatte einen massiven Einbruch im Verkehrsgeschehen zur Folge, seit dem zweiten im Herbst war und ist das überhaupt nicht mehr der Fall. Es findet eher mehr Straßenverkehr statt als vor Corona, siehe Angst vor den Öffis.

Seidenberger: Das wird aber nur kurzfristig sein. Wenn die Taktungen in den öffentlichen Verkehrsmitteln besser werden, die Vertrauensbasis wiederhergestellt ist, die Menschen konsequent die Masken tragen, die Durchimpfungsraten erhöht werden, dann wird sich das wieder wandeln. Außerdem, wenn das Wetter schöner wird, steigt auch wieder der Radfahrer- und Fußgängeranteil.

STANDARD: Ist die Ausfahrt im Pkw für viele auch so etwas wie die kleine Freiheit im großen Hausarrest?

Seidenberger: Das glaube ich schon. Denn die Bewegung, der Drang zur Mobilität ist ja gleich, dazu zählt auch die Erlebnismobilität. Mit dem Auto kommt man schneller und weiter wohin, dieser positive Effekt ist nicht zu unterschätzen.

STANDARD: Führt Corona-Frust andererseits zu aggressiverem Verkehrsverhalten?

Seidenberger: Ja. Einer der Gründe: Man merkt die Mimik der Leute nicht mehr so gut wegen der Masken, man liest die Gesichter nicht mehr richtig.

STANDARD: Gibt es einen eindeutigen Gewinner im "Modal Split", in der Verteilung des Verkehrsaufkommens auf verschiedene Verkehrsträger oder Fortbewegungsmittel?

Seidenberger: Meiner Meinung nach ja: klar die Fußgänger.

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STANDARD: In größeren Städten hat die Pandemie eine neue Gattung von Verkehrsteilnehmern geschaffen, überall sieht man Speisezulieferer und ähnliche Dienstleister mit Elektrofahrrädern auf den Straßen. Zudem gibt es immer noch mehr Paketzusteller in Lieferwagen. Schätzen Sie das als bleibendes Phänomen ein oder ist das bei Normalisierung der Lage wieder weg?

Seidenberger: Bei älteren Leuten, die exponierter wohnen und sich mit dem Online-Bestellen auskennen, wird sich das vielleicht anhaltend durchsetzen, der damit verbundene Komfortfaktor ist ja nicht zu leugnen. Bei Jugendlichen nicht in dem Ausmaß – man will sich ja auch treffen, will Sachen selbst erledigen und sich nicht alles nur liefern lassen.

STANDARD: Die seit Jahresbeginn gültige NoVA gefährdet viele Kleingewerbetreibende, die auf ihr Fahrzeug angewiesen sind. Eine psychologische Fehlleistung? Wäre es nicht vernünftiger gewesen, damit bis nach der Krise zu warten?

Seidenberger: Das wäre vielleicht nicht unklug gewesen.

STANDARD: Lassen sich massen- und individualpsychologische Auswirkungen im Verkehrsverhalten festmachen?

Seidenberger: Die laufenden Studien werden zeigen, ob sich entsprechende Veränderungen widerspiegeln.

STANDARD: Stichwort Home-Office: Psychologisch ist noch gar nicht heraus, was es bewirkt, keine räumliche Trennung zwischen Beruf und privat mehr ziehen zu können.

Seidenberger: Da weiß man schon einiges. Der Tapetenwechsel ist ein wichtiger Faktor, um den vielfältigen Stressfaktoren zu entgehen. Home-Office, Home-Schooling, permanente Geräuschkulissen: Die Belastung ist enorm gestiegen.

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STANDARD: Gegenstrategien?

Seidenberger: Den Tag in ein striktes Zeitmodell einteilen. Zu Hause einen normalen Arbeitstag simulieren und hoffen, dass der Rest der Familie mitspielt.

STANDARD: Auswirkungen der Krise auf die Exekutivbeamten, auch im Verkehrsgeschehen?

Seidenberger: Auf die kommen noch mehr Aufgaben zu. Das Thema Vernaderung ist derzeit groß im Kommen. Beunruhigte Bürger beschweren sich bei der Exekutive, wenn jemand sich nicht an die Maskenpflicht hält. Die Beamten müssen vermehrt Streit schlichten. Man sieht sogar Leute, die vom Gehsteig auf die Fahrbahn springen, wenn Läufer daherkommen. Vermehrt wird die Polizei auch bei Home-Partys gerufen; der Nachbar darf, ich darf nicht, ich halte mich an die Regeln, der Nachbar nicht.

STANDARD: Die Belastungsgrenze für die Beamten ist aber irgendwann erreicht.

Seidenberger: Das wird vielleicht mehr Krankenstände bewirken. Vielleicht kommen auch jüngere mehr an die Front. Fakt ist aber: noch mehr Aufwand, Arbeit für die Exekutive.

STANDARD: Apropos Exekutive und "Raser"-Debatte: Werden Polizisten mit Laserpistole oder verstecktem Radargerät nicht zunehmend von vielen als Wegelagerer empfunden, um die gewaltigen Corona-Budgetlöcher zu stopfen?

Seidenberger: Es war schon immer so, dass man gesagt hat: nicht hinter dem Busch hervorblitzen, sondern öffentlich gut sichtbar auf der Fahrbahn stehen. Das hat auch noch einen zusätzlichen Sicherheitsaspekt. Da wird sich nichts ändern.

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STANDARD: Flugzeug, Kreuzfahrten, Urlaubsreisen: Was bewirkt es in den Menschen, plötzlich nicht mehr das gewohnte Mobilitätsprofil ausleben zu können?

Seidenberger: Es regt die Kreativität an und forciert die Suche nach neuen Formen. Es muss nicht mehr unbedingt der Fernurlaub sein wie bisher, sondern man kommt auf Naherholungsgebiete. Es werden auch andere Routen gewählt, abseits der Autobahnen: Nebenrouten gewinnen an Bedeutung.

STANDARD: Landschaften zum Genießen, die eigene Heimat erkunden?

Seidenberger: Ja.

STANDARD: Sofern denn Gastronomie und Beherbergungswesen wieder öffnen.

Seidenberger: Da merkt erst, wie wichtig das ist. Skifahren allein, hat man gesehen, das ist nicht unbedingt der Renner.

STANDARD: Beim Fliegen zeichnet sich Impfzwang ab, anderswo auch. Führt das nicht zusätzlich zur Spaltung der Gesellschaft, abgesehen von verfassungsrechtlichen Fragezeichen?

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Seidenberger: Ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung will sich ja impfen lassen, der Rest ist ein relativ kleiner Anteil.

STANDARD: Dem man aber trotzdem seine Rechte nicht vorenthalten kann.

Seidenberger: Das natürlich nicht. Aber man wird die Leute zusätzlich motivieren, sich doch impfen zu lassen.

STANDARD: Die Alternative wären aktuelle Corona-Tests.

Seidenberger: Dann müssten die aber barrierefrei angeboten werden. Dass man also nicht irgendwo hinfahren muss, zu einer Apotheke etwa, sondern beim Gate oder beim Einchecken. Die Komfortlösung muss im Vordergrund stehen. Dann holt man diese Menschen mit ins Boot und eine Zweiklassengesellschaft lässt sich vermeiden. Das wäre eine Möglichkeit, um gleiche Rechte für alle gewährleisten zu können und die Ängste auch zu nehmen.

STANDARD: Sommer, Auto, Balkanurlaub: Droht im Sommer die nächste Infektionswelle? Wie kann man da psychologisch geschickt vorbeugen?

Seidenberger: Diese Länder treffen auch große Eigenvorsorge. Ich würde nicht mehr die Floskel verwenden "Das Virus kommt mit dem Auto zu uns zurück." Das lehne ich ab.

STANDARD: Wenn es aber Faktum wäre?

Seidenberger: Das werden die Zahlen zeigen. Diese Länder wollen ja auch nicht mutwillig ihre Bevölkerung in Gefahr bringen und unternehmen enorme Bemühungen, das zu verhindern.

ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.
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STANDARD: Wie ist Ihre Einschätzung: Werden wir im Sommer über die Grenzen fahren können, zum Urlaub in den Nachbarländern?

Seidenberger: Wenn unsere Nachbarn das freigeben, glaube ich das sehr wohl. Man sieht das momentan an Mallorca –kaum freigegeben, schon schlägt sich das in den Buchungen nieder. Die Reise- und Erlebnislust kommt wieder zurück.

STANDARD: Welche verkehrspsychologisch interessanten Beobachtungen haben Sie während dieses Krisenjahres noch gemacht?

Seidenberger: Der Umstieg auf Alternativen, wo man nicht auf Taktung wie bei der Bahn oder den Öffis angewiesen ist. Hin zum Rad, zum zu Fuß gehen. Die Lust der Jugend hingegen, ins Auto umzusteigen, ist meiner Meinung nach nicht stärker geworden. Man trifft sich nach wie vor zu Fuß oder per Rad…

STANDARD: Das ist aber die städtische Perspektive. Am Land sieht das womöglich anders aus.

Seidenberger: Richtig. Wie es im ländlichen Bereich aussieht, da habe ich zu wenig Einblick. (Andreas Stockinger, 24.3.2021)