Mitte der Woche hatten sich schon etliche Menschen in einem Hongkonger Impfzentrum zur Covid-Impfung angestellt. Doch dann kam die Direktive von oben: Biontech darf nicht weiterverimpft werden.

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In Europa gilt das Vakzin als so etwas wie der Rolls-Royce unter den derzeit verfügbaren Covid-19-Impfstoffen, in Hongkong sieht die Situation jedoch etwas anders aus. Mitte der Woche hat die Regierung dort die Impfung mit dem Vakzin von Biontech gestoppt, weil bei einer Charge von knapp 600.000 Dosen Verpackungsmängel festgestellt wurden. Die Zwangspause hat in der chinesischen Sonderverwaltungszone einerseits Verunsicherungen in Bezug auf das Produkt der deutschen Firma ausgelöst. Andererseits wurde sie aber von mehreren Wissenschaftern heftig kritisiert.

Die lokale Regierung hatte sich am Mittwoch zu dem Schritt entschlossen, nachdem die Anfrage dazu von Biontech und Fosun Pharma – das ist die Firma, die das Produkt in China vertreibt – selbst gekommen war. Gesundheitskräfte hatten zuvor rund 50 Fälle von brüchigen Fläschchen des Vakzins gemeldet. Das könnte wiederum die Kühlkette unterbrochen haben. Der Biontech-Impfstoff muss ja ständig auf minus 70 Grad gekühlt sein, bis er in einem recht komplexen Prozess für die Verimpfung aufgetaut wird. Auch die Sonderverwaltungszone Macau ist dem Schritt Hongkongs gefolgt.

Während Biontech im Rest der Welt sein Covid-19-Vakzin gemeinsam mit der US-amerikanischen Firma Pfizer verbreitet, kooperiert das deutsche Unternehmen in China mit Fosun Pharma aus Schanghai. Neben Biontech wird in Hongkong bereits mit dem chinesischen Stoff von Sinovac geimpft. Das Produkt von Astra Zeneca ist bereits zugelassen, erste Dosen werden aber erst im zweiten Quartal erwartet.

Reine Vorsichtsmaßnahme

Die Pause des Biontech-Vakzins sei eine "reine Vorsichtsmaßnahme", stellte die Regierung klar: "Biontech und Fosun Pharma haben keinen Grund zur Annahme gefunden, dass die Produktsicherheit gefährdet ist." Nach einer gründlichen Untersuchung soll die Verimpfung weitergehen. Wie lange die Untersuchung dauern wird, blieb unklar.

Das Vertrauen in den Impfstoff ist aber in Mitleidenschaft gezogen worden – ein Grund, warum Gesundheitsexperten den Schritt der Regierung als überzogen kritisierten. "Nur eine kleine Anzahl an Dosen hatte Mängel und diese wurden bereits zerstört", sagte zum Beispiel der Virologe Jin Dong-yan zur lokalen "South China Morning Post".

In Hongkong ist die Impfbereitschaft ohnehin relativ gering. Ende Februar haben bei einer Umfrage weniger als 40 Prozent der Hongkonger Bevölkerung angegeben, sich impfen lassen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt, nämlich dem Start der Impfkampagne, war nur der Impfstoff von Sinovac verfügbar. Viele Hongkonger gaben damals an, lieber auf einen Impfstoff anderer Produzenten warten zu wollen.

Die Skepsis gegenüber Produkten aus Festlandchina ist in Hongkong traditionell groß. In den vergangenen Jahren kam es regelmäßig zu riesigen Massenprotesten gegen den zunehmenden Einfluss aus Peking.

5,5 Prozent der Bevölkerung geimpft

Bisher wurden in Hongkong rund 5,5 Prozent der Bevölkerung immunisiert. Das sind in absoluten Zahlen etwa 400.000 Menschen, ein Drittel davon mit dem Biontech-Produkt, der Rest mit Sinovac. Bisher sind neun Menschen kurz nach einer Sinovac-Impfung und eine Person kurz nach einer Biontech-Impfung gestorben. Mehr als der zeitliche Zusammenhang konnte aber in keinem der Fälle bewiesen werden. (Anna Sawerthal, 26.3.2021)