Die 400 Meter lange Ever Given war vergangenen Dienstag im Suezkanal auf Grund gelaufen.

Foto: EPA / Suez Canal Authority / Handout
DER STANDARD

Kairo – Das im Suezkanal auf Grund gelaufene Containerschiff Ever Given ist nach einer tagelangen Blockade freigelegt worden und schwimmt wieder. Der Kanalbetreiber Suez Canal Authority (SCA) teilte am Montagnachmittag mit, dass der Verkehr auf der für die globale Schifffahrt so wichtigen Wasserstraße wiederaufgenommen werde. Das 400 Meter lange Schiff war zuvor wieder in schwimmenden Zustand gebracht worden, das ägyptische Fernsehen zeigte, dass sich das Schiff bereits bewegte. Führende Reedereien rechnen damit, dass die Folgen der Blockade die Schifffahrtsindustrie noch Monate beschäftigen werden.

Die SCA hatte den Frachter erst im Lauf des Tages fertig korrigiert, nachdem der Wasserstand im Kanal gestiegen war.

Die Hilfs- und Bergungsteams am Suezkanal hatten mit Schleppern und Baggern über Tage versucht, das Schiff eines japanischen Eigentümers zu befreien, das am Dienstag auf Grund gelaufen war. Von Vorteil war dabei die hohe Flut bei Vollmond in der Nacht auf Montag. Ägyptens Präsident Abdelfattah al-Sisi hatte bereits angeordnet, die teilweise Entladung von Containern vorzubereiten, falls die Versuche weiter erfolglos bleiben sollten.

Laut Admiral Rabi, dem Vorsitzenden der SCA, soll das Containerschiff am Großen Bittersee am nördlichen Ende des Suezkanals untersucht werden. Zudem sollen Ermittlungen die Unfallursache klären.

Erleichterte Schiffsbesatzungen

Maersk, MSC und Hapag-Lloyd, die zu den weltgrößten Container-Reedereien gehören, warnten am Montag, dass die Blockade die Schifffahrtsindustrie noch Monate beschäftigen könnte. Selbst wenn der Kanal wiedereröffnet werde, gebe es laut Hapag-Lloyd noch deutliche Nachwirkungen für die weltweiten Kapazitäten. Bis alle derzeit wartenden Schiffe den Suezkanal passiert hätten, könnte es mindestens sechs Tage dauern. Von Maersk stecken eigenen Angaben zufolge drei Schiffe und von Hapag-Lloyd neun Schiffe im Stau vor dem Suezkanal.

Laut Kanalbehörde warteten zuletzt rund 370 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals auf Durchfahrt, darunter 25 Öltanker. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg berichtete von 450 wartenden Schiffen.

Die Blockade des Kanals hatte zunächst auch die Ölpreise steigen lassen. Mit der Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs gab der Preis für Rohöl der Sorte Brent am Montag um zwei Prozent auf 63,67 Dollar nach.

Tägliche Millionenverluste

Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer und bietet damit den kürzesten Schifffahrtsweg zwischen Asien und Europa. Im Vorjahr passierten fast 19.000 Schiffe mit mehr als einer Milliarde Tonnen Fracht den Kanal. Das entspricht zwölf Prozent des globalen Frachtvolumens und etwa 30 Prozent des Containervolumens.

Durch die tagelange Blockade gingen dem Kanalbetreiber täglich Einnahmen von 13 bis 14 Millionen Dollar verloren. Reedereien waren in der Folge dazu übergegangen, ihre Schiffe um die Südspitze Afrikas fahren zu lassen – eine Strecke, die etwa 7.000 Kilometer länger ist.

WU-Logistikexperte: Größter Schaden bei Lieferketten

Die Weltwirtschaft dürfte aber deutlich weniger belastet werden als zuvor angenommen. Sebastian Kummer, Logistikexperte der Wirtschaftsuniversität Wien, errechnete, dass die nahezu eine Woche andauernde Blockade die Wirtschaft 1,5 bis zwei Milliarden Euro gekostet haben dürfte. Schätzungen der Allianz-Versicherung waren jüngst noch von einem Schaden von bis zu zehn Milliarden Euro pro Woche ausgegangen.

Der größte Schaden sei in der Lieferkette entstanden, werde jedoch gemindert, wenn die Behebung der Krise nun rasch passiert, so Kummer. Er rechnet damit, dass nun alle versuchen werden, die verlorene Zeit aufzuholen. "Ich gehe davon aus, dass die Lieferketten jetzt zwar durchaus gestört sind, aber natürlich alle versuchen werden, das aufzuholen. Das heißt, die Schiffe werden die letzten Seemeilen schneller fahren, man wird versuchen, in den Häfen schneller umzuschlagen", so Kummer.

In Zukunft sollte die Abhängigkeit von globalen Zulieferungen reduziert und mehr Gewicht auf regionale Lieferketten gelegt werden, so Kummer. Weiters schlägt der Experte vor, dass große Containerschiffe bei Sturm mit Schleppern durch den Kanal gezogen werden könnten, um derartige Unfälle zu vermeiden.

Auswirkungen der Corona-Krise verstärkt

Die Blockade wird auch nach der Freilegung des Kanals noch nachwirken, denn sie habe durch die Corona-Krise entstandene Engpässe im Handel verschärft, erklärte das deutsche Institut für Weltwirtschaft (IfW) am Montag. "Schon die Corona-Krise hat für Verwerfungen im maritimen Handel gesorgt und die Preise für den Containertransport explodieren lassen", sagte IfW-Experte Vincent Stamer. Die Schiffshavarie und ihre Nachwirkungen seien nun eine zusätzliche Belastung. "Das treibt tendenziell die Preise für den Seehandel nach oben, was sich früher oder später auch in den Produktpreisen niederschlagen dürfte." (APA, red, 29.3.2021)