Im Radstadion von Minsk fanden 2019 die European Games statt. Im Juni 2021 soll dort die Europameisterschaft ausgetragen werden.

Foto: REUTERS/FEDOSENKO

Reisen bildet, sagt man. Doch nicht allein deshalb will der schöne Bahnradsport den schönen Hauptstädten von Belarus und Turkmenistan heuer Besuche abstatten. In der einen, in Minsk, soll im Juni die Europameisterschaft steigen, in der anderen, in Aschgabat, ist im Oktober die Bahnrad-WM angesetzt. Von einem "anrüchigen Doppel" schrieb kürzlich die Süddeutsche Zeitung, und derzeit deutet tatsächlich wenig auf Verschiebungen oder gar Absagen hin.

Das erscheint speziell im Falle von Minsk verwunderlich, schließlich ist der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko international in Ungnade gefallen, der bei den Wahlen noch schlimmer als sonst betrogen hatte und seither friedliche Proteste mit brutaler Gewalt niederschlagen lässt.

Am Ende hat selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagiert und vom belarussischen olympischen Komitee sogar Neuwahlen verlangt. Dieses Ansinnen kam relativ spät angesichts der Tatsache, dass der seit 1994 herrschende Lukaschenko seit 1997 auch dem olympischen Komitee von Belarus vorstand. Als seinen Nachfolger dort wollte er nun seinen Sohn einsetzen, das wäre fast lustig, wenn es nicht traurig wäre. In den Protesten gegen Lukaschenko haben sich auch namhafte Sportlerinnen und Sportler hervorgetan, sie gründeten die Belarusian Sport Solidarity Foundation, kurz BSSF. Ihr steht die Ex-Schwimmerin Aliaksandra Herasimenia vor, eine Weltmeisterin und Olympia-Medaillengewinnerin.

Abhängigkeit

Der Sport in Belarus ist jahre-, nein jahrzehntelang in hohem Maß von Lukaschenko abhängig gewesen und vereinnahmt worden. Umso größer ist die Aufmerksamkeit, die Herasimenia und ihre protestierenden Kolleginnen und Kollegen nun erzielen. Die Weltverbände im Eishockey und im Modernen Fünfkampf kamen nicht umhin, schon an Belarus vergebene Weltmeisterschaften abzusagen respektive zu verlegen. Der europäische Radsportverband (UEC) drückt sich vor einer solchen Entscheidung und will unbedingt an der Bahnrad-EM festhalten. Der kürzlich vom UEC-Generalsekretär zum UEC-Präsidenten aufgestiegene Italiener Enrico Della Casa sagte, man wolle sich nur mit Sport und nicht mit Politik beschäftigen – ein Klassiker.

Die BSSF verschickte Briefe mit der inständigen Bitte, Druck auf die UEC auszuüben. Lukaschenko soll nicht die Möglichkeit kriegen, im Rampenlicht zu stehen und sich womöglich als guter Gastgeber zu präsentieren. Auch der österreichische Radsportverband (ÖRV) hat ein solches, von Herasimenia unterzeichnetes Schreiben erhalten. Bei der nächsten Präsidiumssitzung kurz nach Ostern soll die Causa besprochen werden. Ob der ÖRV ein Team zu einer EM nach Minsk schicken würde? Man weiß es nicht. Immerhin ist die Olympia-Qualifikation für die Sommerspiele in Tokio (ab 23. Juli) aus ÖRV-Sicht schon abgeschlossen, Andreas Müller und Andreas Graf haben im Madison (Zweierteamzeitfahren) das Ticket gelöst, damit ist Österreich erstmals seit Athen 2004 im Bahnradsport olympisch vertreten.

Das Thema ist ein schwieriges, schließlich ist jedes große Event eine wichtige Station auf dem Weg zu anderen großen Events. Von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt fanden in Minsk vor kurzem die Belarus Open im Synchronschwimmen statt. Von der österreichischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt nahm daran auch das österreichische Juniorinnen-Nationalteam teil – durchaus mit Erfolg.

Keine Limits

Die jungen Österreicherinnen schafften etliche Bestleistungen und Limits für kommende Welt- und Europameisterschaften. "Der OSV-Nachwuchs kann sehr zufrieden die Heimreise nach Österreich antreten", hieß es in der Presseaussendung des Verbands (OSV). Ohne Minsk hätte es vielleicht keine WM- und EM-Limits gegeben, sagt Verbandspräsident Arno Pajek. "Wir haben im Vorfeld vor allem überprüft, ob die Reise wegen Corona riskant ist und wie die Kinder zurückkommen, falls etwas passiert."

Sportswashing, so nennt sich die Imagepolitur durch Sport, die sich in der Kritik stehende Staaten oder auch große Konzerne gerne selbst verpassen. Internationale Sportverbände wiederum gastieren mit ihren Großevents ganz gerne in Ländern, in denen vorweg keine Volksabstimmungen stattfinden und sich niemand traut, nach "tatsächlichen Kosten" zu fragen. Belarus und Turkmenistan in ein und demselben Jahr, das wäre allerdings schon herausragend, damit hätte der Radsport eine Vorreiterrolle.

In Turkmenistan hat noch nie eine große Weltmeisterschaft stattgefunden, Amnesty International berichtet regelmäßig von schweren Menschenrechtsverletzungen in dem zentralasiatischen Land und wirft seinem Machthaber Gurbanguly Berdimuhamedow vor, das Recht auf freie Meinungsäußerung massiv einzuschränken und Kritiker nicht nur mundtot zu machen.

Reisen bildet, sagt man, auch den Charakter. (Fritz Neumann, 1.4.2021)