Der Vorschlag, die Reisefreiheit von allen Frauen unter 40 einzuschränken, sorgte für heftige Proteste in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu.

Foto: AFP_/_Prakash Mathema

Die sieben Mädchen aus Mahottari im Südnepal wollten am Dienstag eigentlich Futter für das Vieh sammeln. Als sie nicht zurückkamen, meldeten ihre Familien die zwischen Zehn- und 18-Jährigen als vermisst. Tags darauf fand man sie in Bihar, im benachbarten Indien. Wie sie dorthin gekommen sind, war nicht klar. Aber ganz allein hätten die Kinder nie über die Grenze kommen können, gab ein indischer Polizeibeamter an.

Solche und ähnliche Nachrichten finden sich regelmäßig in nepalesischen Medien. In dem kleinen Himalajastaat zwischen China und Indien ist Menschenhandel seit Jahren ein enormes Problem – vor allem für junge Frauen. Immer wieder "verschwinden" Mädchen.

Oft werden die jungen Frauen mit falschen Versprechungen aus ihrer Heimat weggelockt. Viele versuchen auch auf diese Art, gewalttätigen Ehen oder Familien zu entkommen, erzählt Shristi Kolakshyapati Pradhan, die für die NGO Worec (Women’s Right to Mobility and Decent Work Campaign) in Kathmandu arbeitet.

Viele landen in der Sexarbeit. Andere arbeiten in irregulären Arbeitsverhältnissen, zum Beispiel als Hausarbeiterinnen bei reichen Familien in den Golfstaaten oder Malaysia. Aus ihrer Not heraus sind sie leicht in Arbeitsverhältnisse zu drängen, die den Frauen schaden. "Distressed Migration" nennt das Pradhan. "Verzweifelte Migration".

Tote Gastarbeiter in Qatar

Nepal ist auf seine Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen angewiesen. Laut Regierungsangaben machen mehr als ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts Geldtransfers aus dem Ausland aus, weil es in dem Land nicht genug Jobs gibt.

Die meisten der registrierten Gastarbeiter sind Männer. Auch sie werden oft zu Opfern ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse. Erst vor wenigen Wochen berichtete der "Guardian" von fast 1700 Nepalis, die bisher bei den Bauarbeiten für die Fußball-WM in Katar gestorben sind. 2019 kamen in Kathmandu im Schnitt täglich zwei Särge mit verstorbenen Gastarbeitern an, berichtet die lokale "Kathmandu Post".

Frauen warten am Flughafen in Kathmandu auf ihre Familienmitglieder, die von langen Arbeitsaufenthalten im Ausland zurückkommen.
Foto: AP/Shrestha

Die Leiden der Frauen sind oft noch viel weniger sichtbar. Gerade Frauen sind besonders gefährdet, wenn es um ausbeuterische oder missbräuchliche Arbeitsverhältnisse geht. Sexuelle Gewalt, Vergewaltigungen, Suizide – mit all dem ist Pradhan in ihrer Arbeit konfrontiert.

Wie überfordert die Regierung des Landes ist, zeigen ihre Lösungsversuche. So hat im Februar das Immigrationsbüro vorgeschlagen, die Reisefreiheit von allen Frauen unter 40 im Land einzuschränken. Frauen sollen nur noch mit schriftlicher Bewilligung ihrer Familie und der lokalen Behörde ins Ausland reisen dürfen. Auf den Vorschlag folgte ein regelrechter Shitstorm.

"Es war ein riesiger Moment", erinnert sich Pradhan. Proteste von Frauenaktivistinnen auf den Straßen gingen Hand in Hand mit Medienkampagnen und Petitionen gegen den Vorschlag. Man werde ihn überdenken, lenkte die Behörde schließlich ein.

Frauen bleiben unsichtbar

Doch für Pradhan bleibt die Situation ungelöst. Denn wenn auch diese jüngste "gedankenlose Regelung" nicht umgesetzt würde, gelten ja bereits Reiseeinschränkungen, die hauptsächlich Frauen betreffen. So dürfen Menschen, die im Ausland als Hausangestellte arbeiten wollen, nicht in die Golfstaaten oder nach Malaysia ausreisen – mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen.

In den vergangenen 35 Jahren habe Nepal bereits 22-mal die Frauenmobilität eingeschränkt, zählt Pradhan auf. "Die Regierenden denken, dass Frauen keine Menschen sind und dass sie selbst keine Entscheidungen treffen können."

Aktivistinnen wie Pradhan fordern daher, dass sämtliche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Frauen fallen müssen. Stattdessen sollte das Problem an den Wurzeln angepackt werden: Es müssten Jobs in der Heimat geschaffen werden. Und es müssten starke bilaterale Verträge mit den Zielländern abgeschlossen werden.

Verbote drängen Frauen in Illegalität

Die Verbote bringen gar nichts, weiß Pradhan. Im Gegenteil: Erst die Verbote drängen Frauen in die Illegalität. Denn wenn sie kein Geld auf legalem Wege in ihrer Heimat verdienen können, werden sie das eben über andere Kanäle tun. Im Ausland, ohne Dokumente, sind sie unsichtbar und hilflos, wenn Probleme auftauchen. "Die Regierungen sagen, sie beschützen Frauen", meint Pradhan, "aber am Ende machen sie genau das Gegenteil. Sie bringen Frauen in Lebensgefahr." (Anna Sawerthal 2.4.2021)