Viel Platz am Strand von Palma di Mallorca.

Foto: Reuters/Calvo

Die Mallorquiner tragen in diesen Tagen noch Winterjacken. Über Mittag schwitzen sie dann zwar, aber abends wird es wieder kühl. Der Frühling ist da, er kommt auf der Insel immer plötzlich. Die Urlauber gehen indes schon in Flipflops und Hoodies raus. Den blassen Füßen sieht man den langen Winter noch an. In einem großen Hotel an der Playa de Palma latschen sie vom Aufzug zum Frühstücks buffet. Danach geht es zur Strandpromenade, "erst mal an die Sonne", sagen Agnes und Dirk Hanfmann aus der Nähe von Hannover.

Das junge Paar trägt FFP2-Masken, in der Gürteltasche steckt das Desinfektionsgel. Sie gehören zu jenen rund 40.000 Deutschen, die Ostern auf der Insel verbringen und damit in Deutschland und Spanien für Aufregung und auch einigen Ärger sorgen. Viele Deutsche halten eine Mallorca-Reise mitten in der Pandemie für unmoralisch. Und die Spanier selbst können nicht auf die Balearen reisen, denn sie dürfen ihre Region nicht verlassen. Die Hanfmanns finden das übertrieben. "Alle halten sich doch an die Regeln", sagt Agnes Hanfmann, die in einem Krankenhaus arbeitet und noch Resturlaub hatte. "Wir fühlen uns total sicher und werden ja immerhin auch vor jedem Flug getestet."

Nur wenige Badegäste sind auf der Strandpromenade unterwegs zur Playa de Palma.
Foto: AFP / JAIME REINA

Im und ums Hotel

Ihre Urlaubswoche werden die Hanfmanns hauptsächlich im und rund ums Hotel verbringen, denn um 17 Uhr muss auf den Balearen die Gastronomie schließen. Discos, Biergärten und Kneipen sind zu. Es ist also ein Urlaub mit Einschränkungen. Trotzdem genießt das Paar die Insel. "Auf Mallorca zu sein, das fühlt sich schon fast wieder wie Normalität an", sagt Dirk Hanfmann. Er war als Kind oft hier und liebt die Insel. "Mallorca braucht doch Touristen, ich wüsste nicht, was wir jetzt falsch machen könnten."

Die Gastronomie ist geöffnet auf Mallorca – allerdings nur bis 17 Uhr.
Foto: AFP / JAIME REINA

Tatsächlich freuen sich viele Einheimische, dass es wieder ein bisschen losgeht. Antonio Castillo und seine Frau Lisbeth Paulsen zum Beispiel. Das Paar hat vor 25 Jahren das Hotel Amorós in Cala Ratjada an der Nordostküste gekauft: drei Sterne, familiärer Betrieb, ruhige Atmosphäre. Es ist seit Ausbruch der Pandemie fast durchgehend offen, denn, "wenn du nicht aufhast, kommt auch kein Gast", sagt die 55-jährige Paulsen. Die beiden sind mit den vier erwachsenen Töchtern aus ihrem Haus ins Hotel gezogen, um Kosten zu sparen. Alle arbeiten unentgeltlich mit, nur eine Rezeptionistin und ein Koch sind angestellt.

Glaube an die Rettung

An manchen Tagen hätten sie nur zwei oder drei Gäste gehabt, erzählt Paulsen. Dass über Ostern die Hälfte der 80 Zimmer belegt ist, "macht uns glücklich". Ihr Mann nickt und sagt: "Wir schlafen besser, ich glaube, wir können das Hotel retten." Auf der Terrasse neben dem Pool sitzt ein Paar beim Erdbeershake, drei Freunde mittleren Alters plaudern beim Bier, Tochter Ana María läuft mit einem Tablett hin und her.

An vielen Pools in Palma muss man derzeit keine Liegen reservieren. Es gibt ausreichend Platz.
Foto: AFP / JAIME REINA

Das Amorós ist eines von 60 Hotels der Gegend. Nur ganz wenige sind über Ostern offen. Viele werden wohl dieses Jahr gar nicht aufmachen, schätzt Joan Ferrer, der Vorsitzende des Hoteliersverbands der Gemeinde Capdepera, zu der Cala Ratjada gehört. Sie wollen ihre Angestellten nicht aus der Kurzarbeit holen und die Kühlkammern füllen, um zwei Wochen später wieder zuzumachen. Und ganz viele werden wohl überhaupt nicht mehr aufmachen. "Wir haben hier noch viele Familienunternehmen", sagt Ferrer, "die kämpfen hart."

Der Verband will verhindern, dass die ausländischen Investmentfonds, die schon vielerorts vorstellig geworden sind, reihenweise Hotels aufkaufen. "Cala Ratjada würde sein Gesicht verlieren", fürchtet Ferrer, "und das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauensverhältnis ginge kaputt". Oft begrüßte die zweite Hoteliergeneration schon die zweite Urlaubergeneration, wie der Mallorquiner erzählt, der selbst zwei Aparthotels betreibt. Die größeren Unternehmer der Gegend sollen nun die insolventen, kleineren Hotels kaufen, so der Plan des Verbandes.

Bangen um den Sommer

Das Ostergeschäft ist für die allermeisten Hoteliers auf Mallorca irrelevant. Nur gut zehn Prozent der Häuser sind überhaupt geöffnet. Viele halten die Öffnung für übereilt, sie bangen um das Sommergeschäft. Das Risiko einer neuen Ansteckungswelle sei größer als der Nutzen, findet auch Claudio Triay, Notfallmediziner auf Menorca und Sprecher der balearischen Ärztegewerkschaft. "Jede Bewegung birgt ein Risiko", sagt er, "egal wie sicher man sich fühlt." Er selbst ist schon seit einem Jahr nicht mehr nach Mallorca gereist, vor der Pandemie war er einmal im Monat dort.

Mallorca will aus der Pandemie-Erfahrung lernen. Man hat sich über die Jahre zu sehr abhängig gemacht vom Tourismus.
Foto: AFP / JAIME REINA

Triay versteht nicht, warum bei einer Impfrate von weniger als vier Prozent der internationale Tourismus reaktiviert wird. "Das hatten wir doch schon im vergangenen Sommer, das ging genau sechs Wochen gut, dann war wieder alles zu." Triay spielt auf das Pilotprojekt an, bei dem ab Mitte Juni mehrere Tausend deutsche Touristen vom Reiseveranstalter Tui in die Hotels der Riu-Gruppe gebracht und von den Angestellten mit Applaus begrüßt wurden: ein Bild, das die große Abhängigkeit der Insel zeigt.

Altbekannte Forderungen

Tourismusexperte Iván Murray hofft, dass die Balearen aus der Pandemie-Erfahrung lernen. Ein Einbruch von knapp 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts müsse einfach ein Umdenken einleiten, findet er. Keine europäische Region ist wirtschaftlich stärker getroffen als die Balearen. Murray vergleicht Mallorca mit einer Mine, aus der große, internationale Unternehmen alles herausholen, was geht. "Wir müssen andere Branchen stärken und das Tourismusgeschäft selbst kontrollieren," sagt er. Das sind keine neuen Forderungen.

Vor der Pandemie kreiste die Diskussion auf den Balearen um Nachhaltigkeit, Diversifizierung und Overtourism. Jetzt kreist sie um Impfraten, Investmentfonds und Armut. Alles, was davor thematisiert wurde, erscheint vielen Mallorquinern heute als Luxusproblem. Ihnen drohen Zwangsräumungen, sie holen sich ihr Essen in Lebensmittelausgaben und hoffen inbrünstig, dass ihnen die Sommersaison ein Gefühl von Normalität zurückgibt. (Brigitte Kramer, 3.4.2012)