Boxhandschuhe, so weit das Auge reicht.

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Wien – Am Dienstag erfolgt der Auftaktgong für einen womöglich längeren juristischen Schlagabtausch in der heimischen Boxszene. Nationaltrainer Daniel Nader hat Leichtgewichtsboxerin Deshire Kurtaj auf Kreditschädigung geklagt, da die beim österreichischen Verband (ÖBV) in Ungnade gefallene Sportlerin indirekt behauptet hatte, Nader sei ein Betrüger. Vor dem Wiener Handelsgericht will Kurtaj die Wahrheit beweisen und mit ihren Mitstreitern das "System Nader" aufdecken.

Ämterverflechtung, Interessenkonflikte, Freunderlwirtschaft oder intransparente Abrechnungen – das sind einige der Themen, bei denen Nader aus Sicht vieler Außenstehender Erklärungsbedarf hätte. Sein Auftreten in Trainingseinheiten ist ein eigenes Kapitel: Beschimpfungen, Mobbing, Sexismus, Desinteresse für die Sportler stehen auf der langen Liste von Vorwürfen. Die Wortführer heißen Kurtaj, Umar Dzambekov und Marcel Rumpler, die nach zunächst interner Kritik seit Oktober im Abseits stehen und sich ihr Training selbst organisieren.

Als "Betrüger" bezeichnet

Vor Gericht zogen allerdings nicht die Sportler, sondern Nader als Privatperson. Im Februar brachte er eine Klage gegen Kurtaj ein, weil diese auf Instagram einen Beitrag weiterverbreitet habe, in dem er als "Betrüger" bezeichnet worden sei. In einem vorliegenden Dossier listen Kurtaj, Rumpler und Dzambekov konkrete Vorwürfe an Nader auf, die den Verdacht von finanziellen Malversationen nähren. Der 38-Jährige ist auch Sportdirektor des Wiener Verbandes, des mächtigsten Einzelverbandes im ÖBV, gleichzeitig Obmann und Sportlicher Leiter des Boxclubs Bounce, der als Olympia-Stützpunkt fungiert.

"Den Kader-Athleten wurden seit der Ära Daniel Nader die Reisekosten nicht ausbezahlt. Sportler mussten den Erhalt der Reisekosten quittieren, Nader kassierte", steht etwa in dem Schreiben. "Die individuellen Förderungen der A-Kader-Athleten Umar Dzambekov, Aleksandar Mraovic und Ahmed Hagag wurden im Jahr 2020 und 2021 nicht speziell für diese Athleten genutzt." Nader soll zudem Kickback-Zahlungen kassiert haben, auch Versicherungsbetrug steht im Raum. "Wir können und werden auch alle Vorwürfe vor Gericht beweisen", sagt Kurtaj. Die Bundes-Sport GmbH teilte mit, dass es beim Boxverband "keine Auffälligkeiten" gebe, was die Abrechnung von Förderungen betrifft.

Vorwurf des Sexismus

Den Vorwurf des Sexismus hat Nader nicht zum Inhalt seiner Klage gemacht. Kurtaj war laut eigener Aussage jahrelang den verbalen Angriffen ihres Trainers ausgesetzt. Die beleidigenden, derben Attacken seien "absolut ekelhaft" gewesen, sagte sie. "Es waren sehr, sehr persönliche, optische und teilweise auch sexuelle Anspielungen", die sie wegen des verletzenden Charakters nicht öffentlich machen möchte. Vor Gericht würde die 23-Jährige das falls nötig tun, auch wenn ihr das schwer fiele. Handgreiflich sei Nader nie geworden.

Kurtaj fühlt sich vom Verband allein gelassen und verraten. Als sie im vergangenen Herbst Hilfe beim ÖBV suchte und gemeinsam mit ihren A-Kader-Kollegen Nader das Vertrauen entzog, sei die Gruppe gegen eine Mauer geprallt. Zu einem echten Dialog sei es nie gekommen, der Verband habe sich sofort auf Naders Seite gestellt. Auch die Gender-Beauftragte des ÖBV reagierte mit Unverständnis. Genauso bekam der Sohn von Ex-ÖBV-Präsident Roman Nader bei allen anderen Vorwürfen Rückendeckung.

Vermittlungsversuch gescheitert

Im Dezember scheiterte ein Vermittlungsversuch von Ex-BSO-Chef Peter Wittmann, daraufhin wandten sich die Boxer im Jänner 2021 an die Medien. "Ein Verzweiflungsakt", sagte Kurtaj, für den ÖBV kam es versuchtem Rufmord gleich. Kurtaj, Rumpler und Dzambekov wurden "wegen eines massiv schädigenden Verhaltens gegenüber dem ÖBV und dessen FunktionärInnen" lebenslang gesperrt. Einen Monat später wurden die Sperren zwar wegen juristischer Bedenken aufgehoben, sogleich aber ein Disziplinarverfahren gegen das Trio gestartet.

Bitter ist das alles vor allem für Rumpler, der im Frühling an der Olympia-Qualifikation teilnehmen möchte. Er will der erste österreichische Boxer bei Olympischen Spielen seit Biko Botowamungu 1988 sein. Doch eine Rückkehr zu einem von Nader geleitetem Training ist praktisch ausgeschlossen. Die Boxer verlangen mittlerweile eine personelle Neuausrichtung im Verband. "Wir wollen Strukturen, die nicht so toxisch sind", sagte Kurtaj, die von Olympia 2024 träumt. "Wir wurden als Sportler wirklich fertiggemacht."

ÖBV-Präsident Daniel Fleissner steht hingegen zu seinem Cheftrainer. Man habe mehrmals mit den Sportlern und Kurtaj gesprochen, konkrete Beweise für ein Fehlverhalten Naders seien nie vorgelegt worden, sagte Fleissner der APA. Als Kompromiss sei angeboten worden, die Boxer mit einem von Naders Assistenztrainern zu Wettkämpfen zu entsenden – das hätten diese abgelehnt. Fleissner und andere ÖBV-Funktionäre werden vor Gericht als Auskunftspersonen aussagen. (APA, 2.4.2021)