Geflogen wird derzeit nicht viel. József Váradi, Wizz-Air-Chef, meldet sich zum virtuellen Interview aus Tirol. Ein Arbeitsaufenthalt, wie er sagt. Die Testmöglichkeiten dort lobt er, diesen Sommer werden die Flugticketpreise seiner Ansicht nach tief sein wie nie.

STANDARD: Sie haben derzeit sieben Flugzeuge in Wien. Das ist viel für diese Zeiten oder?

Váradi: Ja, wir könnten viel fliegen mit diesen sieben Flugzeugen. Im Moment ist das nicht möglich. Das Verkehrsaufkommen in Wien ist in etwa zehn Prozent vom normalen Verkehr, es ist eine sehr schlechte Marktlage. Wir fliegen unter zehn Prozent unserer Kapazität.

STANDARD: Ist es anderswo besser?

Váradi: Ja. In Rumänien, Algerien, Mazedonien, Serbien fliegen wir 35 bis 40 Prozent unserer Kapazität. In Skandinavien läuft es gut, dort gibt es wenige Einschränkungen. In den USA ist der Inlandsflugmarkt bei 70 Prozent verglichen mit 2019, im Vergleich zu rund 20 Prozent in Europa.

STANDARD: Sie hatten große Pläne in Wien, wie viele andere Low-Cost-Airlines. Haben sie sich zerschlagen?

Váradi: Österreich, also Wien und Salzburg, ist ein strategischer Markt für Wizz Air. Wir wollen längerfristig rund 20 Prozent Marktanteil erreichen. Nach Covid-19 wird es eine starke Konsolidierung geben. Viele Airlines werden es nicht schaffen. Sie bekommen viel Hilfe vom Staat, von Kreditgebern und Angestellten. Dieses Schutzschild wird sich auflösen. Für Airlines, die kein Geld haben, um für ihr Überleben zu kämpfen, wird es in einem kompetitiven Markt sehr schwierig werden.

STANDARD: Die Erholung ist schleppend. Wird es im Sommer besser?

Váradi: Man wird sehen, wie sich die Einschränkungen verändern. Die Menschen wollen reisen, sie wollen fliegen. Wir müssen sehen, wie wir aus dieser Welle an Infektionen rauskommen. Ich hoffe, dass wir noch vor dem Sommer sehr viel mehr fliegen können als heute.

József Váradi hält wenig davon, dass
Foto: Reuters

STANDARD: Sicher, dass die Menschen wieder mehr fliegen wollen?

Váradi: Im Moment ist UK abgeriegelt. Aber als Premier Boris Johnson für den 17. Mai Öffnungen angekündigt hat, sind die Flugbuchungen für diesen Tag und danach explodiert. Die Menschen planen zu reisen, sobald sie eine gewisse Sicherheit haben. Sie sind deprimiert, wollen weg, sich erholen.

STANDARD: Welche Destinationen buchen die Österreicher zurzeit?

Váradi: Wir sehen eine eindeutige Präferenz für Destinationen am Meer und auf dem Land. Das gilt für ganz Europa. Ich sehe keine Leute, die in große Städte reisen wollen. Die Menschen wollen große Ansammlungen vermeiden, frische Luft atmen, Zeit in der Natur verbringen.

STANDARD: Stichwort frische Luft. Immer wieder beschweren sich Menschen über übervolle Flugzeuge und Drängeleien auf Flughäfen – sind die Corona-Regeln nicht ausreichend?

Váradi: Die Regulierungen für Airlines und deren Protokolle sind ausreichend. Passagiere müssen während des ganzen Fluges Maske tragen, alle Kontaktmöglichkeiten wurden eliminiert, es wird berührungslos gezahlt, Flyer wurden entfernt, das Boarding findet in Schichten statt, sodass Abstände eingehalten werden können. Wir kennen keinen einzigen Fall, wo sich jemand im Flugzeug angesteckt hat, weder Passagiere noch Crew.

STANDARD: Sind Sie da sicher, würden Sie das wissen?

Váradi: Ja, wir wüssten das. Es gibt keinen besseren Weg, als das im Flugzeug nachzuverfolgen: Wir kennen die Namen der Passagiere, die Sitznummer, alles.

STANDARD: Wer mit Emirates fliegt, braucht einen Test. Die AUA hat ein Testprojekt gestoppt, weil es keine Vorteile für Passagiere brachte. Wären Tests vor dem Fliegen nicht besser?

Váradi: Das Problem ist, es kann nicht von einem Land gemacht werden. Das muss von der EU koordiniert werden. Wir brauchen einheitliche Maßnahmen und eine einheitliche Implementierung derselben. Im Moment ist es chaotisch. Tests und Impfungen sind der richtige Weg. Wer geimpft ist, Antikörper oder einen negativen Test hat, sollte reisen können. Ich denke, die EU sollte das schaffen. Das grüne digitale Zertifikat, wie es die EU nennt, scheint eine gute Initiative zu sein – hoffentlich wird sie umgesetzt.

STANDARD: Mit den Impfungen geht es allerdings sehr langsam voran?

Váradi: Wir brauchen mehr Impfungen und mehr Tests. Wir brauchen einen Weg, um die Wirtschaft wieder aufzubauen und die Leute zurück zum Reisen zu bringen. Ein signifikanter Teil der Wirtschaft hängt davon ab. In Hotels und im Gastgewerbe haben viele Leute ihren Job verloren. Die Regierungen versuchen, diese Jobs etwa mit Kurzarbeit zu schützen. Aber wir müssen die Menschen zurück in ihre Jobs bringen, statt dass sie zu Hause Geld fürs Nichtstun bekommen.

Nicht viel los derzeit auf den meisten Flughäfen. Viele Airline-Chefs hoffen auf eine Erholung im Sommer. Váradi geht davon aus dass diesen Sommer die Tickets billig sind. Dann könnte das Blatt sich wenden.
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STANDARD: Weil wir beim Geld sind. Airlines verbrennen derzeit viel davon. Wie sieht Ihr Ausblick aus?

Váradi: 2021 wird kein großartiges Jahr werden. Wir können kaum fliegen, es wird ein Verlustjahr für Wizz Air wie für die gesamte Branche. Ich würde erwarten, dass 2022 ein normales Jahr wird. Wir erwarten eine signifikante Verbesserung der finanziellen Performance. Wien sollte 2022 profitabel werden.

STANDARD: Vor der Pandemie war die Preisschlacht in Wien besonders blutig. Werden Tickets jetzt teurer?

Váradi: Ich denke, es ist umgekehrt. Wir werden diesen Sommer billigere Tickets sehen als zuvor. Die europäische Luftfahrtindustrie ist sehr zyklisch und saisonabhängig. Jede Fluggesellschaft versucht, diesen Sommer Geld zu verdienen, und wird so viel Kapazität wie möglich auf den Markt bringen. Das wird den Markt überfluten und die Erträge und Preise nach unten ziehen. Das gilt nur für diesen Sommer. Dann werden wir eine Marktkonsolidierung sehen. In Zukunft wird der Markt rationaler werden.

STANDARD: Brüssel will die kostenlosen Zertifikate für die Airline-Industrie reduzieren, verschiedene Länder erhöhen Ticketabgaben wie Österreich. Das muss sich doch in den Preisen widerspiegeln?

Váradi: Wir sind eine der wenigen Fluggesellschaften, die ihre Flotte ständig erneuert, sodass CO2-Emissionen und Stückkosten sinken. Wir können diese Einsparungen an Verbraucher weitergeben. Es könnte einen Preisanstieg geben, weil Kosten für die Infrastruktur steigen, Steuern oder Gebühren. Die Schere wird sich zu unseren Gunsten öffnen, sodass wir die Preise im Vergleich zum Rest des Marktes noch einmal deutlich senken können.

STANDARD: Österreich will einen Mindestticketpreis einführen. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler will, dass Österreich Vorreiter wird im Kampf gegen Billigfluglinien, die auf Kosten unserer Umwelt Gewinne machen, wie sie sagt. Eine deutliche Kampfansage oder?

Einheitliche junge Flotte, viele junge Beschäftigte die mehr für ihr Gehalt arbeiten müssen, Firmensitz an steuerschonenden Weltgegenden, Punkt-zu-Punkt-Verkehr die Liste der Unterschiede zwischen vielen über die Jahrzehnte gewachsenen Staatsairlines und Billigflieger ist lang.

Váradi: Das durchschnittliche Flottenalter von Wizz Air ist fünf Jahre, bei fast 150 Flugzeugen. Das von der AUA ist 15 Jahre. Der Kohlenstoffdioxid-Ausstoß pro Passagierkilometer ist bei Wizz Air 55 Gramm, bei der AUA rund 100. Jeder Kilometer, den ein Passagier mit AUA fliegt, ist doppelt so verschmutzend als mit Wizz Air. Die Aussage, dass Billigfluglinien schlecht für die Umwelt sind, ist falsch. Es sind die Fluglinien, die die Umwelt verschmutzen, die jetzt Unterstützung und Steuergeld bekommen – die AUA, Air France, KLM etc. Sie verschmutzen die Umwelt, sind ökonomisch ineffizient und fressen das Geld der Steuerzahler auf – für nichts.

STANDARD: Für nichts? Die AUA beschäftigt mehr als 6400 Menschen.

Váradi: Schauen wir nach Ungarn. 2012 ging die ungarische Fluggesellschaft pleite, und jeder im Land hatte Angst, dass dies das Ende der ungarischen Luftfahrt sei, das Land verlor so viele Arbeitsplätze. Was passiert ist, war, dass sich der Luftverkehr in sieben Jahren mehr als verdoppelt hat – mehr als verdoppelt. Und wir haben viel mehr Arbeitsplätze geschaffen.

STANDARD: Die AUA schrumpft. Wie klein wird sie werden?

Váradi: Ich weiß es nicht. Sie müssen die österreichische Regierung fragen, wie viel Geld sie bereit ist, für die österreichische Fluglinie in Zukunft zu verschwenden. (Regina Bruckner, 3.4.2021)