Mikutina bei ihrem WM-Auftritt.

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Dafür dehnt man sich.

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Mikutina ist amtierende österreichische Staatsmeisterin.

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Vor fünf Jahren klingelte Elena Romanowas Handy in Feldkirch. Am anderen Ende der Leitung: eine Freundin aus Charkiw, Ukraine, ebenfalls Eiskunstlauftrainerin. Diese sagte: "Da gibt’s ein gutes Mädchen." Seinem Coach fehle aber die Ausrüstung, um es besser zu fördern. Romanowa antwortete eher scherzhaft: "Schick es einfach zu mir." Der Vater des Talents nahm das Angebot aber ernst und vereinbarte ein Probetraining. Und so tauchte Olga Mikutina erstmals in Vorarlberg auf.

WM-Sensation

Jene Olga Mikutina, die jüngst bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Stockholm sensationell Achte wurde. Die 17-Jährige sicherte Österreich damit das beste WM-Abschneiden seit 24 Jahren und einen Quotenplatz für Olympia 2022. Gerechnet hat sie damit nicht. "Ich wollte einfach nur mein Programm schön laufen," sagt Mikutina dem STANDARD. Es ist ihr gelungen. So lobte etwa die italienische Ex-Weltmeisterin Carolina Kostner in der ARD die "Leichtigkeit in ihren Bewegungen" zu Ludovico Einaudis Songs Primavera und Experience. Für diese Kür und das Kurzprogramm davor heimste die gebürtige Ukrainerin einen persönlichen Punkterekord ein.

Mikutinas WM-Kür.
Joe Holloway

Nun mag die erste Begegnung laut Romanowa "reiner Zufall" gewesen sein, der Erfolg ist es nicht. "Sie ist sehr diszipliniert. Sie übt Bewegungen so lange, bis die zu 100 Prozent stimmen", sagt die Trainerin. Dazu attestiere sie ihrem Schützling gutes musikalisches Gespür und Ausdrucksstärke. "Wenn ich auf dem Eis stehe, spüre ich jeden Takt mit meinem ganzen Körper", sagt die Athletin selbst.

Von Charkiw nach Feldkirch

Als Vierjährige stand sie in der Ukraine zum ersten Mal auf dem gefrorenen Untergrund: "Ich habe meinem Vater oft beim Eishockeyspielen zugeschaut. Meine Eltern haben mich dann zum Eiskunstlauf gebracht." Erste Titel folgten. Und mit zwölf Jahren eben der Umzug nach Österreich: "Ich konnte kein Wort Deutsch, nicht einmal ‚Hallo‘ sagen." Und auch ans Ländle musste sie sich erst gewöhnen. Charkiw ist eine Millionen- und Industriestadt. Dagegen "ist Vorarlberg ein kleines Dörfchen", sagt Mikutina. Ein Intensivsprachkurs an der Mittelschule half bei der Integration in die neue Heimat, deren Natur sie gerne zeichnerisch festhält. Sportlich fand sie ihr Glück beim Feldkircher Eislaufverein Montfort.

Der Eislaufsport hat’s aber schwer in Österreich. Bis in die 1980er feierte er noch Medaillenerfolge, mittlerweile fristet die Sportart ein Nischendasein. Romanowa führte Viktor Pfeifer zu Olympia 2006. Die Trainingsbedingungen hätten sich seither kaum verbessert. Man habe weder eine Choreografin noch eine Athletiktrainerin. "Wir haben im Internet Übungen rausgesucht, und die hat Olga daheim gemacht."

Mikutina (links) und Trainerin Romanowa wurden bei ihrer WM-Rückkehr in Feldkirch vom FEV-Club und dem Vorarlberger Eislaufverband geehrt.
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Sport und Schule

Mikutina musste in den letzten Jahren Schule und Sport unter einen Hut bringen. Übungszeiten auf dem Eis sind kostbar und hart umkämpft. Oft blieb dem Vorarlberger Duo nur eine Stunde übrig. "Wir hatten das Eis bis 14 Uhr, aber ich hatte Unterricht bis 13 Uhr. Oder danach kam gleich ein Eishockeyteam." Manchmal musste das Gespann daher in die Schweiz ausweichen.

Ausgerechnet die Pandemie half im vergangenen Jahr weiter. Der österreichische Eiskunstlaufverband habe die Eishalle für das Nationalteam früher wiedergeöffnet als manche andere Länder. Es war weniger los. "Wir konnten auch mal dann trainieren, wenn normalerweise Publikumslaufen gewesen wäre", sagt Romanowa. Durch den Schicht- und Onlinebetrieb in der Schule sei Mikutina flexibler – im wahrsten Sinn des Wortes: Vor dem Laptop kann man auch im Spagat sitzen. Neben diesem einstündigen Trockentraining (Kraft- oder Dehnübungen) stand die 17-Jährige zuletzt zwei Stunden täglich auf den Kufen, sechs Tage die Woche.

Romanowa hofft, dass der WM-Erfolg Sponsoren anlockt. Im Vergleich zu Top-Nationen "sind wir amateurmäßig unterwegs". Deshalb sei der achte Rang von Stockholm umso höher einzuschätzen. Die Russinnen etwa, die im Einzel angeführt von Anna Schtscherbakowa einen Dreifachsieg feierten, priorisieren den Sport vor der Schule. "Die schlafen in der Eishalle", sagt Mitukina. Das ginge ihr selbst dann doch zu weit, sie peilt die Matura an. Aktuell besucht sie die sechste Klasse Gymnasium. Danach würde Mikutina gerne studieren. "Weil die Sportkarriere endet eines Tages, und dann braucht man Wissen."

Auch eine WM-Achte fing einmal klein an.
Ivan Daniluk

Die Reife der 17-Jährigen kommt nicht von ungefähr, sie musste früh erwachsen werden. Mikutina lebt mit der Mutter zusammen, der Vater ist als Direktor einer Eishalle in der Ukraine geblieben. "Zuletzt habe ich ihn im Jänner gesehen." Vor allem in der Anfangszeit in Vorarlberg habe sie ihn sehr vermisst. "Er besucht uns circa alle zwei Monate."

Frage der Nerven

Im Vorjahr hat Mikutina die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Die EM in Graz verpatzte sie fiebererkrankt mit vier Stürzen in der Kür. Die Nerven spielten vor den Heimfans wohl auch eine Rolle. Das Zuschauerverbot war bei der WM kein Nachteil.

Die amtierende Staatsmeisterin will eine neue Choreografie einstudieren, an ihrem Schlittschuhtempo arbeiten und beweglicher werden. "Damit ich noch konkurrenzfähiger werde", wird an ihrem ersten Sprung mit vierfacher Rotation gefeilt. Das Ziel ist Olympia in Peking. "Ich will mein Programm schön laufen." Das hat in Stockholm schon gut geklappt. (Andreas Gstaltmeyr, 3.4.2021)