Beim Plastikpfand gibt es das Beste aus beiden Welten nicht. Seit Monaten ringen ÖVP und Grüne um eine Lösung, doch die Ansätze könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Grünen wollten ein Pfand auf Einwegflaschen, eine Herstellerabgabe und eine Mehrwegquote. Die Volkspartei schlug vor, die von der EU eingehobene Abgabe aus dem laufenden Budget zu zahlen, was so auch einberechnet wurde. Der ÖVP-Wirtschaftsbund lehnt ein Pfand gänzlich ab, auch die Wirtschaftskammer (WKO) ist dagegen.

Nun dürfte die Debatte um eine Dimension reicher werden: Offenbar gibt es in der Kammer Überlegungen zu einem digitalen Belohnungssystem für Flaschensammler. Direkt bestätigen wollte das am Freitag niemand.

In Österreich fallen jährlich an die 900.000 Tonnen Plastikmüll an. Wie dieser reduziert werden soll, ist ein noch ungelöstes Problem innerhalb der Koalition.
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Die Idee wurde vage bereits in einem Zehn-Punkte-Plan der WKO angerissen: Dort ist die Rede von "smarten Sammelbehältern": Diese sollen den Werkstoff erkennen und eine Gutschrift auf dem Handy bonieren. Der Bonus soll dann im Handel oder bei Handyfirmen in monetäre Gutschriften umgewandelt werden, ist in dem Papier zu lesen.

Wirtschaftsvertreter haben sich stets gegen Plastik-Pfandautomaten positioniert. Ein digitales Bonussystem würde das Problem umgehen. Darauf angesprochen, wollte man bei der Kammer das Wort "Pfand" nicht in den Mund nehmen, diesen lehne man nach wie vor ab. Bestätigt wurde allerdings, dass Optionen ausgelotet würden, die jenem Zehn-Punkte-Plan entsprächen: "Derzeit wird in Wien getestet, ob Incentives wie Bonuspunkte oder Gewinnspiele die Rückgabebereitschaft der Haushalte beeinflussen", heißt es aus der WKO. Da damit erst kürzlich gestartet wurde, liegen noch keine Ergebnisse vor.

Mit den Tests dürfte eine vor wenigen Wochen präsentierte App gemeint sein. Die Anwendung wurde vom Umwelt- und Entsorgungsmanagement-Unternehmen Reclay und mehreren Getränkeherstellern wie Coca-Cola, Red Bull und Weiteren ins Leben gerufen. Die von dem Bündnis vorgestellte App soll nach eigenen Angaben zu einer Steigerung der Sammelquote führen.

Bonuspunkte statt Flaschenpfand

Über die Anwendung können in einem ersten Schritt gelbe Tonnen in Wien ausfindig gemacht werden. Bevor Konsumenten die Flasche oder Dose entsorgen, müssen sie den Abfallbehälter fotografieren und den Strichcode auf der Verpackung scannen. Dabei werden Punkte gesammelt, um an Verlosungen teilzunehmen. Laut Aussendung spendiert etwa die Hoteliervereinigung einen Gutschein.

Wer Müll trennt, scannt und richtig entsorgt, soll mit Preisen belohnt werden.
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Das ist nur eine der Optionen. Eine weitere im Raum stehende Möglichkeit sind offenbar Sammelbehälter, die so "smart" sind, dass der eingeworfene Müll erkannt wird.

An solchen Lösungen wird in Österreich jedenfalls schon gearbeitet. In den vergangenen Monaten wurden gleich zwei Patente vom steirischen Abfallentsorger Saubermacher angemeldet, die in diese Richtung gehen. Bei einer der eingebrachten Innovation handelt es sich laut Konzernangaben um ein Batterien-Pfandsystem. Zum zweiten Patent, mit dem Namen "Erkennen von Identifizierern an Pfandgut und an Rückgabeeinrichtung (sic!) zum Aktivieren des Pfandguts und zum Auslösen einer Pfandgutschrift", hält sich das Unternehmen bedeckt. Ob sich dieses auf Plastikflaschen bezieht, wollte man bei Saubermacher in der Form nicht bestätigen.

Die Ideen rund um das digitale Sammelsystem kannte die zuständige Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) nach eigenen Angaben nicht. "Ich gehe aber davon aus, dass sie mir bald vorgestellt wird", sagte sie auf Nachfrage. Aus ihrer Sicht müsse ein Pfandsystem für die Wirtschaft verpflichtend und einheitlich sein und für Konsumenten praktikabel. "Ich freue mich, wenn nun auch die Wirtschaftskammer in einem Pfandsystem die Lösung gegen Plastikmüll erkannt hat."

Gewessler will einen Plastikpfand, eine Mehrwegquote und eine Herstellerabgabe durchsetzen.
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Die EU-Richtlinie zu Einwegplastik sieht vor, dass Getränkeflaschen aus Kunststoff bis zum Jahr 2025 zu 77 und bis zum Jahr 2029 zumindest zu 90 Prozent gesammelt werden müssen. In Österreich beträgt die Sammelquote rund 70 Prozent. In zehn EU-Staaten wurde bereits ein Pfandsystem eingeführt, in weiteren acht eine Einführung beschlossen.

Dass in Österreich nach wie vor keine Lösung zur Minderung des Plastikmülls vorliegt, ärgert die SPÖ. In einer parlamentarischen Anfrage erkundigte sich Umweltsprecherin Julia Herr nach dem Fortschritt der türkis-grünen Pläne. Aus der Beantwortung von Gewessler geht hervor, dass noch Dissens zwischen den Koalitionspartner herrscht – etwa bei der Herstellerabgabe. Die Grünen wollen hier Produzenten in die Pflicht nehmen.

Laut Gewessler ist gegen Österreich ein Vertragsverletzungsverfahren anhängig, da die Frist für die Implementierung des Kreislaufwirtschaftspakets verstrichen ist. "Es geht nach wie vor nichts weiter beim Thema Plastik", kritisiert Herr. Für besonders ärgerlich hält sie, dass die Plastikabgabe, die laut SPÖ von Herstellern bezahlt werden sollte, nun von Steuerzahlern gestemmt werden muss. (Nora Laufer, 3.4.2021)