"Die muss doch was davon haben": Dieses Gerücht hört man oft in Zusammenhang mit Vorwürfen zu sexualisierter Gewalt. Doch Betroffene wie Christine Blasey Ford opfern damit vielmehr ihr Privatleben und ihre Sicherheit.

Foto: United States/Reuters

Haben Sie neulich das Interview mit Christine Blasey Ford in dieser berühmten Late-Night-Show gesehen? Wie fanden Sie den neuen Film mit Jany Tempel? Und kennen Sie die Fotoausstellung von Valentine Monnier? Tja, ich auch nicht. All diese Dinge existieren nicht. Christine Blasey Ford ist die Psychologieprofessorin, die im Zuge der Berufung von Brett Kavanaugh zum Obersten Gerichtshof der USA mit Anschuldigung wegen sexualisierter Gewalt gegen ihn an die Öffentlichkeit trat. Jany Tempel ist eine der Schauspielerinnen, die den Regisseur Dieter Wedel wegen Vergewaltigung angezeigt haben – ein Prozess, der nach geschlagenen drei Jahren endlich ins Rollen kommt.

Und auch Valentine Monnier, die französische Schauspielerin und Fotografin, bezichtigt den verurteilten Sexualstraftäter Roman Polanski nichts weniger als der Vergewaltigung.

Pandemische Situation

Sie haben von diesen und vielen anderen Frauen nichts mehr gehört, weil einer der zentralen Einwände gegen die #MeToo-Bewegung schlicht und ergreifend eine Lüge ist: Frauen, so das insbesondere unter Männern gern verbreitete Gerücht, würden mächtige Männer auch und gerade deshalb mit Anschuldigungen eindecken, um die eigene Karriere zu befördern. Sie hätten es auf Aufmerksamkeit, Ruhm, Geld oder vielleicht auch nur auf 15 Minuten im Rampenlicht abgesehen und würden deshalb Vorfälle aufbauschen oder sich ausdenken, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen.

Aus der "Sexualisierte Gewalt gegen Frauen interessiert mich nicht, die sollen gefälligst ihre Schnauze halten"-Kiste ist das zusammen mit der sehr üblichen Täter-Opfer-Umkehrung und dem Reflex, bei jeder Beschuldigung sofort "Falschbehauptung!" zu brüllen, mit das Ekligste, was man hervorkramen kann. Denn es verzerrt die pandemische Situation ubiquitärer Gewalt gegen Frauen zu angeblichen Karriereerwägungen Betroffener und versucht damit, sie und alle anderen Opfer von Übergriffen mundtot zu machen.

Seinen Job nicht mehr ausüben zu können, angefeindet zu werden, Morddrohungen zu erhalten und gezwungenermaßen mehrfach umziehen zu müssen wie Christine Blasey Ford ist aber kein Karrieresprung. Es ist vielmehr das Standardprogramm, mit dem potenzielle Opfer eingeschüchtert und ihre Anschuldigungen lächerlich gemacht werden sollen.

Mit diesem Vorgehen werden die realen Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt, indem unter ihrem Schutz behauptet wird, der Vorwurf der sexuellen Belästigung und/oder sexualisierten Gewalt wäre eine Kugel im gut geölten Lauf der "Wie werde ich den Typ los und komme an seinen Job"-Waffe, über die alle Frauen angeblich verfügen: Einfach bloß behaupten, er hätte mich im Kopierraum vergewaltigt, und zack, schon bin ich stellvertretende Chefredakteurin. Nur kurz fallen lassen, dass er mir unter den Rock gefasst hat, und die Hauptrolle gehört mir. Hier und da ein paar Gerüchte gestreut, und ich bekomme seine Talkshow, eine Gehaltserhöhung, den Job als Auslandskorrespondentin, einen Buchvertrag und ganz, ganz viel Applaus.

In Wahrheit sind solche Anschuldigungen Gift für die eigene Karriere und das Privatleben. In Wirklichkeit dient diese Lüge dazu, sich nicht mit der Tatsache beschäftigen zu müssen, dass Vergewaltigung ein selten angezeigtes Verbrechen ist, das kaum zu Verurteilungen führt.

Sexualisierte Gewalt ist keine randständige Ausnahmeerscheinung, sondern eine der tragenden Säulen unserer Gesellschaft. Wer an ihr rüttelt, muss damit rechnen, sanktioniert zu werden. Wer mit dem Finger auf sie zeigt, wird geächtet. Und ja: Dazu gehört auch, dass es wie bei allen Verbrechen eine Anzahl von Falschbeschuldigungen gibt, die Gift für Karriere und Privatleben der falsch Beschuldigten sind. Falschbeschuldigungen sind Verbrechen und sollten so behandelt werden. Aber warum wird potenziellen Opfern so gerne unterstellt, dass sie womöglich lügen? Wieso sollte mit der Unschuldsvermutung ein Redeverbot einhergehen?

Weshalb sprechen wir eigentlich nicht von "Lynchmorden", wenn Mädchen und junge Frauen sich suizidieren, weil in den sozialen Netzwerken und in ihren Schulen Nacktfotos von ihnen kursieren oder Aufnahmen von sexualisierter Gewalt gegen sie, an denen sich alle ergötzen?

Warum reservieren wir die schärfsten Begriffe, die größte Empörung und das tiefste Mitleid so oft für mutmaßliche Täter und nicht für mögliche Opfer?

Es könnte eine Falschbeschuldigung sein. Es könnte seine Beziehung und seine Karriere ruinieren. Sein Ruf ist vielleicht für immer beschädigt. All das ist möglich und furchtbar. Aber was ist mit ihr? Was ist mit ihrem Ruf, ihrer Beziehung, ihrer Karriere, ihrer Gesundheit, ihrem Leben? Was, wenn alles, was sie sagt, stimmt? Wie furchtbar wäre das denn? Wie entsetzlich wäre es, wenn die Karriereleiter nicht dadurch erklommen werden könnte, dass man Falschbeschuldigungen tätigt, sondern indem man Kolleginnen einschüchtert, sexistische Witze reißt, übergriffig ist und Gewalt ausübt? Wie grauenhaft wäre es, wenn Frauen und Mädchen zu Abertausenden sexualisierte Gewalt erfahren müssten? Jeden Tag. Überall.

Wer immer noch nicht bereit ist, den Konjunktiv in diesen Aussagen zu streichen, hat nichts verstanden und ist Teil des Problems. Denn es ist furchtbar. Es ist entsetzlich. Es ist grauenhaft. Jeden Tag. Überall. (Nils Pickert, 11.4.2021)