Eigentlich sollten in Italien derzeit über 80-Jährige geimpft werden. Dem ist aber nicht so.

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Vergangene Woche ist Mario Draghi der Kragen geplatzt. "Mit welchem Gewissen drängeln sich eigentlich all diese Leute vor, die genau wissen, dass sie mit ihrem Verhalten die über 75-Jährigen und die Vorerkrankten in Gefahr bringen?", lautete seine rhetorische Frage, und sein übliches, ironisches Lächeln war vollständig aus seinem Gesicht verschwunden. Dann donnerte der Premier: "Hört endlich auf, Personen zu impfen, die jünger sind als 60 Jahre, Junge und Jugendliche, 35-jährige Psychologen!" Die Impfkampagne erfordere von allen ein verantwortliches Handeln, Italien stehe vor einer gemeinsamen Herausforderung, betonte Draghi.

Der Grund für Draghis Ausbruch: Es hatte sich herausgestellt, dass von den bis zum vergangenen Freitag landesweit verabreichten knapp zwölf Millionen Impfdosen über 2,2 Millionen an Personen gingen, die noch gar nicht an der Reihe gewesen wären: an Politiker natürlich, aber auch an Richter und Anwälte, an Polizeibeamte, Journalisten. In den Abruzzen wurden auch die Parkwächter geimpft, im süditalienischen Taranto Priester und sogar Seminaristen.

Gleichzeitig hatten erst 3,1 Millionen über 80-Jährige die erste Impfdosis erhalten – 68 Prozent dieser besonders gefährdeten Altersgruppe. Experten sind sich einig darüber, dass dies ein wichtiger Grund dafür sei, warum Italien nach wie vor europaweit zu den Spitzenreitern bei der Zahl der täglichen Covid-Toten zählt.

Kategorie "Andere"

Laut den Weisungen aus Rom hätten in der ersten Phase der Impfkampagne lediglich die über 80-Jährigen, das medizinische Personal sowie Lehrer oder Universitätsprofessoren immunisiert werden sollen. Aber ein wenig Schuld am Missbrauch trägt auch die Regierung selbst: Auf der Liste der zu impfenden Personengruppe figurierte auch die Kategorie "Andere".

Und dies wurde in den Regionen und Kommunen, die für die praktische Durchführung der Impfkampagne zuständig sind, sehr freizügig interpretiert: Geimpft wurden Menschen in Berufskategorien, die über eine starke Lobby verfügen, wichtige Wählergruppen, die "Freunde der Freunde" eben. Die Begründung war immer die gleiche: Es handle sich ebenfalls um Berufe mit "Publikumskontakt". Die Alten und Verletzlichen, die keine Lobby haben, wurden vergessen.

Mafia-Hochburgen besonders betroffen

Draghi will den Wildwuchs bei der Impfkampagne nun beenden. Der von ihm eingesetzte Sonderkommissar, Armee-General Francesco Paolo Figliuolo, hat die Regionen angewiesen, ab sofort nur noch nach Maßgabe des Alters und etwaiger Vorerkrankungen zu impfen. Aktiv geworden sind auch mehrere Staatsanwaltschaften, die bereits Dutzende von offensichtlichen Missbräuchen zur Anzeige gebracht haben. Sogar die parlamentarische Anti-Mafia-Kommission hat sich in Trab gesetzt: Ihr war aufgefallen, dass in den Hochburgen der Cosa Nostra, der Camorra und der 'Ndrangheta besonders viele Personen zu Unrecht eine "Abkürzung" hatten nehmen können.

Doch die Aufregung hat sich damit noch nicht gelegt, im Gegenteil. Denn bei der Impfkampagne geht es nicht nur um gesundheitliche und politische, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Und diese sind zum Teil durchaus nachvollziehbar: So fordern nun die Bürgermeister der sogenannten "kleinen Inseln" wie Capri, Ischia, der Äolischen Inseln, Favignano und Lampedusa die Durchimpfung ihrer gesamten Bevölkerung.

Sie leben zu fast hundert Prozent vom Tourismus und verweisen auf die Konkurrenz der griechischen Inseln, die mit dieser Methode bereits erfolgreich waren und nun die Sommersaison mit den Schlagwort "Covid-free" erfolgreich bewerben – während auf den kleinen Inseln Italiens die Bücher mit den Reservierungen noch leer sind.

"Es geht um das Überleben"

"Wir verlangen keine Privilegien, bei uns geht es um das Überleben", betont Marino Lembo, der Bürgermeister von Capri. Schon im vergangenen Jahr habe man nur zwei Monate arbeiten können; wenn die bevorstehende Sommersaison ausfalle, wäre dies "das Ende". Totò Martello, der Bürgermeister von Lampedusa, weist noch auf einen anderen Punkt hin: "Wir haben hier kein Spital – wenn einer unserer Bürger an Covid erkrankt, muss er von einem Schiff oder einem Hubschrauber auf das Festland gebracht werden. Aber bei Sturm fahren weder Schiffe noch fliegen Hubschrauber."

Angesichts der nur 4.500 Einwohner der Insel müsse eine Massenimpfung doch möglich sein, findet Martello. Insgesamt leben auf Italiens "Isole Minori", den kleinen Inseln, rund 200.000 Einwohner. Landesweit werden derzeit täglich rund 300.000 Impfdosen verabreicht. (Dominik Straub aus Rom, 14.4.2021)