Protestierende versammelten sich bereits zwei Tage hintereinander, um gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze zu demonstrieren.

Foto: AP / Richard Tsong-Taatarii

Tim Walz, der Gouverneur Minnesotas, versuchte erst gar nicht, seinen Frust zu verbergen. Es sei dringend geboten, Reformen zu beschließen, mahnte er, nachdem eine anfangs harmlos scheinende Polizeikontrolle schon wieder mit dem Tod eines Afroamerikaners endete. Bereits im Mai vor einem Jahr, nach der Tötung George Floyds, hätte das Parlament seines Bundesstaats handeln müssen, betonte der Demokrat.

Und nun, ausgerechnet während des Verfahrens in Sachen Floyd, während eines Prozesses, auf den die Welt schaue, passiere es wieder. Ein Zwanzigjähriger, Daunte Wright, tot, eine Familie am Boden zerstört, eine Stadt, in der die Nerven blankliegen.

Wieder ist es ein Video, das eine Protestwelle ins Rollen bringt. Aufgenommen von der Body-Cam einer Polizistin, dokumentiert es eine Tragödie in Brooklyn Center, einem Vorort von Minneapolis. Nach Darstellung der Behörden war Wright angehalten worden, weil mit den Nummernschildern des Buick, in dem er saß, etwas nicht stimmte. Die Zulassung war abgelaufen, wobei aufgebrachte Bürger darauf verweisen, dass die Zulassungsbehörde, die pandemiebedingt lange nur im Notbetrieb arbeitete, Monate im Verzug ist.

Die Tötung von Daunte Wright führte zu Demonstrationen in Minneapolis
DER STANDARD

Duftspender am Spiegel

Als sich ein Beamter dem Fahrzeug näherte, entdeckte er zudem einen Duftspender, der am Rückspiegel baumelte: In Minnesota ist es verboten, etwas an den Rückspiegel zu hängen. Schließlich ergab eine Computerrecherche, dass es wegen einer kleineren Straftat einen nicht vollstreckten Haftbefehl gegen Wright gab.

Er musste aussteigen, ein Polizist legte ihm Handschellen an, doch bevor die klickten, riss sich Wright los, sprang ins Auto und machte offenbar Anstalten davonzufahren. In dem Moment, auch das dokumentiert das Video, warnte ihn eine Uniformierte namens Kim Potter, dass sie von ihrer Elektroschockpistole Gebrauch machen werde. "Taser! Taser! Taser!", schrie sie, bevor sie feuerte. Und dann: "Holy shit, I shot him."

Versehentliche "Schussabgabe"

Potter hatte ihren Elektroschocker mit ihrer Dienstwaffe verwechselt und aus dieser einen Schuss abgegeben. Die Kugel muss Wright, den Vater eines zweijährigen Buben, tödlich getroffen haben. Rettungssanitäter konnten nichts mehr tun. Tim Gannon, der Polizeichef von Brooklyn Center, sprach von einer versehentlichen "Schussabgabe".

Katie Wright, Dauntes Mutter, beschrieb im Interview mit einem Lokalsender, wie sie die Eskalation aus der Ferne erlebte. Ihr Sohn, schilderte sie, habe angerufen, um nach der Versicherung für das Auto, ein Geschenk seiner Eltern, zu fragen. "Ich hörte, wie ein Officer sagte, ‚legen Sie das Handy weg und steigen Sie aus. Daunte, renn nicht weg‘, sagte er als Nächstes, während ein anderer wiederholte, er solle das Telefon aus der Hand legen." Die Verbindung brach ab.

Verhandlung gegen Chauvin

Eine Routinekontrolle, die völlig aus dem Ruder läuft: Dergleichen hat sich schon zu oft wiederholt, gerade wenn Menschen mit dunkler Haut hinterm Lenkrad sitzen. Der Fall erinnert an Walter Scott, einen Afroamerikaner aus South Carolina, der Ostern 2015 gestoppt wurde, weil eines der Bremslichter seines alten Mercedes nicht funktionierte. Aus Angst vor einer Verhaftung trat Scott die Flucht an, worauf der Polizist, der ihn gestoppt hatte, mehrfach auf seinen Rücken zielte. Nun Daunte Wright.

Einen schlechteren Zeitpunkt hätte es nicht geben können, meint Mike Elliott, der schwarze Bürgermeister von Brooklyn Center. In Minneapolis geht die Verhandlung gegen Derek Chauvin, den Beamten, der sein Knie neun Minuten lang in den Nacken George Floyds drückte, in ihre letzte Phase. Die Nerven sind so schon zum Zerreißen gespannt, denn ein mildes Urteil könnte Unruhen provozieren.

"Bin ich der Nächste?"

Brooklyn Center wurde trotz einer von 19 bis 6 Uhr geltenden Ausgangssperre zwei Abende hintereinander Schauplatz heftiger Proteste. Dutzende versammelten sich, Parolen skandierend, vor der Polizeistation. "Bin ich der Nächste?", war auf Postern zu lesen. In der Nähe plünderten Trittbrettfahrer des Aufbegehrens Supermarktfilialen. US-Präsident Joe Biden rief dazu auf, Ruhe zu bewahren. Friedliche Demonstrationen seien verständlich, sagte er, für Plünderungen gebe es aber keine Rechtfertigung. (Frank Herrmann aus Washington, 13.4.2021)