Legt euch quer wie die Ever Given, dieser schiffgewordene Bartleby, jener Büroangestellte in Melvilles Erzählung, der eines Tages seinem Chef sagte: "I would prefer not to ..."

Foto: AP / Planet Labs Inc.

Sechs Tage, von 23. bis 29. März 2021, verpfropfte ein Schiff den Suezkanal und führte mit dieser Thrombose der Welt die Fragilität ihrer globalen ökonomischen Vernetzung vor Augen. Die Blockade durch den 224.000 Tonnen schweren Containerfrachter Ever Given ließ die Ölpreise steigen und unterband täglich einen Warenverkehr im Wert von neun Milliarden US-Dollar. 90 Prozent des internationalen Güter- und Rohstofftransfers erfolgen auf dem Seeweg, zwölf Prozent durch den Suezkanal.

Mehr als das löste dieser scheinbar harmlose Unfall in der durch die Corona-Krise sensibilisierten und gleich dem trägen Ozeanriesen aus ihrer herkömmlichen Bahn gedrehten Weltbevölkerung eigenartige seelische Impulse aus und lädt zu allerlei allegorischem Seemannsgarn ein, das durchaus auch die Realität, die nun einmal eine materielle ist, zu umgarnen fähig wäre.

Man sagt, der deutsche Modephilosoph Byung-Chul Han habe das Ereignis zum Anlass genommen, sofort das erste Kapitel seines neuen Werks Materialmüdigkeitsgesellschaft in die Tasten zu hauen. Doch ich, ein wendiger Ein-Zentner, bin schneller und lege diese Worte nieder, ehe auch ich mich querlegen werde.

Rule, Djibouti! Djibouti rule the waves

Die Ever Given: ein Schulschiff globalisierter Gewinnteilung und Kostenvermeidung. Eigentümerin ist die japanische Leasingfirma Shoei Kisen Kaisha. Betrieben wird das Schiff von der taiwanesischen Evergreen Marine und der deutschen Bernhard Schulte Shipmanagement, einer Tochtergesellschaft der Schulte Group in Hamburg. Der interessanteste Aspekt dieser internationalen Joint Ventures aber liegt in der hübschen Flagge, die auf ihrem Heck flattert. Es ist die Nationalfahne Panamas.

Historiker fremder Galaxien, die einst aus den Artefakten der gegen das Ufer gefahrenen Zivilisation des Blauen Planeten deren Geschichte rekonstruieren, werden möglicherweise zu dem Fehlschluss verleitet, die USA, Deutschland, Japan und Großbritannien hätten gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihre Flaggen gestrichen und die Sieben Meere neuen Herren, nämlich Djibouti, Bahamas, Luxemburg, Gibraltar, Antigua, Barbuda und – Panama überlassen, zumindest fahren ein Großteil der internationalen Handelsflotten unter deren Farben.

In Wirklichkeit handelt es sich, wenn schon nicht um "false flags", so doch um sogenannte "flags of convenience", wie sie im internationalen maritimen Jargon mit treffendem Zynismus genannt werden. Man spricht auch von "Ausflaggung".

Wendigkeit des Kapitalismus

Der neomerkantilistische Freibeuter Nummer eins, die Republik Deutschland, die ihr Wirtschaftswunder auf Export, Niedriglöhnen und einem Hinterhof namens EU gründet, deren Vasallenstaaten durch eine gemeinsame Währung erfolgreich an der Abwertung ihrer einstigen Landeswährungen gehindert werden konnten, verfährt auf hoher See nicht anders als im Hinterland seiner Häfen. Nur 14 Prozent der deutschen Handelsflotte fahren unter deutscher Flagge.

Wendig, wie der Kapitalismus nun einmal ist, dachte sich auch das deutsche Transportwesen, "wie schön ist Panama", und umschiffte mit der Registrierung ihrer Frachter dortselbst nationale Lohntarife, Steuern sowie Öko- und Sozialstandards.

Trotz bitterer Konkurrenz sitzt dieses System aber weltweit im selben Boot, wie die Besitz- und Leasingverflechtungen der Ever Given zeigen, deren 25 Matrosen als Inder – so steht zu befürchten – für keinen höheren Stundenlohn denn zwei Euro arbeiten. Zur Aufrechterhaltung seiner Konkurrenzfähigkeit muss dieses Boot aber nicht nur Hungerheuer zahlen, sondern viel Dreck ablassen.

Ruß als Klimatreiber

Ein einziges Frachtschiff verbraucht am Tag 200 Tonnen Schweröl, den am meisten umweltschädigenden Treibstoff, es spuckt Schwefeloxide, Feinstaub, Stickoxide und Ruß in die Luft und lässt permanent Öl ab, so es nicht auf Grund geht (was im Schnitt einmal täglich passiert) und seine fossilen Schätze dem Ozean schenkt.

Ruß gilt nach CO2 als zweitschlimmster Klimatreiber, zehntausende Menschen jährlich sollen allein in Europa an den Folgen der von der Seeschifffahrt emittierten Rußpartikelchen sterben. Die 20 größten Frachter stoßen gleich viel Schwefeloxid aus wie alle Autos weltweit.

Eine sublime Poesie strahlt das sich querlegende Schiff in seiner traurigen Festgefahrenheit aus. Man muss weder Gottesanbeterin noch Esoteriker sein, um seine geheime Botschaft lesen zu können. Wer hätte gedacht, dass es ein Containerfrachter sein würde, der den ersten Schritt tut, für den wir zu feige und funktionabel sind.

Dunkle Geheimnisse

Dunkle Geheimnisse umwehen das Schiff. Vor seiner Einfahrt in den Suezkanal schlug es plötzlich einen völlig sinnlosen Zickzackkurs ein und zog mysteriöse Schleifen übers Rote Meer. Erst das Trackingportal vesselfinder.com erkannte vom All aus das Muster dieser scheinbaren Irrfahrt, und das Ergebnis war ebenso verblüffend wie verstörend: Die Ever Given hatte einen riesigen Penis samt Hoden aufs Blau des Roten Meeres gezeichnet.

Die Welt staunte und lachte, dauersexualisierte Uncorrectness-Tracker unterstellten dem Kapitän sogar infantil-sexistische Absicht. Doch konterte deutsche Nüchternheit in Gestalt des Geschäftsführers des deutschen Bundesverbands der See- und Hafenlotsen, Kapitän Uwe Jepsen: Mit einem 400 Meter langen Schiff sei das ein Ding der Unmöglichkeit.

Nein, Skipper und Schiff waren selbst nur Medium einer höheren Macht, die ohne Zweifel eine Faust mit ausgestrecktem Fuckfinger malen wollte. Und ganz gleich, ob es sich um den Stinkefinger Gottes, eines ermatteten Weltgeists oder geschundener Menschheit und Natur handelt, so ist doch kein Meister vom Himmel gefallen, und für den ersten Versuch war es gar nicht schlecht.

Wachrütteln

Man hätte schon auf ihre Hilferufe hören sollen, als die Ever Given am 9. Februar 2019 bei der Hamburger Schiffsanlegestelle Blankenwerder die zum Zeitpunkt der Anschubsung unbemannte Fähre Finkenwerder anschubste. Und eines war klar: Die Ever Given wollte nicht töten, sie wollte wachrütteln.

Alles Zufall? Am Morgen des 27. März legte sich dann ein Lastwagen, der einen Schiffscontainer der Evergreen-Reederei geladen hatte, auf der Changchun-Shenzhen-Autobahn bei Nanjing quer und verursachte einen kilometerlangen Stau. Und das ist erst der Anfang einer Kette von Querlegungen, die als "Evergivenisms" in die Geschichte des zivilen Widerstands eingehen könnten.

Denn sind wir nicht alle mit heteronomen Bürden beladene Containerschiffchen, die sinnlosen Kurses zur Aufrechterhaltung eines selbst havarierten Systems auf einem Meer der Hoffnungen und Enttäuschungen in infantiler Regression Pimmel oder aber den Fuckfinger des Ich-mag-nicht-mehr zeichnen wollen?

We all live in a rusty container ship

Viel wird darüber gezetert, dass sich der berechtigte Unmut der Massen nicht in Revolutionen oder zumindest demokratischem Widerstand der politischen Vernunft entlädt, sondern in rechten Ressentiments. Doch übersieht das die gähnende Mehrheit der Passiven, denen sogar dazu die Kraft fehlt.

Schätzen wir die Genossenschaft dieser Verwirrten nicht gering, die keine Whistleblower sein mögen, aber schlicht darauf pfeifen und sich einfach querlegen könnten, das Beste, was sie im Augenblick zu leisten fähig wären, um den automatisierten Verkehr von Kapital und Plunder zu blockieren.

Verantwortungsloser "Radical Chic", werden die Klassensprecher der konformen Vernünftigkeit dagegenhalten, ihnen solche Flausen in den Kopf zu setzen, und gar nicht witzig, bedenkt man, welche fürchterliche wirtschaftliche und somit soziale Folgen solch Verweigerung zeitigen würde. Doch wäre das nichts als die gleiche Argumentation, die vor dem Jobverlust von Todeszellenelektrikern, Torpedoschleiferinnen und Schiffsstewards auf der Titanic warnt.

Nein, legt euch quer wie unsere neue Popikone, die Ever Given, dieser schiffgewordene Bartleby, jener Büroangestellte in Herman Melvilles Erzählung, der eines Tages seinem Chef sagte: "I would prefer not to ..."

Nie, muss ich gestehen, habe ich ein Schiff mehr geliebt, und ich hätte es in dieser denkwürdigen Märzwoche umarmen und küssen können, wäre ich nicht Gefahr gelaufen, es durch meine Inbrunst aus seiner vorbildlichen Position zu schieben, und den aufgestauten Kähnen mit ihrem Erdöl und Plunder wieder freie Fahrt zu gewähren, diesen Flaggschiffen des "most productive but destructive economical systyem ever given". (Richard Schuberth, 18.4.2021)