Die Nase gehört zu den auffälligsten Organen. Und wurde dennoch lange grob unterschätzt.
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Es kann der Duft von Kuchen im Ofen sein, von Regen auf heißem Asphalt, eine bestimmte Sonnenmilch: Schon eine flüchtige Note kann uns schlagartig an einen anderen Ort bringen, Bilder vor unserem Auge abspulen und Wohlbefinden hervorrufen – genauso wie Ekel. Kein menschlicher Sinn ist so eng mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft wie der Geruchssinn. Und kein Sinn ist so wenig beachtet und unterschätzt.

Das hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie geändert. Welche Bedeutung der Geruchssinn für die Wahrnehmung hat, wird schließlich oft erst bewusst, wenn er nicht mehr da ist: Geruchs- und Geschmacksverlust beziehungsweise eine starke Beeinträchtigung beim Schmecken und Riechen gehört zu den häufigsten Symptomen von Covid-19. Etwa 60 bis 80 Prozent der Infizierten dürften davon betroffen sein, insbesondere Menschen mit ansonsten milden Symptomen.

"Wenn jemand nicht mehr sehen oder hören kann, ist das viel offensichtlicher als der Verlust des Geruchssinns", erklärt Johannes Frasnelli die gemeinhin unterschlagene Relevanz des Riechens. Der aus Südtirol stammende Geruchsforscher hat an der Med-Uni Wien studiert und ist seit 2014 an der Universität von Quebec in Kanada tätig, wo er an den Wechselwirkungen von Geruchssinn und kognitiven Funktionen forscht.

"Jedes Haus, jeder Freund hat einen spezifischen Geruch", sagt der Neurowissenschafter Johannes Frasnelli.
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Sinn für Lebensqualität

Obwohl es weitgehend unbewusst passiert, erfüllt das Riechen eine Reihe wichtiger sozialer Funktionen – ganz abgesehen von seiner evolutionär angelegten Warnfunktion, die vor Gefahren und Giftstoffen schützt. Der Geruch trägt entscheidend zum Geschmackserlebnis beim Essen bei und ist auch ansonsten wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Menschen, deren Geruchssinn gestört ist, haben oft Ängste und depressive Verstimmungen. Umgekehrt führen Depressionen oft zu Riechstörungen.

"Man verliert nicht nur die Freuden im Leben, es kann auch ein Problem sein, die eigenen Kinder oder den Partner nicht mehr riechen zu können und nicht zu wissen, ob man selbst vielleicht ungewaschen riecht", sagt Frasnelli. Schließlich ist der Geruch ein subtiler, aber ständiger Begleiter und führt dazu, dass wir uns in der Gesellschaft zurechtfinden und buchstäblich zu Hause fühlen. "Jedes Haus, jeder Freund hat einen spezifischen Geruch."

War zu Beginn der Pandemie noch unklar, warum Sars-CoV-2 zu einer Anosmie – so der Fachausdruck für den Geruchsverlust – führt, konnten Forscher der Harvard Medical School in Boston im vergangenen Sommer den Mechanismus dahinter aufklären. Demnach kann das Virus nicht wie zuvor angenommen die Sinneszellen in der Riechschleimhaut selbst infiltrieren. Vielmehr werden die Stützzellen befallen, die die Riechzellen nähren und unterstützen. Die Stützzellen bilden nämlich im Gegensatz zu den Riechzellen das Protein ACE2 – jenes Protein, das das Coronavirus braucht, um an eine Zelle andocken und in sie eindringen zu können.

Regenerationsfähigkeit

"Zellen mit diesem Protein finden wir in ganz verschiedenen Geweben im Körper, in der Lunge, in den Gefäßen, im Magen-Darm-Trakt und eben auch im Riechepithel, jenem Teil der Nasenschleimhaut, der für das Riechen zuständig ist", sagt Frasnelli. Weil das Virus hauptsächlich über die Atemwege eindringt, ist die Nase oft die erste Stelle, wo das Virus mit den Zellen interagieren kann. Werden die Stützzellen durch das Virus zerstört, werden auch die Riechzellen geschädigt und verlieren ihre Funktion.

Blümchenteppich in der Nasenschleimhaut: Die gelben Riechzellen sind von zahlreichen Riechhärchen, den Zilien, umgeben. Auf letzteren befinden sich die Riechrezeptoren.
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"Wir wissen aber auch, dass die Zellen sich sehr gut aus den Stammzellen regenerieren können, die sich ebenfalls im Riechepithel befinden", sagt der Mediziner und Neurowissenschafter. "Das erklärt auch, dass bei den allermeisten der Geruchssinn nach der Erkrankung wieder zurückkommt." Warum das bei manchen nicht der Fall ist, ist noch nicht hinlänglich erforscht. Möglicherweise werden hier Stammzellen, die ebenfalls das ACE2-Protein produzieren, befallen und sterben ab. Eine andere Hypothese besagt, dass das Virus in übergeordnete Zentren im Gehirn, etwa in den Riechkolben, wandern könnte und dort Nervenzellen schädigt.

Wie häufig eine Riechstörung infolge einer Corona-Infektion auftritt und wie sie verläuft, ist auch Gegenstand einer Studie, die Christian Müller, Leiter der Ambulanz für Riech- und Schmeckstörungen an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten der Med-Uni Wien, durchführt.

Langzeitstörungen

Von insgesamt rund 250 Patienten, die bisher teilnehmen, wurden etwa 70 durchschnittlich sieben Monate nach Auftreten des Geruchsverlustes mit einem umfassenden Riechtest untersucht. "75 Prozent von ihnen hatten nach wie vor eine verminderte Riechwahrnehmung, fünf Prozent noch einen kompletten Verlust des Geruchssinns", berichtet Müller. "Es sind also viele, die eine Langzeitriechstörung haben."

Auffällig an den ersten Zwischenergebnissen sei auch, dass im Lauf der Studie immer mehr Menschen eine Parosmie, also fehlerhaftes Riechen, entwickeln. "Die Betroffenen riechen dann etwa anstatt von Kaffeeduft etwas ganz anderes. Meist sind es unangenehme Gerüche, die wahrgenommen werden, also etwa der Geruch von Fäkalien, von Verbranntem, von Verdorbenem oder auch von Seife", sagt Müller.

Das liegt daran, dass Gerüche wie der von Kaffee sehr viele Duftstoffe enthalten. Fehlen einzelne Rezeptoren, erhält das Gehirn ein unvollständiges Bild und interpretiert den Geruch falsch. "Wir gehen davon aus, dass das ein Zeichen für eine Regeneration ist und sich der Geruchssinn bei der Mehrzahl der Betroffenen normalisiert", sagt Müller. Wie lange es dauert, soll die langfristig angelegte Studie noch klären.

Feine Unterschiede

Ebenso ungeklärt ist die Frage, warum insbesondere Frauen häufiger unter Covid-bedingten Riechstörungen leiden – und wie das damit zusammenhängen könnte, dass Frauen generell eine feinere Nase zu haben scheinen oder Gerüche zumindest besser benennen können, worauf zahlreiche Studien zu olfaktorischen Fähigkeiten hindeuten.

"Tierversuche haben gezeigt, dass ein guter Geruchssinn bei Virusinfektionen eine stärkere Immunantwort triggert – auf Kosten des Riechvermögens", schildert Müller. Ob das beim Menschen ähnlich funktioniert, sei noch unklar. Schon vor Covid sei bekannt gewesen, dass hauptsächlich Frauen nach der Menopause nach viralen Infekten in den Atemwegen Riechstörungen bekamen, sagt Johannes Frasnelli. "Man geht also davon aus, dass auch Hormone hier eine gewisse Rolle spielen."

Mittlerweile belegt ist, dass der Mensch generell über einen weitaus besseren Riecher verfügt als angenommen. Die lange Vernachlässigung des Sinns geht darauf zurück, dass die Wissenschaft im 19. Jahrhundert unsere olfaktorischen Leistungen im Vergleich zum Tierreich geringschätzte. "Man dachte, dass nur triebgesteuerte Tiere darauf angewiesen seien", sagt Frasnelli. Später kursierte die Zahl von 10.000 verschiedenen Düften, die der Mensch unterscheiden könne. 2014 errechneten Forscher, dass die menschliche Nase eine Billion Gerüche erkennen könne.

Proust-Effekt

"Keiner kennt die genaue Zahl, sie ist aber auf jeden Fall unglaublich hoch", sagt Frasnelli. "Wir müssen uns nicht verstecken im Vergleich zu Tieren. Man denke nur an die Leistungen von Sommeliers oder Parfümeuren. Wie wichtig der Geruchssinn für uns ist, sieht man auch daran, dass viele Produkte mit Gerüchen beworben werden, nicht nur Pflegeprodukte und parfümiertes Toilettenpapier." Frasnellis Buch "Wir riechen besser als wir denken" (Moden-Verlag 2019) wurde 2020 vom Wissenschaftsministerium als "Wissenschaftsbuch des Jahres" ausgezeichnet.

Riechen ist jedenfalls der älteste der Sinne. Im Gegensatz zu Sehen und Hören, die exklusive Areale im Gehirn besetzen, werden Riechreize im limbischen System, einem entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil des Gehirns, verarbeitet. In ebendiesem Bereich ist auch die Verarbeitung von Gefühlen und neuen Gedächtnisinhalten verankert. Kein Wunder, dass Gerüche so intensive Gefühle und Erinnerungen wecken können – ein Phänomen, das auch bekannt ist als Proust-Effekt.

Durian: In Asien eine Delikatesse, in hiesigen Breiten schlicht eine "Stinkfrucht".
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Außerdem ist der Geruchssinn der einzige unserer Sinne, der weitgehend durch Erfahrung erworben wird. "Nichts stinkt von Natur aus. Auch Fäkalien oder Urin nicht", beschreibt es der deutsche Geruchsforscher und Zellphysiologe Hanns Hatt im Magazin "Geo". "Eltern prägen ein Kind von früh auf dadurch, dass sie sagen: Du schweißelst, du stinkst, jetzt wasch dich mal. Du hast hier ein Pfui gemacht."

Dass die Nase hauptsächlich kulturell vorherrschenden Gewohnheiten folgt, zeige auch, dass etwa die Durianfrucht, die in Südostasien als Delikatesse gilt, von Europäern als "Stinkfrucht" wahrgenommen wird, während umgekehrt ein würziger Bergkäse in anderen Weltregionen einen Brechreiz hervorruft, fügt Frasnelli hinzu.

Unverwechselbarer Körpergeruch

Bei der ununterbrochenen chemischen Kommunikation, die jeden Atemzug begleitet, spielt auch der ganz charakteristische Eigengeruch eines jeden Menschen eine Rolle. "Der Grundkörpergeruch besteht aus Duftstoffen, die über die Schweißdrüsen in der Haut, im Achsel- und im Anogenitalbereich produziert werden", sagt Frasnelli. "Dieser spezielle Cocktail aus Substanzen ist wie ein unverwechselbarer Fingerabdruck." Diese Ausdünstungen können über Sympathie und Antipathie entscheiden und die sexuelle Anziehungskraft steuern.

Studien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass der Geruch auch einen Einfluss auf die Partnerwahl haben könnte: So fühlten sich Sexualpartner von Personen angezogen, bei denen bestimmte Gene zur Krankheitsabwehr stark voneinander abwichen – was die Widerstandsfähigkeit des Nachwuchses gegen Krankheiten erhöht. Mittlerweile relativieren Forscher aber diese Theorie, zu viele andere Faktoren sind im Spiel. Wenn Partner sich gut riechen können, ist es aber jedenfalls beziehungsfördernd.

Stinkbomben und Angstschweiß

Die individuelle Note des Riechens ist wohl auch dafür verantwortlich, dass die Wissenschaft noch keinen Duft gefunden hat, den alle Menschen lieben oder auch hassen. Bis jetzt konnte trotz mehrerer Versuche keine Armee eine Stinkbombe entwickeln, die als eine Art Kriegswaffe oder als Ersatz für Tränengas eingesetzt werden kann.

Dagegen scheint Angstschweiß zumindest eine emotionale Wirkung zu haben. "Es gibt Studien, in denen Menschen, die den Schweiß von Fallschirmspringern einatmen, einen Horrorfilm als gruseliger wahrnehmen", gibt Frasnelli ein Beispiel für experimentelle Geruchsforschung. Forscher vermuten, dass Gerüche in evolutionär gesehen auch dazu dienen, die Gefühle einer Gruppe zu synchronisieren.

Johannes Frasnellis "Wir riechen besser als wir denken" wurde 2020 als "Wissenschaftsbuch des Jahres" ausgezeichnet.
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Frasnelli selbst will in seiner Forschung aufdecken, was das Riechen im Gehirn bewirkt – und vor allem, was passiert, wenn der Geruchssinn abhandenkommt. "Wir untersuchen, inwieweit Veränderungen des Gehirns den Geruchssinn beeinflussen, und umgekehrt, wie Riechstörungen eine Aussage über den Zustand des Gehirns erlauben", sagt der Neurowissenschafter.

Signalwirkung

Schließlich hatten schon vor Corona rund 20 Prozent der Menschen eine Beeinträchtigung beim Riechen – oft ohne es zu bemerken. Verantwortlich dafür sind unter anderen Ursachen neurologische Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. "Hier treten erste Riechstörungen schon bis zu 15 Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit auf. Wir arbeiten daher an speziellen Riechtests zur Früherkennung", sagt Frasnelli.

Für den Forscher liegt in der Corona-Krise auch eine Chance, die Geruchsforschung voranzutreiben – und mehr Bewusstsein für die Feinheiten der Nase zu schaffen, deren Arbeit oft noch immer nicht so gewürdigt wird, wie sie es verdient hätte. (Karin Krichmayr, 23.4.2021)