Sophie und Paul sind sieben Jahre alt. Sie sind Zwillinge – und meine Nachbarn. Auch wenn es an und für sich ein No-Go ist, einen journalistisch – hoffentlich – sauberen Artikel mit einer Ich-Erzählung zu beginnen, beginnt diese Geschichte genau so.

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Händeschüttteln, eine Umarmung, ein Bussi auf die Wange: Werden wir einander in Zukunft wieder so begrüßen? Oder bleiben wir einander fern?
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Sophie und Paul sind nämlich nicht bloß Tür-an-Tür-Nachbarn. Ihre Eltern und ich teilen uns einen (deshalb) ziemlich großen Balkon. Für die Kinder war weder mein Balkonbereich noch meine Balkontüre je "off limits". Klar, bevor sie reinschneien, klopfen sie. Meistens. Die Eltern tun es immer: In meinem Abstellraum lagert ihr Winter- und Skizeugs. Drucker, Tiefkühler, Wifi und dergleichen teilen wir. Als absehbar war, dass das Homeschooling im Frühherbst länger dauern würde, fuhren meine Nachbarn aufs Land. Hund und Kinder genossen es – und arbeiten kann man in manchen Jobs ja von überall.

Als sie dann wieder nach Wien kamen, standen Sophie und Paul plötzlich neben mir. So wie immer. Sie tauchten neben meinem Schreibtisch auf, schauten mir über die Schulter und plapperten. Ob ich auch Homeschooling gehabt hätte. Wieso ich nicht mit auf dem Land war. Ob ich "den lieben alten Mann" am Bildschirm auch so möge (Alexander van der Bellen hielt gerade eine Rede). Wir lachten. Ich freute mich. Trotzdem: Irgendwas passte nicht.

Erst als die beiden weg waren, fiel mir auf, was: Die Kinder waren dicht neben mir gestanden. Sechs Schultern auf gleicher Bildschirmhöhe. Wenn überhaupt, waren 15 Zentimeter zwischen Sophie, Paul und mir: 15 Zentimeter! Früher wäre das niemandem aufgefallen. Aber heute?

Heute, sagt Ulrike Zartler, sei ich nicht der Einzige, der Distanz anders wahrnimmt als früher: "Wenn wir uns Filme oder Bilder anschauen, die vor eineinhalb Jahren aufgenommen wurden, sind wir von der darin ganz selbstverständlichen Nähe zwischen Menschen vollkommen überrascht." Zartler ist Familiensoziologin an der Uni Wien. Wie sich Distance-Learning und Homeoffice auf Familien – mit besonderem Fokus auf Frauen – auswirken, beobachtet sie seit gut einem Jahr. Unter anderem mit der Langzeitstudie "Corona und Familien", die seit der ersten Woche des ersten Lockdowns läuft (März 2020).

Nähe wird als gefährlich empfunden

Wie sich das Abstandsverhalten, die Wahrnehmung von Nähe und Distanz im Laufe dieser Zeit verändert haben, ist kein zentraler Teil des Studiensettings. Dennoch, betont die Wissenschafterin, spiele das neue Gefühl für nah und fern da eine wichtige Rolle: "Wir befinden uns in einer Situation, in der sich soziale Normen verändern. Das verändert auch unsere soziale Interaktion." Am schnellsten – und nachhaltigsten – bei Kindern: "Wir beobachten zum Beispiel, dass Kinder Fangenspiel-Spiele entwickeln, die ohne Berührung ablaufen. Von sich aus – weil man einander ja nicht mehr zu nahe kommen darf." Das sei "kreativ, aber auch erschreckend".

Das ohnehin schon schale Lächeln gefriert aber, wenn die Soziologin von anderen kindlichen Distanz-Symptomen erzählt: "Das Learning, dass Nähe und Berührungen gefährlich sind, geht so weit, dass Kinder sich selbst als Gefahr wahrnehmen: ‚Die Großeltern sterben, wenn ich sie berühre‘", das sitze bei etlichen mittlerweile tief. Ob Distanz dann mit "Babyelefant" oder "zwei Metern" definiert wird, sei auch schon egal: "Wissen Sie, wie weit zwei Meter für ein 1,20 kleines Kind sind? Und wie weit sich das dann bei ‚nahestehenden‘ Personen anfühlt?"

Nicht nur für Kinder ist Distanz auch etwas Subjektives: Welche Distanz, welcher Abstand zu welcher Person als angenehm, bedrohlich, sicher oder entfremdend erlebt wird, ist gut erforscht. Als Vater der sogenannten Proxemik gilt der 2009 verstorbene US-Anthropologe Edward T. Hall. Er definierte in den 1960er-Jahren vier persönliche Distanzzonen, in denen derjenige, der sie betritt, bestimmte soziale, psychische und physische Reaktionen beim Gegenüber auslöst.

Auch wenn Hall in seinen Arbeiten betonte, dass diese Werte zwar biologisch bestimmt seien, aber doch massiv von Kontext, ethnischem Hintergrund und Kultur beeinflusst würden, werden in unseren Breiten meist die vom Architekturpsychologen Paul Bär 2008 definierten Distanzmaße verwendet, um – etwa in Benimmguides oder im Gastro- und Eventdesign – den "richtigen" Abstand zu wahren: Die "intime Distanz" reicht demnach etwa 45 Zentimeter weit, die "persönliche" einen Meter. Dann – bis 3,60 Meter – folgt die "soziale Distanz". In dieser Zone sind körperliche Berührungen ausgeschlossen. Weiter weg beginnt dann die "öffentliche Distanz": Gesichter können nicht mehr wahrgenommen werden, "man bleibt einander fern und fremd", erklärt die Wiener "Stadtpsychologin" Cornelia Ehmayer-Rosinak.

Doch während das Unterschreiten der jeweils als situativ "richtig" empfundenen Abstände im urbanen Prä-Corona-Alltag – etwa in der U-Bahn oder im Supermarkt – als unangenehm erlebt wurde, ändere sich diese Wahrnehmung oft, sobald aus freiwilliger verordnete Distanz wird. "Klar: Menschen, denen das Bussi-Bussi oder Antatschen auf die Nerven geht, sind jetzt mitunter sogar happy", sagt Ehmayer-Rosinak. Doch das Pendel schlage vor allem in die Gegenrichtung aus: "Physische Distanz wird, wenn sie erzwungen wird, sehr rasch zu psychischer Distanz" – und damit zu einer echten Belastung.

Zum einen, weil das Stillen des sogenannten "Skin Hungers", also der Sehnsucht nach Berührung, hilft, mit dem Alltag besser zurande zu kommen: Nicht nur Umarmungen, schon ein banaler Händedruck triggert mitunter die Ausschüttung von stressmindernden Hormonen wie Oxytocin oder dem Gute-Laune-Neurotransmitter Dopamin. Nur: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem die Hand geschüttelt? Einen Freund oder eine Freundin umarmt? Ellbow- oder Heel-Bumps und ähnliche Tanzeinlagen sind kein probater Ersatz für echten, physischen Kontakt. Ebenso wenig sind es in diversen US-Serien zu Beginn der "Distancing"-Kampagnen ganz offensichtlich als "erzieherische Maßnahme" implementierte Selbst-Umarmungen, die aber rasch wieder aus den Drehbüchern verschwanden: Da standen einander Menschen im Zwei-Meter-Abstand gegenüber, streichelten sich jeweils selbst mit überkreuzten Armen den Oberarm und strahlten einander glückselig an. Leicht bizarr mutete auch ein Vorschlag an, den die isländische Forstaufseherin Bergrun Arna Thorsteinsdottir ihren distanzgeschädigten Landsleuten gab: Man möge statt Menschen eben Bäume umarmen. "Es tut gut. Ich schließe meine Augen, presse meine Wange an den Stamm und spüre, wie Wärme und Kraft in mich strömen", bekannte auch Islands oberster Forstbeamter Thor Thorfinnsson kurz darauf.

Bäume umarmen ist kein Ersatz

Versuche, kulturell und sozial etablierte Näherituale durch "Corona-konform" distanzierte Handlungen zu ersetzen, gibt es zuhauf. Ob und welche sich langfristig einnisten werden, meint Ute-Regina Roeder, lasse sich aber naturgemäß vorab nicht sagen. Was die an der Uni Münster lehrende Psychologin dagegen sicher weiß, ist, dass die verordnete Vergrößerung der Abstände und die damit verbundene De-facto-Abschaffung des Händeschüttelns viele Menschen einer "wichtigen Kommunikationsquelle beraubt hat". Weil in einem Händedruck "unheimlich viel Detailinformation liegt: Druck, Winkel, Dauer, allein die Frage, wer zuerst die Hand ausstreckt." All das definiert das Verhältnis zwischen den Agierenden. Es schafft Nähe – oder Distanz.

Maskiert – also nur mit halbem Gesicht – und mit zwei Metern Abstand in einer für Anlass und Gegenüber "falschen" Distanzzone verschieben sich dann aber Zeichen, Symbolik und ihre Interpretation. Dieses neue "Lesen" der Umwelt kann, ja muss man lernen: Ob Muster, die quasi mit der Muttermilch weitergegeben und automatisiert wurden, da jetzt gerade neu programmiert werden? Logisch wäre es. Denn wir sind "kognitive Geizkrägen" (Roeder): Zur Ressourcenschonung greifen wir (auch) in der Kommunikation auf möglichst viele automatisierte Informations- und Reaktionsmuster zurück. Nonverbale Kommunikation läuft über solche automatisierten Muster ab – und "Proxemik ist Teil dieser automatischen, nonverbalen Kommunikation".

Die Psychologin aus Münster betont jedoch, "dass das nur eine Mutmaßung ist, aber: Dieser Prozess könnte gerade beginnen". Könnte? Ja, denn Corona, die Pandemie und auch die angeordneten Verhaltensänderungen seien noch zu jung, um über seriöse Forschungsergebnisse zu einem sich eventuell tatsächlich ändernden Distanzbewusstsein zu verfügen: Auch sie, sagt die im "Berufsverband deutscher PsychologInnen" für Fort- und Weiterbildung verantwortliche Wissenschafterin, staune zwar, wie "krass Bilder von vollen Hörsälen heute wirken und wie selbstverständlich Abstand für uns nach nur einem Jahr schon ist". Doch die wissenschaftliche Frage gehe tiefer als die subjektive Momentaufnahme: "Wie tief sitzt das tatsächlich schon – und wie lange dauert es, bis es wieder weg ist?"

Nicht nur in Münster, auch in Wien fehlen dazu belastbare Daten, sagt Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensbiologin an der Uni Wien. Zwar gebe es, so die Wissenschafterin, aktuelle Datensätze über das sich ändernde Distanzhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln, Gastronomie oder öffentlichem Raum. Oberzaucher spricht auch von "massiven Auswirkungen". Doch sie wolle und werde erst über Veröffentlichungen reden, "wenn es Nachher-Daten gibt": Jetzt Schlüsse über nachhaltig veränderte Abstandsgefühle zu ziehen, wäre "reine Spekulation". Es könne Studienergebnisse sogar verfälschen: "Mitunter entsteht ein Problem erst durch die Problematisierung."

Denn so anders sich das Leben auf Zwei-Meter-Distanz momentan subjektiv auch anfühle, so "normal" das Zurückweichen vor Bekannten mittlerweile fast wirke, dürfe man den Zeithorizont nicht außer Acht lassen: "Wir reden lediglich von einem Jahr. Das fühlt sich beachtlich an, ist aber auf eine Lebensspanne bezogen nur eine Episode."

Genau deshalb teile sie die Sorge, dass die aktuell gültigen Abstandsparameter und -muster sich nachhaltig und dauerhaft ins Verhalten der Menschen einfräsen könnten, nicht: "Die Distanz, die wir zu anderen Menschen einnehmen, ist das Resultat einer nicht ausgesprochenen Verhandlung. Corona macht da gerade etwas Bewusstes daraus: Was sich verändert, ist die Wahrnehmung, nicht das Verhalten. Auch wenn es sich fast schon normal anfühlt: Der Mensch passt sich an, aber wir verlernen nicht." (Tom Rottenberg, 23.4.2021)