Polizisten in Seattle im Einsatz während der Spanischen Grippe, Dezember 1918

Foto: National Archives / gemeinfrei

Wenn Covid-19 einmal vorbei sein wird ... dann wird ein neues Virus kommen. Ob es zur Pandemie wird, wie Covid-19 grassiert oder mit relativ wenigen Opfern "abgefangen" werden kann, hängt einerseits von seiner Natur ab – Covid-19 ist schon vor dem Auftreten von Symptomen hochansteckend –, andererseits davon, ob sich die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt besser organisieren können als beim anfangs unterschätzten Covid-19.

Seuchen sind treue Begleiter der Menschheit. Die Pocken, die vermutlich mehr Menschen getötet haben als alle Kriege, sind schon an der Mumie eines ägyptischen Pharaos nachweisbar und wurden endgültig erst in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts durch eine intensive Impfkampagne ausgerottet.

Die Pest hat im Mittelalter etwa ein Viertel bis Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung von 75 Millionen Menschen getötet. Binnen sechs Jahren. Sie tritt vereinzelt immer noch auf – man hüte sich vor dem Verzehr von mongolischen Murmeltieren und vor Kontakt mit Erdhörnchen im Südwesten der USA.

Aber sie wird keine Pandemie mehr, weil nach man nach über tausend Jahren Horror eine Antwort gefunden hatte: sanitäre Vorschriften, Isolierung, Antibiotika und ein staatliches Gesundheitssystem, das all das bereitstellt und durchsetzt.

Die Pocken wurden erst in den 1970er Jahren durch eine intensive Impfkampagne ausgerottet.
Foto: Picturedesk.com / dpa / Wolfgang Weihs

Die letzten Meter

Impfen und sozialmedizinische Verhaltensregeln werden auch Covid-19 so weit eindämmen, dass ein halbwegs normales Leben wieder möglich wird. Die Frage ist nur, wann. Ob wir "auf den letzten Metern" sind und es "ein Sommer wie früher" wird (Sebastian Kurz), darauf sollte man sich nicht allzu sehr verlassen.

Auch wenn die Impfkampagne gut läuft und die erforderlichen 70 Prozent Geimpfte für eine "Herdenimmunität" erreicht werden, ist immer noch die Frage der Mutationen offen. Allerdings wird man die Impfstoffe, die mit beeindruckender Schnelligkeit entwickelt wurden, relativ rasch adaptieren können.

Im günstigen Fall wird es die nächsten Jahre immer wieder zu lokalen Ausbrüchen kommen, die man relativ leicht niederkämpfen kann; irgendwann einmal wird sich Covid-19 wahrscheinlich auch zu einer Art Schnupfenvirus verharmlosen.

Aber gerade jetzt, wo der Druck nach "Öffnung" immer stärker wird, täten wir gut daran, den Blick nach Brasilien und nach Indien zu richten – zwei von Rechtspopulisten regierte Riesenländer, wo durch Unwissenheit der Bevölkerung und Verantwortungslosigkeit der Regierenden das Virus gerade mit gefährlichen neuen Mutationen Amok läuft.

In Indien und Brasilien gibt es derzeit gefährliche neue Mutationen.
Foto: EPA / Piyal Adhikary

Was wäre wenn ...

Verglichen mit den historischen Seuchen ist Covid-19 mit bisher drei Millionen Toten innerhalb eines Jahres bei einer Weltbevölkerung von 7,8 Milliarden relativ "klein". Die Geschichte der Pandemien ist aber eine großartige geistige Spielwiese für "Was wäre gewesen wenn"-Historikerphilosophen, hobbymäßige und wissenschaftliche:

Leitete vielleicht die Antoninische Pest (wahrscheinlich Pocken, sieben bis zehn Millionen Tote) 165 n. Chr. den Niedergang des Römischen Reiches ein?

Oder schaffte die Justinianische Pest (Beulenpest) im oströmischen Reich, die in Wellen von 541 bis 770 n. Chr. dauerte und 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung kostete, die Voraussetzungen für das Vordringen der arabischen (muslimischen) Eroberer?

Der Schwarze Tod (Beulenpest), der 1347 in der Hafenstadt Messina (Sizilien) seinen Ausgang nahm, war eine der verheerendsten Seuchen der Geschichte. Aber es wird argumentiert, dass einerseits durch die Entvölkerung die Notwendigkeit technischer Erfindungen (Buchdruck statt Kopieren von Hand) stieg, andererseits die unbegreifliche Katastrophe das mittelalterliche Weltbild in Richtung kirchlicher Reformationsbestrebungen veränderte. Die erste Reaktion waren allerdings Judenpogrome ...

Gegenseitige Abschottung

Kaum ein Zweifel, dass die dauerhafte Eroberung der Neuen Welt Amerika ab 1519 durch spanische Konquistadoren erst wirklich durch eine mitgebrachte "Waffe" ermöglicht wurde, die ungleich furchtbarer war als Stahl und Schießpulver: die Pocken, die rund die Hälfte, nach einer Schätzung sogar 90 Prozent, der indigenen Bevölkerung ausrotteten.

Möglicherweise haben die Spanische Grippe von 1918/20 und die gegenseitige Abschottung längerfristig zur Weltwirtschaftskrise (und damit zum Aufstieg Hitlers) beigetragen.

Hat die Spanische Grippe von 1918/20 zur Weltwirtschaftskrise beigetragen?
Foto: EPA / Queensland Government Handout

Wird Corona ähnliche Folgen haben? Wahrscheinlich nicht. Dafür ist die Weltwirtschaft zu sehr verflochten. Aber wie kommen wir trotzdem aus der Covid-19-Pandemie heraus, im engeren medizinischen Sinn wie gesellschaftlich?

So gut wie jeder seriöse Experte sagt: "Beim Impfen nicht nachlassen und nicht zu früh und zu schnell den Lockdown aufmachen."

Aberglaube

Gesellschaftlich sind die Folgen zum Teil schon jetzt absehbar. Das Vertrauen in die Politik ist seit dem Beginn vor einem Jahr dramatisch gesunken. Es gibt einen Kern, der sich von dunklen Mächten belogen, manipuliert und instrumentalisiert fühlt; aber auch die sozialdarwinistischen Zyniker, die dafür sind, nicht so viel Aufhebens um die "Vulnerablen" zu machen, wenn die Lockdowns den eigenen Spaß verderben.

Aber auch einen breiten Kreis von Verunsicherten, die "verschiedene Meinungen" zu Corona, zum Impfen, zum Lockdown hören wollen, auch wenn es nur ein Faktum gibt: Es ist eine Pandemie, und dagegen gibt es bestimmte Mittel.

Frühere Seuchen sind erloschen, nachdem sie ungeheuren Schaden angerichtet hatten. Dann, relativ spät in der Moderne, kamen allmählich das hygienische Bewusstsein und der medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt dazu. Man wurde mit Polio und Pocken fertig. Mit dem Aberglauben immer noch nicht ganz.

Das nächste große Ding

Das wird auch jetzt so sein, doch auf einer höheren Ebene sind ganz fundamentale Verhaltens- und Mentalitätsänderungen fällig. Zunächst beim institutionellen Verleugnen. Die Spanische Grippe breitete sich einst so aus, weil die Regierenden sie ableugneten. Ähnliches geschieht heute in Brasilien.

Dann bei der Naturzerstörung: Das Vordringen in die letzten Naturräume hat das Überspringen der Viren befördert. HIV und Ebola stehen mit dem Verzehr von "bushmeat" (Affenfleisch) im Zusammenhang. Die Leidenschaft chinesischer Feinschmecker für Zibetkatzen, Schuppentiere und Fledermäuse gilt als Auslöser von Sars und Covid-19.

Covid-19 war kein "Schwarzer Schwan"-Ereignis. Wissenschafter rechneten mit derlei. Und die Epidemiologin Maria Van Kerkhove von der Weltgesundheitsorganisation WHO sagt ernüchternd, Covid-19 sei wahrscheinlich nicht "das ganz große Ding" in Sachen Pandemie gewesen. "Wir arbeiten daran, bis es vorbei ist. Und dann kommt unglücklicherweise wahrscheinlich etwas anderes." (Hans Rauscher, 24.4.2021)