In der Kantine lassen wir uns von der Wahl unserer Pausenkolleginnen und -kollegen beeinflussen.
Foto: Richard Shotwell/Invision/AP

Du bist, was du isst – und du isst, was deine Kolleginnen und Kollegen essen. Zumindest deutet eine neue Studie auf eine solche Interpretation hin: Ein US-amerikanisches Forschungsteam untersuchte am Allgemeinen Krankenhaus von Massachusetts, wie sich die Mitarbeitenden im Spital ernährten und dabei von ihrem sozialen Umfeld beeinflussen ließen.

Mit 6.000 Probanden war die Studie recht umfangreich und beinhaltete Menschen aus diversen Altersgruppen und mit verschiedenen sozioökonomischen Hintergründen. Das dürfte im Gegensatz zu Stichproben unter Studierenden etwas aussagekräftiger sein. Die Beteiligten aßen im Zeitraum von zwei Jahren in mehreren Cafeterien des Krankenhauses, die ihre Speisen und Getränke anhand eines Ampelsystems als gesund, mittelmäßig oder ungesund einstuft.

Netzwerkanalysen

Das Bezahlen per Ausweis ermöglichte die Zuordnung der Mahlzeiten, aber auch anhand des Zeitpunkts, mit welchen anderen Personen jemand gleichzeitig speist. "Zwei Menschen, die im Abstand von zwei Minuten bezahlen, kennen sich wahrscheinlich eher als Menschen, die mit 30 Minuten Abstand voneinander zahlen", sagt Douglas Levy, Lehrbeauftragter für Medizin an der Harvard Medical School. Er ist Erstautor der im Fachblatt "Nature Human Behaviour" erschienenen Studie.

Um dieses Modell der sozialen Netzwerke zu prüfen, wurden außerdem mehr als 1.000 Angestellte befragt: Sie bestätigten die Namen derjenigen Personen, die das System als ihre Pausencompagnons erarbeitet hatte und mit denen sie tatsächlich gemeinsam aßen. Insgesamt wertete das Forschungsteam etwa drei Millionen paarweise Begegnungen aus.

Erlaubnis zum Cheeseburger

Die Gerichte und Nahrungsmittel von auf diese Weise verbundenen Personen waren sich dabei eher ähnlich. Aber beeinflussen die Kollegen und Kolleginnen wirklich individuelle Essensentscheidungen, oder verbringt man die Pause lieber mit Menschen, die ähnliche Vorlieben haben? Dieses soziologisch als "Homophilie" bekannte Konzept wollte das Forschungsteam ausschließen und kontrollierte daher für Eigenschaften, die diese Menschen miteinander teilten. Auch die Analyse der Daten aus mehreren Perspektiven verwies durchgängig auf einen sozialen Einfluss, nicht auf Homophilie.

Eine mögliche Erklärung dafür ist Gruppenzwang: "Menschen könnten ihr Verhalten anpassen, um so ihre Beziehung mit Personen in ihren sozialen Kreisen zu festigen", sagt Levy. Ein spannender Effekt dabei: Kolleginnen und Kollegen können sich gegenseitig die Erlaubnis geben, zu ungesunden Gerichten zu greifen – ob sie das nun explizit formulieren oder aber durch ihre eigene Wahl implizieren. Andersrum können sie aber auch zu einer gesünderen Entscheidung bewegen.

Maßnahmen für gesunde Ernährung

Levy arbeitet am krankenhausinternen Forschungszentrum für Gesundheitsmaßnahmen, die Studie wurde durch Förderungen des US-amerikanischen Instituts für Diabetes, Verdauungs- und Nierenerkrankungen sowie des nationalen Herz-Lungen-Blut-Instituts möglich. Daher fehlen auch die entsprechenden Empfehlungen für gesunde Ernährung nicht. So sollen etwa Angebote geschaffen werden, bei denen zwei Personen für gesunde Mahlzeiten wie Salate gemeinsam nur die Hälfte zahlen. Invasiver ist die Methode, einflussreiche Personen zu gesünderen Gerichten zu motivieren. Diese "KollegInfluencer" könnten daraufhin ihre soziale Blase von ungesunden Pausensnacks abhalten.

Wer sich tatsächlich Sorgen um seine Ernährung macht, sollte in Zukunft also genauer hinschauen, welches Umfeld zu welcher Kost tendiert – oder wen man im Homeoffice per Videoanruf um Inspiration für das Mittagessen bittet. (Julia Sica, 26.4.2021)