Jede Oscar-Gala hat ihre historischen Momente. Als Chloé Zhao, die Regisseurin von Nomadland, ihren Preis entgegennahm, war einer der wichtigsten dieses Abends gekommen. Die 38-jährige Filmemacherin ist nach Kathryn Bigelow im Jahr 2010 erst die zweite Frau, die im Regiefach triumphierte. Zudem hatte noch nie eine Asiatin gewonnen: Zhao, in China geboren und in den USA ausgebildet, entspricht insofern perfekt dem Ruf nach mehr kultureller Diversität, dem die Academy in den letzten Jahren mit der Aufnahme internationaler Filmschaffender nachgekommen ist. Der Oscar wird immer globaler.

Zwei Oscars wiegen schwer: Regisseurin Chloé Zhao.
Foto: AFP

Ungeachtet solcher Neuausrichtungen lieferte Nomadland aber auch das gültigste Zeitbild der USA im Aufgebot der Nominierten. Zum großen Teil mit Laiendarstellern gedreht, begleitet der Film Wanderarbeiter, die ohne Dach über dem Kopf, im eigenen Wohnmobil durch die mythenschwere Landschaft des Westens ziehen. Zhao nähert sich mit poetischer Sensibilität jenem Bevölkerungsteil im Land, für den der amerikanische Traum nichts mehr gilt. Sonntagnacht wurde Nomadland verdient als bester Film prämiert, Hauptdarstellerin Frances McDormand holte ihren bereits dritten Oscar.

Am 25.4.2021 fand die 93. Oscar-Verleihung statt – wegen der Corona-Pandemie stark reduziert und mit entsprechenden Maßnahmen. Der große Gewinner des Abends war das Roadmovie "Nomadland", das Oscars für den besten Film, die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin gewann.



DER STANDARD

Die 93. Oscar-Gala blieb – im Guten wie im Schlechten – auch in anderer Hinsicht ein Spiegel der Zeit. Denn statt des üblichen glamourösen Auflaufs im Dolby Theatre hatte Steven Soderbergh als Produzent die Verleihung in die Union Station, die Bahnhofshalle von Los Angeles, verlegt. Corona-bedingt, versteht sich, nicht weil man die Metapher der Endstation suchte. Es sollte ein physisches Event, kein Zoom-Meeting werden, inszeniert wie ein Film, versprach der US-Regisseur. Am Ende wurde es ein gediegenes Miteinander im kleinen Kreis, das ganz ohne die üblichen Showeinlagen auskam. So muss es am Anfang der Oscars gewesen sein, als die Filmwelt einfach einen netten Abend gemeinsam verbrachte – und niemand an TV-Quoten dachte.

Zu wenig Film im Film

Andererseits war man angetreten, um die Lust an Filmen, vor allem auch am Kinoerlebnis wieder zu entfachen. Doch dafür blieb der Ablauf dann allzu statuarisch. Oft wurden bei der Vergabe nicht einmal Filmausschnitte gezeigt, sondern die Kandidaten nur altmodisch mit Worten gestreichelt. Das war eine verpasste Gelegenheit, um die Filme selbst zu bewerben, denn diese hatten in diesem Jahr einen weit geringeren Bekanntheitsgrad. Die meisten davon wurden auf Streamingportalen ausgewertet, einige Arbeiten wie das nuancierte Drama um koreanische Neo-Bauern in den USA, Minari, kamen aus dem Arthouse-Feld. Dass ein flächendeckender Kinostart erst die Aufmerksamkeit des Publikums generiert, davon erzählte dieser Abend also gleich im mehrfachen Sinne. McDormand drängte dann auch nachdrücklich darauf, die Filme auf der großen Leinwand nachzuholen.

Oscar-Trio: Yoon Yeo-jeong (li.), Daniel Kaluuya und Frances McDormand.

"The show must go on", auch wenn für den Anfang nur kurz gesungen wurde, als ein kurzes Quiz über Oscar-Songs unter den Gästen erfolgte. Glenn Close inspirierte dies immerhin zu einem Tanz mit schwingendem Hinterteil. Quest love tat sein Bestes, um dem Treiben vom DJ-Pult aus einen Beat zu verleihen. Die Dankesreden blieben allerdings letztlich der einzige Anlass für emotionale Momente.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg, der für Der Rausch den Preis für den besten internationalen Film erhielt, widmete den Oscar seiner Tochter Ida, die kurz vor Drehbeginn tödlich verunglückt war. Sein Film, der von Männern erzählt, die sich auf ein Experiment mit der Volksdroge Alkohol einlassen, blieb wie erwartet gegen Jasmila Žbanić’ Srebrenica-Drama Quo vadis, Aida, eine österreichische Koproduktion, erfolgreich.

Knorriger Charme

Begeistert reagierte man in der Filmwelt auf die 73-jährige Koreanerin Yoon Yeo-jeong, die auf ihre Ehrung als beste Nebendarstellerin (Minari) mit knorrigem Charme reagierte: Zuerst flirtete sie mit ihrem Produzenten Brad Pitt, dann spot tete sie liebevoll über all jene, die ihren Namen falsch aussprechen. Schließlich meinte sie gegenüber der schon zum achten Mal unterlegenen Glenn Close: "Ich habe mehr Glück als sie!" Da sage noch einer, der Oscar würde nicht von internationalem Flair profitieren.

Glenn Close bewies ihr Tanztalent.
Foto: AP

Der Brite Daniel Kaluuya wurde für seine Verkörperung des Black-Panther-Führers Fred Hampton als einziger schwarzer Schauspieler prämiert. Doch von Polizeigewalt war im Jahr nach dem Erstickungstod von George Floyd freilich mehrmals die Rede. Regina King sprach es gleich zu Beginn der Gala an – durchaus trotzig, da sie hinzufügte, dass sie schon wisse, dass man Lektionen von Hollywoodschauspielern nicht so gern hören würde.

Thomas Vinterberg wurde für "Der Rausch" prämiert.
Foto: Reuters

Der 2020 an Krebs verstorbene Chadwick Boseman, der für den Hauptrollen-Oscar favorisiert worden war, wurde am Ende noch von Anthony Hopkins (The Father) überholt (es ist sein zweiter Oscar), Boseman-Fans reagierten gekränkt. Dass dieser Preis und nicht der für den besten Film als letzter verkündet wurde, war der größte Regelbruch des Abends. Durfte man mehr erwarten? Eigentlich nicht, denn die Pandemie ist nicht vorüber. Insofern ist eine Veranstaltung mit Sicherheitsnetz schon ein Zeichen für Resilienz. (Dominik Kamalzadeh, 26.4.2021)


Die Gewinner

Bester Film: "Nomadland"

Beste Regie: Chloé Zhao für "Nomadland"

Bester Hauptdarsteller: Anthony Hopkins für "The Father"

Beste Hauptdarstellerin: Frances McDormand für "Nomadland"

Bester Nebendarsteller: Daniel Kaluuya für "Judas and the Black Messiah"

Beste Nebendarstellerin: Yoon Yeo-jeong für "Minari"

Bester internationaler Film: "Druk" ("Der Rausch") von Thomas Vinterberg

Bester Animationsfilm: "Soul" von Pete Docter und Dana Murray

Bestes Originaldrehbuch: "Promising Young Woman" von Emerald Fennell

Bests adaptiertes Drehbuch: "The Father" von Christopher Hampton und Florian Zeller

Bester Dokumentarfilm: "My Octopus Teacher"

Beste Kamera: Erik Messerschmidt für "Mank"

Bester Schnitt: "Sound of Metal"

Bester Ton: "Sound of Metal"

Beste Musik: "Soul" (Trent Reznor, Atticus Ross und Jon Batiste)

Bester Song: "Fight For You" from "Judas and the Black Messiah" (H.E.R.)

Bestes Produktionsdesign: "Mank"

Bestes Make-up: "Ma Rainey’s Black Bottom"

Bestes Kostüm: "Ma Rainey’s Black Bottom"