Das Paar steht derzeit hoch im Kurs, denn die Pandemie hat zu einer Traditionalisierung geführt.

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Falls bislang noch irgendwelche Zweifel bestanden haben, dass wir in einer paarzentrierten Gesellschaft leben, so weiß doch nun wirklich spätestens seit den ersten Corona-Kontaktbeschränkungen jeder Bescheid: Ein Haushalt, das Maß aller Dinge, das sind mindestens zwei Leute, die schweigend an ihrer Kücheninseltheke sitzen. Ein Haushalt, das ist die heilige Kleinfamilie, das Unglücksdreigestirn Vater, Mutter, Kind.

Alleinerziehende und Singles kommen in diesem Weltbild nicht vor. Diese bemitleidenswerten Sonderfälle dürfen sich dann eben auch nur – je nach Infektionslage – mit einem weiteren oder gar keinem Mitglied eines anderen Haushalts treffen und bei Ausgangsbeschränkungen allein zu Hause bleiben.

Traditionalisierung

Das Paar steht derzeit hoch im Kurs, denn die Pandemie hat zu einer Traditionalisierung geführt. Für Kinderbetreuung und Homeoffice sind zum großen Teil die Frauen in einer Beziehung zuständig. Da ging die Rückkehr zur alten Rollenverteilung recht schnell vonstatten. Warum eigentlich? Weil Männer durchgehend die wichtigeren Jobs haben oder weil Multitasking ihnen nicht zugemutet werden kann?

Pärchenfans haben zu Beginn der Pandemie bereits von einem "Babyboom" geschwärmt – das daraus nichts wurde, weiß man inzwischen. Warum sollten auch Leute, die sich vorher schon miteinander gelangweilt haben, plötzlich mehr Lust auf Sex haben, wenn sie zusammen daheim eingesperrt sind?

Wer vorher gut miteinander auskam, wird in diesen Zeiten wohl froh aneinander sein. Wer sich eh auf die Nerven ging, für den ist die Pandemie die Hölle.

Konstrukt durchleuchten

Aber Hauptsache, nicht allein! Das wird überall verkündet, und Singles werden bestenfalls bemitleidet. Dabei geht es doch gar nicht darum, dass in Pandemiezeiten ein Sofabeisitzer schmerzlich vermisst wird, sondern es geht darum, dass die vielen Aktivitäten, die sich Alleinlebende zu ihrem schönen Leben zusammengestrickt haben, nun alle ausfallen müssen. Kein Fitnessstudio, kein Kino, kein Theater, keine Konzerte, kein Musikunterricht, keine Sprachkurse, keine Treffen in Cafés und in Bars: Das ist das Tragische!

Angesichts der fortschreitenden Paarideologisierung scheint es notwendig, ein paar Lehrsätze der Paarkritik wieder hervorzuholen und das ganze Konstrukt "Paar als Lebensform" zu durchleuchten.

Das Pärchen an sich ist eigentlich eine ganz niedrige Lebensform und steht in der Artentabelle nur knapp über dem Einzeller oder dem Pantoffeltierchen. Aber diese biologische Tatsache darf man nicht aussprechen, sonst gilt man als verbittert, neidisch und zu kurz gekommen. Denn jedes Pärchen, ist es auch noch so unglücklich, kann mitleidig auf die Alleinlebenden schauen. Auch wenn autonom lebende Menschen manchmal insgeheim von den wandelnden Pärchenhöllen beneidet werden, sie machen ihre Ambivalenzen mit sich allein aus.

Die ergebnisoffene Paarforschung wurde in unserer pärchenzentrierten Gesellschaft schon immer behindert. Eines steht aber ohne Zweifel fest: Das Pärchentum bringt immer die schlechtesten Eigenschaften des Einzelnen nach oben und produziert am laufenden Band fast ausschließlich unglückliche Paare, die wie geprügelte Hunde nebeneinander durchs Leben schleichen.

Trauerumflorte Gestalten, die man nur in wenigen Augenblicken, wenn der Partner nicht da ist, heimlich aufatmen sieht. Menschen, die wie Steine nebeneinandersitzen, die in Pizzerien verzweifelt das Besteck streicheln, um sich nicht anschauen und miteinander sprechen zu müssen.

Selbstmarketing

Es ist absurd: Autonome Menschen tun sich freiwillig zusammen und werden zu mobilen Paargefängnissen, sind dabei aber verzweifelt bemüht, die Illusion einer glücklichen Beziehung aufrechtzuerhalten. Die unangenehmsten Vertreter dieser Spezies greifen zum aggressiven Selbstmarketing.

Allgemein gilt: Dort, wo die größte Einigkeit vorgeführt werden muss, kriselt es am heftigsten im Pärchenhimmel. Ihr denkt, ihr seid im Märchen, und seid nur blöde Pärchen.

Die ganz Verzweifelten haben sogar noch Angst, dass man ihnen den zutiefst unattraktiven Partner ausspannen will, und brechen vorsichtshalber nach erfolgter Paarbildung den Kontakt zur Außenwelt ab. Für die fleischgewordene Pärchenlüge aber bietet sich die Pärchen/Pärchen-Variante – die Potenzierung des Schreckens – als gegenseitiger Nichtangriffspakt an.

Vorteile des Alleinseins

Als professionelle Paarkritikerin wird man natürlich oft angefeindet. Klar, stellt man das Paar an sich infrage, stürzen ganze Lebenslügen wie Kartenhäuser zusammen. Am Pärchenwesen, an der heiligen Ehe, da hängen Lebensprojekte, Firmen, Bausparverträge, Doppelhaushälften, Finanzierungsmodelle dran. Und natürlich die Kinder! Die Kinder, die Kinder, die Kinder, die Kinder, die Kinder!!!

Das Erste, was fanatische Pärchen der Kritikerin entgegenschleudern, ist deshalb: "Du bist ja nur neidisch, weil du Pech gehabt hast, weil du selbst nicht fähig bist, eine Beziehung zu führen!" Dabei braucht man nur ein wenig aus dem eigenen autonomen Leben zu berichten, und die festzementierten Ansichten der Paarfundamentalisten kommen ins Wanken.

Seltsamerweise lassen Frauen beim Thema Pärchenlüge grundsätzlich eher Kritik zu als Männer. Manche bekommen sogar einen träumerischen Gesichtsausdruck, wenn man über die Vorteile des Alleinseins spricht. Allgemein profitieren Männer also mehr vom Paarwesen.

Liebe verdienen

Die zweite Entgegnung der Paarapologeten lautet dann: Du bist verbittert! Vielleicht bist du gar nicht liebesfähig! Oder: Du hast ein zu hohes Ideal! Du hast nicht verstanden, dass nach der kurzen Zeit der romantischen Liebe die echte Liebe erst kommt, die man sich verdienen, erarbeiten muss.

Ja, Liebe ist Arbeit, dieser Punkt wird in der heterosexuellen Zwangsmatrix immer wieder angeführt. Aber erwarten wir nicht auch von der Arbeit, dass sie uns halbwegs ausfüllt und befriedigt?

Romantisch verklärt

Auf dem Arbeitsfeld Liebe gibt es zahlreiche Spezialisten, die mit der Arbeit an dem Mythos Liebe und Beziehung ihren Lebensunterhalt verdienen. Der größte Einfluss auf Partnerschaftsbilder geht heute nicht mehr von kirchlicher und staatlicher, sondern von psychologischer, therapeutischer und medialer Stelle aus.

Zur Liebe haben eben alle etwas zu sagen, da gibt es Experten aus allen Berufszweigen: Therapeuten, Biologen, Psychologen, Psychoanalytiker, Hirnforscher, Chemiker, Soziologen, Wissenschaftsjournalisten, Geistliche, Ratgeberautoren, Liebesforscher, Sexualwissenschafter, Feng-Shui-Berater, Flirtcoaches, Single-Trainer, Tantra-Lehrer.

Was seriöse Wissenschafterinnen und die Familiensoziologie schon längst wissen, nämlich dass die "romantische Zweierbeziehung" (RZB) eine Erfindung des 18. Jahrhunderts und damit historisch-kritisch zu betrachten ist, wird ignoriert. Die RZB ist die Norm – ein Leben ohne Beziehung sinnlos und freudlos.

Nur drei Prozent der Säugetiere

Die Anthropologen zum Beispiel beweisen, je nach Forschungsziel und paarideologischer Ausrichtung, dass der Mensch monogam geboren ist, bringen Beispiele von den südamerikanischen Yanomami-Indianern, den Babyloniern und Hebräern, die angeblich schon in Einehe gelebt haben.

Erwiesene Tatsachen wie die, dass zum Beispiel in Sparta, in Rom und bei den Germanen Menschen mehrere Geschlechtsbeziehungen nebeneinander hatten, auch wenn Kinder zusammen aufgezogen wurden, werden geflissentlich außen vor gelassen.

Auch die arme Tierwelt muss immer wieder herhalten. "Die Natur will es so!", heißt es – die Tiere leben auch als Paare zusammen!

Ja, 90 Prozent der Vogelarten leben monogam. Aber warum wird unterschlagen, dass die Einehe unter Säugetieren, zu denen bekanntlich auch der Mensch gehört, eher die Ausnahme ist?

Lediglich drei Prozent aller Säugetiere leben in einer festen Paarbeziehung. Und bei unseren engsten Verwandten, bei den wie wir Menschen zu den Primaten gehörenden Menschenaffen, leben fast alle Arten polygyn. Und so könnte man sämtliche Wissenschaften paarideologisch abklopfen!

Mut fassen

Es bleibt daher nur zu hoffen, dass diese Pandemie schnell vorbeigeht, dass die Menschen wieder hinauskönnen und den Mut fassen, sich aus ihren unglücklichen Beziehungen zu lösen und ein Leben in Freiheit zu wagen. (Christiane Rösinger, RONDO exklusiv, 19.8.2021)