ÖVP-Politikerin und Notenbank-Präsidentin Maria Schaumayer war ebenso im OMV-Vorstand wie Margarethe Ottilinger.

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In der OMV-Chefetage gab es bislang kaum Frauen, aber die, die es gab waren : stark, sehr stark. Das gilt nicht nur für Margarethe Ottilinger, die erste Frau im Vorstand mit wahrlich abenteuerlicher Lebensgeschichte, sondern auch für Maria Schaumayer.

Gerade 37 Jahre alt war Margarethe Ottilinger, als sie 1965 in den Vorstand der ÖMV (Österreichische Mineralölverwaltung; seit 1994 heißt sie OMV) eingezogen ist – und da hatte die Handelswissenschafterin schon Erlebnisse für mehrere Leben hinter sich. Die ebenso zielstrebige wie umgängliche und bodenständige Managerin blieb bis zur Pension 1982 im Vorstand der ÖMV, die sie heute "eine der wichtigsten Frauen der österreichischen Wirtschaftsgeschichte" nennt. In der ÖMV handelte sie u.a. die ersten Gaslieferverträge mit den Sowjets über Österreich in den Westen aus, ihre Sprachkenntnisse kamen der tiefgläubigen Katholikin da wohl zugute.

Margarethe Ottilinger wurde 1948 auf der Ennsbrücke von den Sowjets verschleppt; bis heute ist nicht alles aufgeklärt, was damals geschah.
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Im Krauland-Ministerium

Die russische Sprache, Glauben und enorme Stärke und Willenskraft – all das hatte sie sich von 1948 bis 1955 erworben: im sowjetischen Gulag, wo sie nach ihrer Entführung auf der Ennsbrücke bei St. Valentin 1948 durch die Sowjets für sieben Jahre verschwand.

Ab 1946 war sie im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung unter dem später wegen Unregelmäßigkeiten und Parteispenden angeklagten und freigesprochenen Minister Peter Krauland (ÖVP) tätig. Zuständig für Verteilung von Marshallplan-Geldern, plant er im Herbst 1946 die Kürzung von staatlichen Stahlzuteilungen für die sowjetischen Betriebe.

Aus dem Auto in den Gulag

Nach einer Dienstfahrt am 5. November 1948 holen sowjetische Grenzer beide auf der Ennsbrücke aus dem Auto , dort wo die amerikanische Zone mit der sowjetischen Besetzungszone zusammentrifft. Krauland fährt danach weiter nach Wien, Ottilinger bleibt im Gewahrsam der Sojwets. Für fast sieben Jahre. Die Sowjets werfen Ottilinger US-Spionage und Fluchthilfe für einen sowjetischen Ingenieur vor und verurteilen sie zu 25 Jahren Arbeitslager, später wird die Verurteilung in eine Gefängnisstrafe umgewandelt.

Es folgen Lager, Gefängnis, schwere Krankheit, Überlebenshilfe (auch) von inhaftierten Nonnen. Erst im Juni 1955, kurz vor Inkrafttreten des Staatsvertrags, kehrt Ottilinger heim, später wird sie voll rehabilitiert. Noch im gleichen Jahr beginnt sie bei der ÖMV zu arbeiten, 1956 kommt sie in den Vorstand. Auf ihre Initiative hin und mit der finanziellen Unterstützung der Exmanagerin, zuletzt in einem Laienorden aktiv, wurde die Wotruba-Kirche in Wien-Liesing errichtet. 1992 starb die stärkste Frau der OMV.

Die Wotruba-Kirche in Wien-Liesing. Ottilinger wollte in einem Europa, in dem der Glaube an Gott schwinde, aufrütteln und zeigen, dass "noch immer Kräfte wirksam sind, die dem Geist des Unglaubens widerstehen".
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Nach ihrem Tod wurde der Platz vor der Kirche nach Ottilinger benannt, inzwischen gibt es in Wien-Liesing auch einen Ottilinger-Park.


Schaumayer: Aus der Politik in den Konzern

Im selben Jahr, in dem Ottilinger in Pension ging, 1982, kam Maria Schaumayer in einen der Chefsessel des staatlichen Mineralölkonzerns. Die Wirtschaftswissenschafterin und ÖVP-Politikerin war sieben Jahre für die Finanzen der damaligen ÖMV zuständig.

In ihre Zeit fiel der erste Börsengang eines österreichischen Staatsunternehmens: 1987 wurden 15 Prozent der ÖMV privatisiert. 1989 stieg der Konzern beim dänischen Kunststoffkonzern Borealis ein, damals mit 25 Prozent.

Sparstift in Bim und Nationalbank

Schaumayer, 1956 erste Frau in der Managerausbildung der alten Creditanstalt (CA), war ehrgeizig, in der CA ging es ihr zu langsam bergauf. Mit 33 Jahren wechselte sie ins Wiener Rathaus. Als Stadträtin für städtische Unternehmen schaffte sie de facto Schaffner und Gaskassiere ab: In ihrer Ära wurden die schaffnerlosen Straßenbahnen und die Gas-Jahresabrechnung eingeführt.

Den Sparstift setzte die gestrenge Managerin, bekannt für gemusterte Kleider und Großraum-Handtaschen, auch als Notenbank-Präsidentin an, die sie bis 1995 war.Dort kürzte die Tennisspielerin und Eistänzerin ihre und die Gagen der anderen Manager, die sich unter Dauerkritik Jörg Haiders befanden.

Maria Schaumayer, 2006 bei einem Interview mit dem STANDARD. Zur eigenen Bedeutung meinte sie damals: "Die Friedhöfe sind voll mit lauter Unersetzlichen."
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"Eisbrecherin für Frauen"

Als "Eisbrecherin für Frauen" sah sich die Ex-OMV-Managerin, zu ihrem 60. Geburtstag, 1991, wurde die "Stiftung für Frauen in der Wirtschaft" gegründet. Im Jahr 2000, in der Zeit der ersten schwarz-blauen Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, handelte Schaumayer dann als Regierungsbeauftragte die Entschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes aus.

Nach ihrem Tod, 2013, wurde ein Platz nach Schaumayer benannt, in Wien-Döbling, wo sie zuletzt gelebt hatte. (Renate Graber, 27.4.2021)