Die linksextremistischen Roten Brigaden hatten in Italien in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche Mordanschläge verübt. Viele Mitglieder suchten im Nachbarland Frankreich Zuflucht.

Foto: Reuters / Stefano Rellandini

Rom/Paris – Einen Tag nach ihrer Festnahme hat die französische Justiz italienische Terrorverdächtige wieder freigelassen und unter Justizkontrolle gestellt. Das berichtete die Staatsanwaltschaft in Paris. Einen Tag zuvor hatte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron mit einer spektakulären Kehrtwende bei der Auslieferung italienischer Terrorverdächtiger die Festnahmen erst ermöglicht.

Französische Ermittler hatten am Mittwoch sieben Verdächtige im Land festgenommen. Am Donnerstag stellten sich zwei weitere Männer den Ermittlern. Nach einem Mann wird laut Medien noch gesucht.

Auslieferungsfrage

Über das Reizthema Auslieferung gab es jahrzehntelang Streit zwischen Rom und Paris. Die linksextremistischen Roten Brigaden hatten in Italien in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche Mordanschläge verübt. Viele Mitglieder suchten im Nachbarland Frankreich Zuflucht.

Die Verdächtigen hätten einer Auslieferung nach Italien nicht zugestimmt, berichtete die Staatsanwaltschaft. Sie dürfen Frankreich nun nicht verlassen und müssen sich regelmäßig bei der Polizei melden. Italienische Medien berichteten, es dürfte viele Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Auslieferungsverfahren abgeschlossen werden könnten. Justizministerin Marta Cartabia sagte der Zeitung "La Repubblica", es werde nun "Fall für Fall" rechtlich geprüft, ob die Voraussetzungen für die von Rom beantragten Auslieferungen gegeben seien.

Betroffen von der Justizkontrolle sind laut Staatsanwaltschaft Marina Petrella, Roberta Cappelli, Sergio Tornaghi, Narciso Manenti, Giorgio Pietrostefani, Giovanni Alimonti, Enzo Calvitti, Luigi Bergamin und Raffaele Silvio Ventura. Den Verdächtigen werden laut Élysée-Palast in ihrem Heimatland schwere Verbrechen zur Last gelegt.

Das französische Präsidialamt hatte bestätigt, die Namen von zehn Menschen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben – eine intensive Arbeit zwischen Rom und Paris sei vorausgegangen. Die französische Menschenrechtsliga hatte das Vorgehen kritisiert. Es gehe um Frauen und Männer, die seit über 40 Jahren im Land lebten.

Mitterrand-Doktrin

Der französische Präsident Francois Mitterrand hatte 1985 allen reumütigen Terroristen aus Italien politisches Asyl angeboten. Er nannte sie "Aktivisten", denen Frankreich mit der Begründung Schutz anbot, dass Italiens Justiz unter dem Einfluss von Sondergesetzen zur Terrorismusbekämpfung keine fairen Prozesse garantiere.

Bekannt wurde diese Politik als "Mitterrand-Doktrin". Sie zog in jener Zeit etwa 140 Extremisten aus Italien an. Frankreich hatte sich auch in den vergangenen Jahren geweigert, frühere Mitglieder der Roten Brigaden auszuliefern. So verzichtete der damalige Staatschef Nicolas Sarkozy 2008 darauf, eine wegen Mordes verurteilte Ex-Terroristin nach Italien auszuliefern. (APA, dpa, 29.4.2021)