Im Vorjahr hinkte der Wiener Aktienmarkt der internationalen Entwicklung lange hinterher – erst seit November geht es steil aufwärts.

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Nach einer längeren Durststrecke hat die Wiener Börse zuletzt wieder Tritt gefasst und unter den Aktienmärkten sogar das Tempo vorgegeben. Keine andere Börse ist heuer so gut aus den Startlöchern gekommen, knapp vier Monate nach Jahresbeginn liegt der Leitindex ATX mehr als 17 Prozent im Plus. Was sind die Treiber dieser aus Sicht der Aktionäre sehr erfreulichen Entwicklung? Und kann diese Sonderkonjunktur noch länger anhalten?

"Es sind dieselben Argumente, warum es vorher nicht gutgegangen ist", sagt Alois Wögerbauer, Geschäftsführer von 3 Banken-Generali Investment, über das Kursfeuerwerk in Wien seit Anfang November. Nämlich die Branchenzusammensetzung. "Es fehlt der Bereich Digitalisierung, der in den USA das Börsenwunder getragen hat", erklärt Wögerbauer, der einen Österreich-Aktienfonds verwaltet. Gefragt waren in dieser Phase auch die Bereiche Gesundheit oder defensiver Konsum, also gewissermaßen Alltagsartikel – allerdings sind auch diese an der Wiener Börse kaum vertreten.

Erst mit dem Ausblick auf Impfstoffe gegen die Covid-Pandemie sei im Herbst ein Umschwung eingetreten, mit dem die im ATX vertretenen Branchen Finanzen, Energie, Industrie und Immobilien wieder in die Gunst der Anleger gerückt seien. Zudem sieht Wögerbauer auch einen Schwenk weg von sehr stark wachsenden Unternehmen hin zu substanzstarken Value-Aktien. "Wien ist ein reiner Value-Markt", ergänzt der Fondsmanager.

Erst die Großen, dann die Kleinen

Zudem zeigt sich seit dem Vorjahr ein oft wiederkehrendes Muster: In der ersten Phase einer Kurserholung setzen die Anleger auf große Weltkonzerne wie Apple oder Microsoft. Erst wenn sich die wirtschaftlichen Aussichten verfestigen, wagen sich Investoren auch wieder vermehrt an im internationalen Vergleich kleinere Unternehmen, wie sie an der Wiener Börse zu finden sind.

Die Folge: Der Wiener Markt ist wieder in den Blick großer ausländischer Investoren gerückt, was sich nicht nur an den deutlichen Kursanstiegen, sondern auch am Handelsvolumen zeigt. Im März verzeichnete der Wiener Aktienmarkt den umsatzstärksten Tag seit September 2008 – im Gegensatz zu damals bei steigenden Kursen. Mehr als 80 Prozent des Handelsvolumens wird in Wien von ausländischen Investoren erzeugt, erinnert Wögerbauer. Er erwartet, dass diese Zuflüsse vorerst auch anhalten werden.

Aber auch von Privaten strömt viel Kapital in die Aktienmärkte – wobei sich etliche erstmals an die Börse wagten. Etwa 15 Prozent aller Anleger in Deutschland haben 2020 erstmals in Aktien investiert, geht aus einer Erhebung der Plattform Kryptoszene.de hervor. Das Durchschnittsalter derer, die im Jahr 2020 zum ersten Mal an der Börse investierten, beträgt 35 Jahre – während der Altersschnitt bei jenen, die bereits vorher dabei waren, bei 48 Jahren liegt. Die sogenannte "Generation Investor" gilt nicht nur als jünger, sondern hinsichtlich der Entwicklung der Aktienmärkte auch als optimistischer.

Allerdings steigt laut Bernd Maurer, Aktienanalyst der RBI, mit zunehmender Zuversicht auch die Gefahr kurzfristiger Rückschlägen. Könne eine zu hohe Erwartungshaltung nicht erfüllt werden, drohe eine Kurskorrektur – obwohl das Umfeld positiv sei. "Die Unternehmensergebnisse waren gut und besser als erwartet", sagt er über die Geschäftszahlen seit dem zweiten Halbjahr. "Und die Ausblicke für 2021 zeugen durch die Bank von einem robusten wirtschaftlichen Umfeld."

Dividenden locken Investoren an

Unterstützend wirken Maurer zufolge auch die vergleichsweise hohen Gewinnausschüttungen der in Wien notierten Unternehmen. Gerade in einem Nullzinsumfeld, in dem Anleihen kaum oder keinen Ertrag abwerfen, gewinnen Aktien mit regelmäßigen, hohen Dividenden für Anleger an Attraktivität. Unter dem Strich erwartet er in Wien eine weiterhin positive Entwicklung, allerdings weniger stürmisch als zuletzt und mit zwischenzeitlichen Rückschlägen.

Aber sind Wiener Aktien nach den zuletzt steilen Anstiegen nicht schon zu teuer? "Dem widerspreche ich", betont 3-Banken-Generali-Chef Wögerbauer. Vielmehr erwartet er, dass das ein anhaltendes Nullzinsumfeld, wie er es erwartet, die Bewertungen von Aktien allgemein weiter in die Höhe treiben sollte – auch am Wiener Markt sieht er diesen Spielraum für die nächsten Jahre.

Allerdings bleibt der Wiener Börse ein Manko: Während die Aufwärtsbewegung viele neue Unternehmen an andere Börsen spült, herrscht in Wien weiterhin Ebbe. "Es ist schade, dass nichts Neues dazukommt", sagt Wögerbauer. "Aber ich befürchte, daran wird sich unmittelbar auch nichts ändern." (Alexander Hahn, 2.5.2021)