Gelingt es, neue Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung in vielen afrikanischen Staaten zu schaffen, kann die Wirtschaft davon profitieren, sagen Experten.

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2,1 Kinder muss jede Frau rein theoretisch durchschnittlich zur Welt bringen, damit eine Bevölkerung ohne Migration und mit gutem Gesundheitssystem in ihrer Zahl konstant bleibt. In Österreich sind es 1,47 Geburten, in Deutschland 1,57, in Italien schon nur noch 1,29. Das bedeutet: Ohne Zuwanderung würde unsere Bevölkerung seit knapp 50 Jahren schrumpfen.

Anders sieht die Entwicklung in vielen afrikanischen Staaten aus, selbst wenn auch dort die Geburten je Frau zurückgehen (siehe Grafik unten): 5,4 Geburten hat eine Frau im Durchschnitt in Nigeria, 5,9 in der Demokratischen Republik Kongo, 4,9 in Tansania. Bis 2050 soll sich die Bevölkerung Afrikas laut Vereinten Nationen (UN) auf rund 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln und der Anteil Afrikas an der Weltbevölkerung von heute 14 Prozent auf 22 Prozent wachsen – auch aufgrund der steigenden Lebenserwartung. Im Jahr 2100 könnte Asien seine Position als bevölkerungsreichster Kontinent nur noch knapp vor Afrika behaupten, heißt es in den UN-Prognosen.

Soweit die nüchternen Zahlen. In der politischen und öffentlichen Diskussion ist das Thema Bevölkerungswachstum oft ein Reizthema. Populisten warnen vor mehr Migration, einige Wissenschafter und Wissenschafterinnen vor den Auswirkungen auf den Klimawandel und Organisationen und Stiftungen vor den Folgen für die Armut. Aber sind die Argumente wirklich stichhaltig? Zeit, einige davon genauer unter die Lupe zu nehmen.

Argument 1: Bevölkerungswachstum führt zu mehr Migration

Besonders in westlichen Medien scheint Bevölkerungswachstum schnell mit Migration in Verbindung zu stehen. Das Bevölkerungswachstum Afrikas werde zu "Konflikten um Nahrung und Land, Wasser und Arbeit" und mehr Migration nach Europa führen, schreibt der "Spiegel". Der US-amerikanische Wissenschafter und Autor Stephen Smith spricht gar von einem baldigen "Ansturm auf Europa". Laut Smith werde in 30 Jahren ein großer Teil der europäischen Bevölkerung afrikanischer Abstammung sein.

Abgesehen davon, dass Migration auch viele Vorteile bringt, haben alarmistische Prognosen wie diese mit der Realität meist kaum etwas gemein. Laut Studien der UN migrieren 80 Prozent der Migranten weltweit innerhalb ihrer Region oder ihres Kontinents. Lediglich 2,2 Prozent der Bevölkerung Subsahara-Afrikas lebt außerhalb ihres Herkunftslands. Von diesen seien es nicht die Armen, sondern allen voran die finanziell besser Gestellten, die die Reise antreten würden. Laut Prognosen der UN werde die Zuwanderung nach Europa auch in den kommenden Jahren nicht signifikant ansteigen und auf einem relativen geringen Niveau bleiben.

Argument 2: Bevölkerungswachstum führt zu mehr Armut

Umso mehr eine Bevölkerung wächst, desto mehr müssen bestehende Ressourcen wie Nahrung, Arbeitsplätze und Wohnräume aufgeteilt werden, so das Argument. Die Folge: Das Wirtschaftswachstum kann mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten – die Armut im Land steigt.

"Diese Diskussionen gehen häufig an den Chancen des Bevölkerungswachstums vorbei", sagt Daniel Hegemann, Wissenschaftler am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das Schlagwort sei jenes der "demografischen Dividende": Steigt durch das Bevölkerungswachstum der Anteil der Bevölkerung, die arbeitet, kann die Wirtschaft davon profitieren. Dies ist der Fall, wenn der Anteil der zu versorgenden Kinder und Jugendlichen sinkt und die Zahl der Senioren und Seniorinnen und pflegebedürftigen Menschen noch gering ist, denn dann stehen der jeweiligen Volkswirtschaft überproportional viele junge Produktivkräfte zur Verfügung.

"Voraussetzung ist, dass die Menschen gesund und gut qualifiziert sind und dass es genügend Arbeitsplätze gibt", sagt Hegemann. Zudem brauche es stabile wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen. Andernfalls drohe die Gefahr, dass viele junge Menschen keine Perspektive haben. Die Gesellschaft könnte altern, bevor sie in der Lage ist, eine alternde Bevölkerung zu versorgen. Wichtig sei, vor allem auf die Bildung von Mädchen und Frauen zu setzen, da sie mit höherer Bildung im Laufe ihres Lebens durchschnittlich weniger Kinder zur Welt bringen und so bessere berufliche Möglichkeiten haben, so Hegemann.

Argument 3: Bevölkerungswachstum ist der Hauptgrund für den Klimawandel

Es sind allen voran populistische Parteien, die im Bevölkerungswachstum eines der größten Probleme für den Klimawandel sehen. Denn das Wachstum führe zu einer verstärkten Nutzung von Land und Ressourcen, die die Emissionen in die Höhe treiben, so das Argument. Auch für den britischen Entwicklungsbiologen Roger Short ist das Bevölkerungswachstum die größte Herausforderung für den Klimawandel.

Viele Experten sehen das anders. Das wahre Problem sei nicht die Überbevölkerung, sondern der übermäßige Konsum – allen voran in westlichen Industrieländern, kontern sie. Laut einer Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam waren die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zwischen 1990 und 2015 für mehr als die Hälfte der CO2-Emissionen verantwortlich, die ärmere Hälfte der Bevölkerung hingegen nur für sieben Prozent der Emissionen. Die Pro-Kopf-Emissionen in Afrika liegen meist bei unter einer Tonne CO2, während es in Österreich oder Deutschland sieben- bis zehnmal so viel sind.

Laut dem IPCC, dem UN-Expertengremium für Klimawissenschaft, hat das globale Bevölkerungswachstum die CO2-Emissionen zwar erhöht, aber nicht so stark, wie die steigenden Einkommen und der wachsende Konsum. Erfahrungsgemäß gehe ein hoher Lebensstandard mit niedrigen Geburtenraten einher. Auch wenn die Bevölkerung nicht weiter wachsen würde, würde der Klimawandel durch den steigenden Konsum weiter vorangetrieben werden.

Entscheidend sei daher vielmehr, wie sich der Lebensstil entwickelt. Anders ausgedrückt: Eine Welt mit vielen Menschen und erneuerbaren Energien ist wahrscheinlich besser für das Klima als eine mit wenigen Menschen und einem sehr großen Verbrauch an fossilen Energien.

Argument 4: Es braucht Maßnahmen wie eine "Ein-Kind-Politik", um die Bevölkerungsentwicklung zu verlangsamen

"Eine Ein-Kind-Politik wie jene in China ist nicht nur menschenrechtlich fragwürdig, sondern hat auch sehr große negative Folgen für die Gesellschaft", sagt Hegemann. Diese Politik habe etwa zu dem heute großen Männerüberschuss in China beigetragen.

Statt derart in Menschenrechte einzugreifen, sollte laut vielen Experten und Expertinnen lieber an anderen Problemen gearbeitet werden. "Zugang zu Sexualaufklärung, Gesundheitsversorgung, Bildung, verstärkte Geschlechtergerechtigkeit und der Zugang zu beruflicher Fort- und Ausbildung tragen dazu bei, langfristig die Geburtenrate eines Landes zu senken", sagt Angela Bähr, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

Frauen sollten darin gefördert werden, frei über ihren Körper, ihre Partnerschaft und die Zahl ihres Nachwuchses zu entscheiden und dafür moderne Verhütungsmittel zu nutzen. Oft mangle es jedoch an Zugang zu Sexualaufklärung, Familienplanung und den entsprechenden Gesundheitsdienstleistungen. Noch immer könne jede zweite Frau in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, die gerne eine Schwangerschaft vermeiden würde, dies nicht tun, so Bähr. "Aus diesem Grund sind schätzungsweise 42 Prozent aller Schwangerschaften in der Region unbeabsichtigt."

Sexualität und Familienplanung gehören nach wie vor zu den stigmatisierten Themenbereichen, die nur schwer anzusprechen sind, obwohl sie gleichzeitig immer im Raum stehen, so Bähr. Regierungen müssten die Rechte von Frauen im Alltag stärker schützen und Verstöße auch strafrechtlich verfolgen.

Die Kritik einiger afrikanischer Regierungschefs, wonach die Arbeit von Organisationen im Bereich der Familienplanung "westliche Einflussnahme" sei, lässt Angela Bähr jedenfalls nicht gelten. Mit dem Maputo-Protokoll der Afrikanischen Union gebe es bereits eine internationale Rechtsgrundlage, die sich Afrikaner und Afrikanerinnen selbst geschaffen haben, um sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen auch konkreter in den afrikanischen Staaten umzusetzen. "Der Bedarf von Mädchen und Frauen an diesen Verbesserungen ist offensichtlich da." (Jakob Pallinger, 8.5.2021)